
- Die Frage nach dem Sinn von Sein - Gerd Altmann
Heidegger unterscheidet in seinem Werk "Sein und Zeit" zwei unterschiedliche Daseinsarten des Menschen, die er "Uneigentlichkeit" und "Eigentlichkeit" nennt. Uneigentlichkeit ist eine Existenzform, in der sich jeder Mensch zunächst und zumeist befindet. Heidegger nennt diese Art zu leben auch das "Man" oder das "Man-Selbst". Man lebt wie man eben lebt. Eingebettet in die Üblichkeit der sozialen Gemeinschaft ist man selbst nichts anderes als ein Widerschein der öffentlichen Normen.
Die Uneigentlichkeit ist unmittelbar und defizitär
Die Uneigentlichkeit ist unmittelbar, weil man in sie unversehens hineingerät. Man findet sich in diesem Zustand wieder, ohne ihn selbst gewählt zu haben. Denn für Heidegger ist der Mensch zunächst auf die Anderen bezogen wie der Fisch auf das Wasser. Seine ursprüngliche Existenzform ist demnach das "Mitsein", das heißt das Miteinander der Menschen.
Die Grundbefindlichkeit ist die Sorge, die sich aus dem Vergleich mit den Mitmenschen ergibt. Folgende Merkmale kennzeichnen unter anderem den Zustand der Uneigentlichkeit: Das Gerede, die Abständigkeit, die Durchschnittlichkeit, die Geschäftigkeit. Wesentlich an diesem Zustand ist die Austauschbarkeit der Personen. Jeder ist eine Kopie des Anderen, keiner ist er selbst. Die Uneigentlichkeit ist demnach defizitär, weil es in ihr einen Mangel an Individualität und Echtheit gibt. Zum Beispiel ergibt sich die Meinung eines solchen Menschen zu einer bestimmten Frage nicht aus der konzentrierten Beschäftigung mit der Sache selbst, sondern aus der Wiederholung des allgemein üblichen Geredes der Öffentlichkeit.
Die Sinnfrage als Anlass für die Konversion zur Eigentlichkeit
Jeder Mensch stellt sich die Sinnfrage. Aber es gibt zwei verschiedene Arten des Umgangs damit. Man kann vor der Frage fliehen oder man kann sich ernsthaft mit ihr auseinandersetzen. Das Ergebnis einer solchen echten Beschäftigung ist Heidegger gemäß vernichtend. Denn im Zustand der Uneigentlichkeit stellt sich die Welt und die eigene Existenz als belanglos und unbedeutsam dar. Heidegger schreibt dazu:
"Die völlige Unbedeutsamkeit, die sich im Nichts und Nirgends bekundet, bedeutet nicht Weltabwesenheit, sondern besagt, dass das innerweltlich Seiende an ihm selbst so völlig belanglos ist, dass auf dem Grunde dieser Unbedeutsamkeit des Innerweltlichen die Welt in ihrer Weltlichkeit sich einzig noch aufdrängt." (Heidegger, Seite 187)
Die Sinnlosigkeit der Welt öffnet allerdings den Blick für einen Abgrund an neuen Möglichkeit. Denn in einer sinnlosen Welt offenbart sich mir die Möglichkeit, den Sinn selbst zu bestimmen. Die Sinnlosigkeit der Welt spiegelt mir meine eigene Wahlfreiheit wider. Die Freiheit, mein eigenes Selbst zu wählen, unbezüglich, unaustauschbar, unersetzbar. Man hat die Wahl, weiterhin als Kopie der Anderen zu existieren oder zu einem Individuum zu werden.
Der uneigentliche Tod als ein Beispiel für die Uneigentlichkeit des Daseins
Der Tod ist eine gute Möglichkeit, zwischen dem Zustand der Uneigentlichkeit und dem der Eigentlichkeit zu unterscheiden. Im Zustand der Uneigentlichkeit wird der Tod im Sinne des öffentlichen Geredes verhandelt. Es fallen Sätze wie "Alle Menschen sind sterblich." Hier wird zwar über den Tod geredet, aber er wird nicht realisiert. Der Mensch der Uneigentlichkeit lebt so, als ob er ewig leben würde. Obwohl er wegen der großen Betriebsamkeit keine Zeit hat, lebt er doch in dem Bewusstsein, dass die Zeit unendlich ist. Beschäftigt mit öffentlichen Angelegenheiten, bedrängt von den Problemen des Tages, erstreckt sich für ihn das Leben ins Unendliche. Dieser Mensch hat einen uneigentlichen Zeitbegriff, weil er den Tod im Sinne der Uneigentlichkeit begreift.
