
- Auf der Suche nach einer neuen Stadt - seier+seier
Anfang der 1990er Jahre kam es in überregionalen Zeitungen zu einem viel beachteten Streit zwischen bedeutenden Architekten. Ausgangspunkt dieser Debatte war zunächst eine Kritik an der zeitgenössischen Architektur, welche sich dann aber in einen grundsätzlichen Streit über die Diskursfähigkeit der Architekturkritik wandelte. Nebenbei kam es dabei aber auch zu einigen Äußerungen darüber, was denn unter der Architektur einer Stadt zu verstehen sei.
Provokationen der Postmoderne
Der erste Artikel kam dabei von Vittorio Lampugnani, Direktor des Frankfurter Architekturmuseum, mit einem Artikel im Spiegel (51/1993). In seiner Schrift „Die Provokation des Alltäglichen“ prangert er die Gefälligkeiten und Unverbindlichkeiten der Postmoderne an: Eine Architektur des übersteigerten Individualismus sei, so Lampugnani, nicht geeignet, zeitgemäße Probleme zu lösen. Die postmoderne Architektur sei demnach geprägt von sinnlosen städtebaulichen Einfügungen und schlechten Grundrissen. Er fordert mehr Konvention in der Architektur: „Auch die Architektur muss von den Festen der Geschwätzigkeit und den Orgien des Tiefsinns, denen sie gefrönt hat, Abschied nehmen, um wieder die praktische Vernunft zu ihrer Richtschnur zu machen.“
Kritik der postmodernen Architektur
Die Antwort darauf kam von Daniel Libeskind: In seinem Artikel „Die Banalität der Ordnung“ (Frankfurter Rundschau am 09.03.1994) sieht er die Verwirklichung von großen Visionen gefährdet und lehnt grundsätzlich jegliche Reglementierungen und Kontrollen ab, da diese unweigerlich Gleichförmigkeit erzeugten. Weiterhin appelliert er an die Architektur, sich mit widersprüchlichen Meinungen und Interpretationen auseinander zu setzten: „Wenn Architektur nur noch als eine Technik begriffen wird, um die ‚Kleinbürger’ so vollkommen auf die Zeit abzurichten, dass ihnen jedes andere Bedürfnis als das nach Ruhe vergeht, dann stimmt etwas nicht. Solcherart Denken und Bauen wird zum Instrument, die Menschen an der Erkenntnis zu hindern, die sie zu echten Fragen an Architektur befähigen würde.“
Setzen eines neuen Rahmens
Weiterhin erschien einige Zeit später der Artikel „Die Provokation des Gestrigen“ von Dieter Hoffmann-Axthelm (Die Zeit vom 01.04.1994). Als aller Erstes erklärt dieser Lampugnanis Artikel als eine einzige Peinlichkeit. Dabei wirft er Lampugnani ebenfalls vor, mit seiner Kritik bediene er vor allem die „überforderten Zeitgenossen“ und seine Forderung nach Konventionalität sei nur eine versteckte Forderung nach Markthegemonie. Hoffmann-Axthelm setzt dem eine Stadtgesellschaft entgegen, die den passenden Rahmen liefert, in dem viele Architekturen ihren Platz finden können. Gemeint seien damit jedoch vor allem Regeln für Investoren. Das letzte was demnach benötigt würde, sei eine neue Architekturkritik. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Aufgabe einer Stadt im Setzen des Rahmens liegt, innerhalb dessen sich die jeweiligen individuellen Ambitionen entfalten können. Diese Debatte bildete dann auch den Startschuss für weitere Diskussionsrunden, in denen Grundsatzfragen der Architektur geklärt werden sollten.
Zum Weiterlesen:
Kähler, Gert (Hg.) (1995): Einfach schwierig. Eine deutsche Architekturdebatte. Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg.
