Der berühmte Kniefall von Willy Brandt vor 40 Jahren in Warschau

1970 reiste Willy Brandt zum ersten Mal nach Polen - HAUK MEDIEN ARCHIV / Alexander Hauk / pixelio.de
1970 reiste Willy Brandt zum ersten Mal nach Polen - HAUK MEDIEN ARCHIV / Alexander Hauk / pixelio.de
Am 7. Dezember vor 40 Jahren kniete Willy Brandt vor dem Denkmal für ermordete Juden in Warschau. Damit überraschte er gleichermaßen Westen und Osten.

Willy Brandt stattete vor 40 Jahren einen dreitätigen Besuch im Nachbarland Polen ab, um den Normalisierungsvertrag zu unterzeichnen. Im Vorfeld verhandelten beide Seiten intensiv über den Text dieses Übereinkommens. Besonders strittig diskutierte man die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und die Ausreise der „polnischen“ Deutschen in die Bundesrepublik. Der deutsche Kanzler zeigte bereits 1968 Verständnis, dass die Nachbarn in gesicherten Grenzen leben und „kein Staat auf Rädern sein wollen“. In der Aussöhnung sah er eine moralische und politische Pflicht.

Willy Brandt zum ersten Mal in Polen

Brandt kam damals zum ersten Mal nach Polen, aber mit Polen knüpfte er schon früher Kontakte: Er kämpfte im schwedischen Exil gegen Nazis zusammen mit den polnischen Sozialisten. Und nach dem Zweiten Weltkrieg berichtete er für die norwegische Presse vom Kriegsverbrecher-Prozess in Nürnberg, wo er das Ausmaß des Unrechts im besetzten Polen kennen lernte. „Es war eine ungewöhnliche Last – gestand Willy Brandt in seinen „Erinnerungen“ – die ich auf meinen Weg nach Warschau mitnahm. Nirgends hatte das Volk, hatten die Menschen so gelitten wie in Polen. Die maschinelle Vernichtung der polnischen Judenheit stellte eine Steigerung der Mordlust dar, die niemand für möglich gehalten hatte“.

Routinierter Plan, unerwarteter Kniefall

Die Visite des deutschen Kanzlers sollte nach einem routinierten Plan verlaufen: Unterzeichnung des Vertrags, politische Gespräche, Pressekonferenz. Am 7. Dezember 1970 standen in seinem Programm zwei Kranzniederlegungen, zunächst am Grabmal des Unbekannten Soldaten, dann am Warschauer Ghetto-Monument. Einer der deutschen Berichterstatter beschrieb den Augenblick vor dem Denkmal für ermordete Juden folglich: „Dann kniet er, der das nicht nötig hat, für alle, die es nötig haben, aber nicht knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können“. Die Geste von Willy Brandt überraschte in Westen wie in Osten. „Ich war dabei, und es ist tatsächlich etwas Großes geschehen. Ich fühlte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen“, schrieb Mieczyslaw Rakowski, der Chefredakteur der polnischen Wochenzeitschrift „Polityka“, in seinem Tagebuch.

Das Bild des knienden Kanzlers

Das Bild des knienden Kanzlers ging um die ganze Welt, es erschien jedoch nicht in Polen. Keine einzige polnische Zeitung veröffentlichte das Foto. Eine Ausnahme bildete „Folkssztyme“ auf Hebräisch. Bis 1989 waren das Bild und die Geste den Polen wenig bekannt. Die polnische kommunistische Führung hatte noch in Erinnerung die Konfrontation mit den Juden 1968, deswegen drängte sie das Thema in Hintergrund. In der Bundesrepublik dagegen nahem laut einer Spiegel-Umfrage vom 14. Dezember 1970 84 Prozent der Bürgerinnen und Bürger den vorm Denkmal knienden Kanzler in der Zeitung oder im Fernsehen wahr. Mit geteiltem Empfinden allerdings: 41 Prozent fanden die Geste angemessen, 48 Prozent - übertrieben.

Fragen an Brandt, ob er den Kniefall geplant hat

Die Spontaneität des Kniefalls wurde im Nachhinein angezweifelt. Brandt musste sich den Fragen stellen, ob diese Geste geplant gewesen war. „Nein, das war sie nicht – betonte Willy Brandt nochmals in seinen Erinnerungen - Meine engen Mitarbeiter waren nicht weniger überrascht als jene Reporter und Fotografen, die neben mir standen, und als jene, die der Szene ferngeblieben waren, weil sie „Neues“ nicht erwarteten“. Er tat es „unter der Last der Millionen Ermordeten“, in einem Moment, in dem die Sprache versagt habe.

Zitate und Quellen:

1. Willy Brandt, Erinnerungen. Verlag Ullstein. Frankfurt am Main 1994. 554 Seiten. 2. Krzysztof Ruchniewicz, Zögernde Annährung. Thelem. Dresden 2005. 334 Seiten

Bildnachweis: HAUK MEDIEN ARCHIV / Alexander Hauk / www.alexander-hauk.de / pixelio.de

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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