Der eigentliche Tod als ein Beispiel für die Eigentlichkeit des Daseins
Die Wahl des eigenen Selbst führt zwangsläufig zum Problem der Ganzheit des Daseins. Man realisiert, dass sich das Leben von der Geburt bis zum Tod erstreckt, dass die eigene Existenz endlich ist und dass ohne die Einbeziehung des eigenen Todes die Ganzheit des Lebens unerreichbar ist. Man erkennt, dass der Tod ein wesentlicher Bestandteil des Lebens ist und nicht das Gegenteil desselben. Die eigene Existenz ist ein Sein zum Tode und nur die Realisierung dieser Tatsache ermöglicht die Wahl des eigenen Selbst. Denn der Tod ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, mir die Unaustauschbarkeit meiner Existenz zu vergegenwärtigen. Bei meinem eigenen Tod bin ich unersetzbar. Ich sterbe unaustauschbar und unvertretbar.
Das eigentliche Selbst ist Zeitlichkeit
Über die Auseinandersetzung mit der Sinnfrage steht man vor dem Problem, sein eigenes Selbst zu wählen. Dann ist die philosophische Frage nicht weit entfernt, was das eigentlich sei, dieses "Selbst". Was meint man, wenn man "Ich" sagt. Heidegger lehnt alle philosophischen Theorien ab, die aus dem "Ich" eine Substanz machen wollen. Eine solche Substanzlehre des "Ich" findet man zum Beispiel bei Descartes, der nach Ansicht Heideggers mit seinem "Cogito, ergo sum" das "Ich" zu unrecht substantialisiert hat. Umso dringlicher stellt sich die Frage nach der Existenzweise des "Ich". Heidegger findet eine überraschende Antwort. Das "Ich" ist Zeitlichkeit, genauer, es ist die individuelle Geschichtlichkeit des Menschen. Demnach ist das "Ich" keine Substanz, die von Jetzt-Punkt zu Jetzt-Punkt schreitet und im Fluss der Zeit auf eine geheimnisvolle Weise seine Identität bewahrt, sondern es ist die individuelle ekstatische Einheit der drei Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die sich von der eigenen Geburt bis zum eigenen Tod erstreckt.
Die Bestimmung des Menschen ist die Lichtung des Seins
Damit sind wir zum Kern der Philosophie Heideggers durchgedrungen. Über den Versuch, die Natur des eigenen Selbst aufzuklären, ist er zum Begriff der "Zeitlichkeit" gelangt und damit zu einem großen Problem der Philosophiegeschichte. Die traditionelle Philosophie, insbesondere Aristoteles, fasste die Zeit im Sinne der Weltzeit auf, also als eine unendliche Abfolge von zählbaren Jetzt-Punkten. Kant und Hegel haben die Situation verbessert, indem sie die Zeit einerseits subjektivierten (Kant) und andererseits vergeistigten (Hegel). Aber auch Kant und Hegel sind nicht bis zum Begriff der Zeitlichkeit als einer individuellen ekstatischen Einheit der Zeitdimensionen gelangt. Heidegger hält diese Entdeckung für so bedeutsam, dass er in ihr einen Horizont für die Frage nach dem Sinn von Sein überhaupt sieht. Hier offenbart sich die große ontologische Bedeutung der Konversion von der Uneigentlichkeit zur Eigentlichkeit. Denn nur in der Eigentlichkeit gelangt der Mensch in einen Zustand, der seiner eigentlichen Aufgabe, ein Zeuge des Seins zu sein, entspricht.
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Quellen:
- Heidegger, Sein und Zeit, Niemeyer, Tübingen, 1986
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