
- Wille und Ziel bei Sartre - Stefan Bayer/pixelio.de
Beim Studium der Sekundärliteratur über Sartre stößt man schnell auf widersprüchliche Interpretationen seiner Philosophie. Ein gutes Beispiel dafür ist der Begriff der "Willensfreiheit". In diesem Artikel sollen zwei konträre Ansichten über diesen Begriff vorgestellt werden. Mittels einiger Zitate aus dem Originalwerk Sartres wird nachgewiesen, welche dieser beiden Ansichten die richtige ist.
Vertritt Sartre die klassische Theorie der Willensfreiheit?
Einige Interpreten sind der Ansicht, dass Sartres Freiheitsbegriff mit der klassischen Willensfreiheit - wie etwa bei Kant - gleichzusetzen sei. Eine solche Auffassung vertritt zum Beispiel Heiner Hastedt in seinem Buch "Sartre". Er schreibt dort unter anderem: "Wenn Sartre seine These der Wahlfreiheit vertritt, wird er üblicherweise so verstanden, dass er sich der klassischen These der Willensfreiheit anschließt" (Hastedt, Seite 52). In einer weiteren Textstelle behauptet Hastedt sogar, dass man bei Sartre zugespitzte Thesen zur Willensfreiheit findet. (Hastedt, Seite 53)
Widerspricht Sartre der klassischen Theorie der Willensfreiheit?
Es gibt aber auch Sartreforscher, die in seiner Freiheitstheorie einen Widerspruch zur klassischen Willensfreiheit sehen, so zum Beispiel Peter Kampits in seinem Aufsatz "Willensfreiheit". Dort findet man die folgenden Textstelle: "Denn für Sartre ist die gesamte Problematik der Willensfreiheit im Grunde genommen obsolet" (Kampits, Seite 58). Kampits weist weiterhin darauf hin, dass für Sartre die willentliche Entscheidung immer schon verfälscht ist. (Kampits, Seite 58)
Eine von den beiden Deutungen muss falsch sein
Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Es ist klar, dass nicht beide Deutungen von Sartres Freiheitsbegriff richtig sein können. Entweder hat Hastedt recht und Sartre vertritt die klassische Theorie der Willensfreiheit, wie zum Beispiel Descartes oder Kant, oder Kampits hat recht und für Sartre ist diese Philosophie der Willensfreiheit obsolet, weil die willentliche Entscheidung immer schon verfälscht ist. Der Laie ist verwirrt, weil er geneigt ist, solchen Autoritäten zu vertrauen, zumal wenn deren Ansichten in Büchern renommierter Verlage veröffentlicht worden sind. Es bleibt dem Laien nur, sich selbst zum Fachmann zu machen und das Originalwerk Sartres zu studieren. Was findet er dort?
Sartre ist hinsichtlich der Willensfreiheit eindeutig
Das Erstaunen des Laien, der dabei ist, sich selbst zum Fachmann zu machen, indem er die Originalwerke Sartres studiert, wird bei der Lektüre von "Das Sein und das Nichts" immer größer. Denn er findet dort eine Textstelle nach der anderen, die Sartre eindeutig als Gegner der klassischen Willensfreiheit kennzeichnen. Aus Platzgründen sollen hier nur eine Textstelle zitiert werden: "Eine ziemlich verbreitete Tendenz geht ja darauf hin, die freien Handlungen den Willensakten gleichzusetzen und die deterministischen Erklärungen der Welt der Leidenschaft vorzubehalten. Das ist im Grund der Gesichtspunkt Descartes...Man sieht, dass wir eine derartige Auffassung keinesfalls übernehmen können." (Sartre, Seite 766/767).
Es gibt keinen Zweifel daran, dass Sartre kein Anhänger der Willensfreiheit ist
Die Entscheidung ist also gefallen. Kampits hat recht und Hastedt liegt daneben. Sartres Freiheitsbegriff kann nicht im Sinne der klassischen Willensfreiheit gedeutet werden und erst recht finden wir bei ihm keine "zugespitzten Thesen zur Willensfreiheit". Richtig ist dagegen - wie Kampits feststellt - , dass für Sartre die ganze Problematik der Willensfreiheit " im Grunde obsolet ist." Sie beruht nämlich auf einem falschen Modell des menschlichen Bewusstseins, nach dem dieses eine Art von Kampfarena ist, in der Wille und Leidenschaft miteinander ringen. Willensfreiheit bedeutet dann, dass der Wille unabhängig von den Leidenschaften Handlungen initiieren kann. Sartre spricht diesbezüglich auch abwertend von einem "psychologischen Manichäismus".
Die Freiheit bezieht sich auf das gesamte menschliche Sein
In der Theorie der Willensfreiheit ist der Mensch teilweise frei und teilweise unfrei. Der Wille ist die Manifestation der Freiheit und die Leidenschaft die Manifestation der Unfreiheit. Im Gegensatz dazu ist bei Sartre der Mensch vollkommen frei. Die Freiheit bezieht sich bei ihm sowohl auf den Willen als auch auf die Leidenschaften. Die Freiheit ist für Sartre das Kennzeichen des gesamten menschlichen Seins. Bei Sartre ist nicht der Wille frei, sondern der Mensch ist Freiheit. Man könnte - obwohl Sartre diesen Ausdruck nicht gebraucht - von Menschenfreiheit sprechen. Er gebraucht stattdessen die Ausdrücke "Wahlfreiheit" oder "Entwurfsfreiheit".
Durch die Freiheit kommen Sinn und Zweck in das sinnlose An-sich-sein
Für Sartre ist das vom Menschen unabhängige An-sich-sein sinnlos. Jedes Geschehen, jede Veränderung ist also eine vollkommen bedeutungslose Umordnung des Seienden. Sinn und Zweck, Gut und Schlecht, Wertvolles und Wertloses kommen durch die menschliche Freiheit zur Welt. Denn als ursprünglich Nicht-Seiendes können sie nicht kausal erzwungen worden sein. Sie sind auch keine Vorgabe Gottes, denn einen Gott gibt es nicht. Also ist der Mensch, und zwar jeder einzelne Mensch, der Schöpfer seiner eigenen Welt, zwar nicht dem Sein nach, aber doch dem Sinn nach.
Der Wille gehört zum reflexiven Bewusstsein
Erst im Rahmen einer solchen präreflexiv erlebten und mit Sinn und Zweck versehenen Welt kann sich so etwas wie eine willentliche Entscheidung bilden. Denn die willentliche Entscheidung erfolgt im Rahmen einer reflexiven Bewusstwerdung des Menschen über sich selbst und über seine Welt. Das reflexive Bewusstsein - und damit auch die willentliche Entscheidung - ist aber abhängig von der präreflexiven Erlebniswelt des Menschen, deren Sinn- und Zwecksetzungen Ausfluss eines spontanen Selbst-und Weltentwurfes dieses einen Menschen sind. Wenn der Wille interveniert, ist das Spiel schon aus. Der Wille ist durch den Initialentwurf prädestiniert.
Detaillierte Erläuterungen zum Begriff des Willens bei Sartre finden Sie hier.
Quellen:
- Sartre, Das Sein und das Nichts, Rowohlt, 2009
- Hastedt, Sartre, Reclam, 2005
- Kampits, Über Sartre, Turia+Kant, 2005
