
- greif zur feder - sabine soelbeck
Am 24. April 1959 findet die 1. Bitterfelder Konferenz Kulturpalast des Elektrochemischen Kombinats Bitterfeld statt. Die Wahl des Ortes vermittelt das Programm: den Zusammenhang von Ökonomie und Kultur.
Der Bitterfelder Weg steht für eine ideologische Offensive.
Danach sollten wirtschaftspolitische und kulturpolitische Interessen aufeinander abgestimmt werden. Günther Rüther nennt das Bitterfelder Programm „eine eigene kulturpolitische Bewegung, ohne jedoch die Doktrin des sozialistischen Realismus aufzukündigen“.
Auf der 1. Konferenz äußert Walter Ulbricht: „Die Aufgabe besteht darin, auf der Grundlage des Aufbaus des Sozialismus die neue sozialistische Nationalkultur zu schaffen und mit ihrer Hilfe den Kampf um die Überwindung der Überreste der kapitalistischen Ideologie, der kapitalistischen und bürgerlichen Gewohnheiten zu führen. Gleichzeitig besteht die Aufgabe darin, mit künstlerischen Mitteln den Kampf gegen die imperialistische und faschistische Ideologie und die bürgerliche Dekadenz zu führen, die vom Westen her einwirken.“
Das impliziert eine Neugestaltung des sozialistischen Realismus.
Mit dem Ziel, die Umgestaltung der Volkswirtschaft mit dem kulturellen Leben zu verbinden, um die Entwicklung des Sozialismus zu beschleunigen. Aufgabe war, „motivierend auf die wissenschaftlich - technische Entwicklung und Produktionssteigerung einzuwirken“. Es sei auch daran erinnert, dass die SED auf dem V. Parteitag im Juli 1958 die Ankurbelung der Wirtschaft zur politische Hauptaufgabe erklärte. Praktisch hieß das, Künstler sollen in die Betriebe gehen und von diesen Erfahrungen in Romanen, Erzählungen, Theatertexten über das Heldentum der Arbeit berichten. Und zwar galt das nicht ausschließlich für etablierte Künstler, sondern für die „Werktätigen“.
Auf die Losung „Arbeiter, erstürmt die Höhen der Kultur“ (V. Parteitag), folgte der Aufruf an die Arbeiter: „Greif zur Feder, Kumpel!“.
In einem schmalen Heftchen (von 1965) finden sich Anhaltspunkte, wie dieser Weg gedacht war: „Wo immer auch ein Ort liegen mag, vor jeder Gemeinde in unserer Republik steht die Aufgabe, den umfassenden Aufbau des Sozialismus schnell und mit den geringsten Reibungsverlust zu bewältigen. Kein Sektor des gesellschaftlichen Lebens darf zweitrangig behandelt werden, weder der politische noch der wirtschaftliche oder der geistig-kulturelle. Sie stellen eine Einheit dar.“
Diese Einheit wird als Dreieinigkeit von Politik, Wirtschaft und Kultur beschworen. Reinowski erinnert daran, was Genosse Ulbricht auf der 2. Bitterfelder Konferenz 1964 sagte: „Es ist kein Zufall, daß wir nicht von Bitterfelder Beschlüssen, sondern vom Bitterfelder Weg sprechen. Der Bitterfelder Weg, das ist die Marschroute, die wir nach demokratischer Aussprache mit Künstlern und Werktätigen gewählt haben. Um die Entwicklung der sozialistischen Nationalkultur zu beschleunigen, um die Schaffung bedeutender Kunstwerke aus dem Leben des Volkes zu erreichen, die unsere Menschen bereichern und anregen, die Anforderungen, die die technische Revolution und der umfassende Aufbau des Sozialismus an sie stellen, zu erfüllen, und nicht zuletzt, um die Entwicklung der künstlerischen Selbstbetätigung der Werktätigen zu gewährleisten, haben wir diesen Weg beschritten.“
Unabdingbar ist das Kollektiv.
