
- greif zur feder - sabine soelbeck
Im Mai 1956 kam es wie erwähnt zur Besprechung der Literaturlage zwischen Schriftstellern und Politbüro. Die Diskussion wird erstaunlich offen geführt. Doch Walter Ulbricht kürzt die Sache ab. Keine Fehlerdiskussion! Ulbricht resümiert, der 4. Schriftstellerkongreß hat sich die Aufgabe einer sozialistischen Nationalliteratur gestellt, wirtschaftliche Fragen seien ohne Änderung des Geisteslebens nicht zu lösen, und deshalb muß es eine kulturelle Revolution geben, und die Schriftsteller müssen sich mehr mit dem Leben verbinden. Allgemeine Standardformeln Ulbrichts über die Kunst waren: „Wem nützt das? Was bringt das? ... Ja und, was hat die Arbeiterklasse davon? Was hilft diese Kunst den Werktätigen bei ihrem Kampf? Was gibt sie ihnen?“ Ulbricht fordert die Künstler auf, „die Schönheit des Lebens unserer sozialistischen Gesellschaft“ darzustellen. Maßgebend für diese Schönheit waren beispielsweise das Gemälde von Walter Womacka „Rast vor der Ernte“ (leuchtende Farben und Optimismus) oder Lea Grundigs Bild „Drei von der Brigade Makarenko“ (Repräsentanten der befreiten Arbeiterklasse).
Wie wurde die neue Marschroute umgesetzt?
Aufgrund hoher staatlicher Förderung und Werbung gründen sich zahlreiche Zirkel; u.a. entstehen 18 000 Volksgruppen und Zirkel schreibender Arbeiter, 133 Laientheater, was einzigartig in deutscher Geschichte kultureller Bewegung ist; der Kunstpreis des FDGB wird eingeführt, um der Kritik an der Isolierung der Kunst vom Leben entgegenzuwirken. Das alltägliche Geschehen am Arbeitsplatz soll festgehalten werden. Vorwiegend entstehen Reportagen und Tagebücher. Einige Autoren machen die Sache mit Niveau; u.a. die Wissmuth-Kumpel Horst Salomon, Werner Bräuning und Martin Viertel. Es folgen zahlreiche Veröffentlichungen. Verlage und Lektoren achten darauf, dass sich der Dilettantismus in Grenzen hält, indem sie den Arbeitern gemäß der ideologischen Absicht Leitfäden aushändigten.
Bereits 1960 auf der Kulturkonferenz, muß der Bitterfelder Weg korrigiert werden.
Das hat vor allem mit der literarischen Qualität zu tun. Wegen des allgemein abgefallenen literarischen Niveaus werden anerkannte Schriftsteller gebeten, kameradschaftlich mit den Arbeitern umzugehen. Doch die kulturelle Massenbewegung stagniert. Der Schriftsteller Franz Fühmann war der Idee gefolgt und in die Produktion gegangen. Der oft zitierte Brief an Kulturminister Bentzien verdeutlicht ziemlich genau die Probleme: „Ich halte es aber in meinem Fall für falsch, dies Bemühen rein quantitativ fortzusetzen: (...) es langt zu einer politischen Debatte, aber nicht zu einer künstlerischen Gestaltung. Was zum Beispiel empfindet ein Mensch, der weiß, daß er sein ganzes Leben lang so ziemlich dieselbe Arbeit für so ziemlich dasselbe Geld verrichten wird, als beglückend und was als bedrückend an eben dieser Arbeit; wo bringt sie ihm Reize, wo Freude, wo Leid ... Ich weiß es nicht ... und der Arbeiter spricht, obwohl er meine Freund ist, nicht darüber, weil es für ihn die allerselbstverständlichsten Dinge sind, so selbstverständlich, daß man die Frage danach gar nicht versteht, weil man die Antwort eben in Fleisch und Blut hat, nicht im Mund.“
In Brigitte Reimanns Roman „Ankunft im Alltag“ oder Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ wird eine „schlichte Wahrheit“ (B. Reimann im Neuen Deutschland) offenbar.
Die Produktion zeige den Charakter der Menschen, die vor allem auf die Lohntüte warten, und denen es wichtiger ist, einen Fernseher und bald ein Auto zu haben. Der geteilte Himmel wird von Wolf im VEB Waggonbauwerk angesiedelt; sie beschreibt neben menschlichen Konflikten, auch Mängel in der Produktion, von mangelnden Baumaterialien und Fehlplanung, die das Kollektiv eher zu sprengen drohen. Die sozialistische Wirklichkeit sah etwas anders aus. Doch passte Heldentum und offensichtliche Mängel zusammen?
Hat die belletristische Literatur „als Medium der Ideologiedistribution“ ihre von Partei und Staat zugewiesene Aufgabe erfüllt, fragt Bachmann. Etwa seit 1965, nach seiner Meinung, avancierte die belletristische Literatur „zum Indikator des tatsächlichen Gesellschaftszustandes“. Seine differenzierten Beispiele aus der Romanliteratur nonkonformistisch denkender Autoren unterstützen seine These.
Zum ersten Teil des Bitterfelder Weges in der DDR.
Literatur:
Bert Bachmann: Der Wandel in der politischen Kultur der DDR: dargestellt in der Literatur und Literaturpolitik von 1970-1980, Wiesbaden,1990.
Hefte zur ddr-Geschichte 44: Dieter Schiller: Disziplinierung der Intelligenz. Die Kulturkonferenz der SED vom Oktober 1957.
Werner Reinowski: Der Bitterfelder Weg im sozialistischen Dorf. Berlin 1965.
Günther Rüther: Zwischen Anpassung und Kritik. Literatur im real existierenden Sozialismus der DDR, Konrad Adenauer Stiftung, 1989.
Günther Rüther: Greif zur Feder Kumpel“ Schriftsteller, Literatur und Politik in der DDR 1949-1990, Droste, 1991.
