
- Residenz Rastatt - Eberle
Ein Hitzkopf muss er gewesen sein, der Baumeister des Rastatter Schlosses. Mit der Eigenwilligkeit und dem aufbrausenden Temperament des Italieners hatte nördlich der Alpen so mancher Bauherr und Arbeitskollege seine Schwierigkeiten. Nicht so Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden. Der berühmte Türkenlouis wählte den vier Jahre jüngeren Domenico Egidio Rossi als Baumeister seiner neuen Residenz in Rastatt aus.
Rossis Ausbildung als Maler und Architekt
Geboren wurde Domenico Egidio Rossi am 1. September 1659 in der norditalienischen Stadt Fano an der Adria. Seine Ausbildung als Architekt und Architekturmaler erhielt er wohl in Bologna, das wie Fano damals zum Kirchenstaat gehörte. Spätere Aufträge führten ihn auch ins Heilige Römische Reich. Dass man Rossis Arbeit dort schätzte, zeigt die Liste seiner Auftraggeber, zu denen zwei der wohlhabendsten Familien des Reiches gehören – die Grafen von Czernin und das Haus Liechtenstein. Als Maler, Bauleiter und Entwerfer arbeitete Rossi an ihren Palais in Böhmen, Mähren und Wien. Hermann Jakob Czernin übertrug ihm 1692 die Leitung seines Bauwesens in Prag. Eine Schlägerei mit einem Stuckateur aus dem Umkreis eines Baumeister-Konkurrenten, wohl angeheizt, um den Italiener in Schwierigkeiten zu bringen, versetzte Rossi wenige Monate nach seiner Ankunft in der böhmischen Kunststadt jedoch derart in Rage, dass er sein Gegenüber in einer Kirchenvorhalle mit dem Degen bedrohte. Per Haftbefehl gesucht, floh Rossi vorübergehend nach Wien. Auf seine Verpflichtungen in Prag hatte er ab diesem Zeitpunkt offensichtlich nur noch wenig Lust. Die Übernahme anderer Aufträge hatte man ihm vertraglich freigestellt, und diese Klausel legte Rossi großzügig aus. Immer wieder vernachlässigte der Italiener seine Aufgaben in Böhmen, und schließlich auch die in Wien.
Rossi als markgräflicher Baumeister in Rastatt
Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden und seine Gemahlin Sibylla Augusta, mit Czernin bekannt, scheinen solche Probleme nicht abgeschreckt zu haben. Der Markgraf holte den Italiener 1697/98 als Leiter des baden-badischen Bauwesens in sein Land. Nach dem Ende des Pfälzischen Erbfolgekriegs (1688–1697), in dem französische Truppen die Region verwüstet hatten, gab es dort viel zu tun. In Rastatt, wo er zunächst ein Jagdschloss planen sollte, ließ Rossi sich bis 1707 dauerhaft nieder.
Rossis Entwurf für die Rastatter Residenz
1698 wurde mit dem Bau des Jagdschlosses begonnen. Doch im Winter 1699/1700 beschloss der Markgraf, die Stadt zu befestigen und anstatt des Jagdschlosses hier seine neue Residenz zu errichten. Als erfolgreicher Kriegsheld vom Kaiser nicht ausreichend belohnt, wünschte sich der frustrierte Ludwig Wilhelm ein Schloss, das seine Macht und seinen Ruhm mit allen Mitteln sichtbar zum Ausdruck brachte. Als erster Fürst am Oberrhein wählte er als Vorbild für die Gesamtanlage die barocke Residenz des Sonnenkönigs Ludwig XIV. von Frankreich aus: Ein Ensemble aus Dreiflügelanlage, Garten und regelmäßig geplanter Stadt. Drei Straßen sollten auf das Schloss zulaufen, ganz wie in Versailles. Der zunächst freistehende Hauptbau wurde bis auf die Kellergewölbe wieder abgerissen, wesentlich verbreitert und an die bestehenden Seitenflügel angeschlossen.
Im Innern plante Rossi zwei repräsentative, symmetrisch angelegte Treppenhäuser. Mit ihren durchbrochenen Decken über den Zwischenpodesten gehören sie zu den architektonischen Höhepunkten des Rastatter Schlosses. Die Dekorationen der ebenfalls italienischen Maler und Stuckateure – Paolo Manni, Giovanni Battista Artario und die Künstlertrio um Giuseppe Roli – präsentieren Ludwig Wilhelm, Türkensieger und Feind Ludwigs XIV., im Schloss als glorreichen Kriegshelden.
Schwierigkeiten beim Bau vor Ort
Als Bauleiter hatte Rossi mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen: Bei manchem Beamten war der Italiener wenig geschätzt und die zum Frondienst beim Schlossbau verpflichteten Einwohner kamen ihren Aufgaben teilweise nur schleppend nach. Ein für Rastatt und Kuppenheim zuständiger Fronschreiber, der sich erlaubte, Rossi zu verspotten und auszulachen, wurde auf Anweisung Ludwig Wilhelms zur Abschreckung drei Tage lang in einen Turm geworfen und „mit Wasser und Brot abgespeist“. Ludwig Wilhelm hatte es eilig, seine Residenz so schnell wie möglich zu vollenden. Rossi musste deshalb noch grünes, nicht ausreichend getrocknetes Holz einbauen – mit weitreichenden Folgen, wie sich später herausstellte.
In der ehemaligen Residenzstadt Baden-Baden kümmerte sich Rossi um die Erneuerung des Jesuitenkollegs und des markgräflichen Renaissanceschlosses, das teilweise wieder bewohnbar gemacht werden sollte. Dass man für beide Vorhaben auch den Bau- und Werkmeister Johann Jakob Rischer zu Rate zog, wollte der dickköpfige Italiener jedoch nicht dulden. 1701 beschwerte sich Rischer – nicht zum ersten Mal – über Rossis Schikanen bei Ludwig Wilhelm: „...hat er also gleich mir den Degen von der Seite reissen lassen, mit Befehl, mich in den Thurm zu werfen, ...auch mit harten Streichen tractiren lassen, daß ich schwerlich erkrancket und zu meiner Geneßung Doctor und Barbirer gebrauchen müßen“.
Die Rastatter Residenz – das Hauptwerk Rossis
Wenn er auch zeitweise an anderen Bauten in der Markgrafschaft beteiligt war, die Rastatter Residenz blieb Rossis größtes und wichtigstes Bauprojekt. Ludwig Wilhelm konnte sich über seinen Schlossbau nicht mehr lange freuen. Weniger als zwei Jahre nach dem Einzug der Familie in den Seitenflügel 1705 starb er im Januar 1707. Für Rossi, der nach Italien zurückkehrte, gab es 1708 noch ein Nachspiel: Schäden am Dachstuhl und an den Decken, unter anderem in der Sala Terrena (Gartensaal), veranlassten die Gemahlin des Markgrafen, Sibylla Augusta, eine Kommission einzusetzen, um die Verfehlungen Rossis zu prüfen. Im oberitalienischen Mantua wurde er verhaftet, aber bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Einsatz feuchten Bauholzes, zurückzuführen auf die Ungeduld des markgräflichen Bauherrn, war die hauptsächliche Ursache für die entstandenen Schäden. Den ungebrochenen Repräsentationswillen des badischen Markgrafen Ludwig Wilhelm ebenso wie die qualitätsvolle Architektur Rossis führt die Rastatter Residenz jedoch bis heute in beeindruckender Weise vor Augen.