Das wichtigste Mittel für die Umsetzung der Aufgabe; speziell muß das „Lebensniveau der Landbevölkerung dem der Stadtbevölkerung“ angeglichen werden; beispielsweise durch gemeinsames Singen und Musizieren oder durch die Arbeit im „Zirkel schreibender Arbeiter“. Ausdrücklich heißt es, die Kulturbewegung darf keinem „Selbstzweck“ dienen, sondern der „Einheit von Politik, Wirtschaft und Kultur“.
Warum gerade die Literatur in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzungen gerückt ist, wird mit der
Wichtigkeit von Literatur im allgemeinen und besonderen begründet. „Ein Steuerinstrument der Worttransformation par excellence war und ist die Literaturpolitik. Die in unzähligen Beschlüssen der Partei formulierte und den Schriftstellern zugewiesene Aufgabe ist es, gemäß den ideologischen Direktiven an der Bewußtseinsbildung und der Hervorbringung von Handlungsmotivationen teilzunehmen, wie sie nach den Intentionen der SED für das individuelle Verhalten der Menschen in der sozialistischen Gesellschaft beschaffen sein sollen.“
Bewußtseinsbildung durch Handlungsmotivation.
Bachmann argumentiert über die Zielstellung der DDR und den Führungsanspruch der Partei, der vor allem auf der Behauptung „der prinzipiellen Identität der Interessen der Bürger im sozialistischen Staat“ aufbaute, und aus welcher er seine Legitimität ableitete. Die Basis des historischen Materialismus war zu abstrakt, um das Menschenbild der politischen Kultur zu prägen. Anders war das bei Leitbildern, die mittels Propaganda in Schulen, Unis und Medien verbreitet wurden.
Auch Dieter Schiller verweist auf das Grundkonzept der Funktion der Kunst als Bewußtseinsbildung der Massen: „Das langfristige Programm einer grundlegenden Veränderung des Bewußtseins und der Lebensweise mittels kultureller Aktivität erhielt seine Konturen erst mit der Bitterfelder Konferenz im Jahr 1959.“
Die Krise 1956 war ausschlaggebend für die kulturpolitischen Orientierungen des späteren Bitterfelder Weg. Wegen der politischen Spannungen des Frühjahrs 1956 forderte die Parteiführung endgültig eine sozialistische Nationalliteratur, in Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Entwicklung.
Die Wichtigkeit der Literatur wird verdeutlicht.
Am 2. Mai 1956 hatte das Politbüro beschlossen, eine Besprechung mit den Genossen Schriftstellern durchzuführen. Am 4. September fand die Aussprache statt, neben Parteimitgliedern waren namhafte Schriftsteller geladen, die der SED nicht unbedingt angehörten. Es wurde versucht, die Stimmungslage der Schriftsteller zu sondieren.
Es entwickelte sich ein kontroverser Dialog zwischen Heym und Ulbricht. Für Heym ist ein Problem, für die Regierung zu sein und trotzdem nicht ganz die Wahrheit schreiben zu können. Er sagt, die Literatur baue auf der Fiktion auf, dass die Menschen einen Staat wie den unsrigen wollen. Literatur könne aber auf dieser Fiktion nicht aufbauen, es müsse von Konflikten gesprochen werden, es müsse eine intelligente Zensur her, und Fakten an die Medien. Erst dann könne eine sinnvolle Diskussion folgen, in Hinblick darauf, was die wirkliche Idee des Sozialismus und seine angemessene Regierungsform ist: wie Demokratie und Sozialismus unter einen Hut zu bringen wären.
Arnold Zweig fordert, die Regierung müsse vor dem Volk die gemachten Fehler eingestehen. Selbst Willi Bredel(parteikonform) vermißt eine gründliche Auseinandersetzung mit Personenkult und Stalinismus. Kuba weist auf den Mangel an Vertrauen der Bevölkerung zur Partei hin, vor allem auf die Arbeiter (kommt einer mit dem Parteiabzeichen schweigen sie). Paul Wandel weist Fragen über Ursachen, Wesen und Wirkung des Stalinismus ab, mit einer kleinen Einschränkung bezüglich des Führungsanspruchs der Partei über die Kunst, welcher indirekt sein solle. Ansonsten gilt das Vorbild Brecht, die revolutionäre Kunst der 20er und 30er Jahre.
Zum zweiten Teil des Bitterfelder-Weges.
