Am 7. Juni 1954 wurde ein knapp über 40-jähriger Mann tot in seinem Haus in Wilmslow bei Manchester aufgefunden. Schnell lautete die Diagnose: Vergiftung! Neben dem Mann lag ein halber Apfel mit Zyankali-Rückständen. Selbstmord? Der Tote war nicht irgendwer. Er war einer der genialsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts, einer der Väter der Computertechnologie und Verschlüsselungsexperte im Auftrag des britischen Geheimdienstes: Alan Turing.
Alan Mathison Turing wurde am 23. Juni 1912 in London geboren. Der Vater war Kolonialbeamter in Indien, und Turing wurde so bald wie möglich in ein Internat gesteckt. Die Sherborne School hatte den Anspruch, die Elite des britischen Empires hervorzubringen. Doch der 14-jährige Turing fand sich nicht zurecht. Er eckte häufig an und verfolgte besonders in naturwissenschaftlichen Fächern lieber seine eigenen Ziele anstatt das zu tun, was die Lehrer von ihm verlangten. Nebenher las Turing Einsteins Relativitätstheorie und die neuesten Erkenntnisse zur Quantenmechanik. Als Einzelgänger baute Turing erst 1928 zu dem etwas älteren Mitschüler Christopher eine enge Freundschaft auf, der jedoch bald verstarb.
Die Entschlüsselung der Enigma
Zum Mathematikstudium ging Turing 1931 nach Cambridge, wo er 1936 seinen bahnbrechenden Aufsatz "On computable Numbers" veröffentlichte. Er entwarf ein universelles Automatenmodell zur Ausführung mathematischer Operationen - die später nach ihm benannte "Turing-Maschine", deren Modell den Rechenoperationen des modernen Computers zugrunde liegen. Turing beschrieb einen Computer, bevor dieser technisch überhaupt möglich war! Aufgrund seiner genialen Fähigkeiten wurde Turing bei Kriegsausbruch 1939 sofort vom englischen Geheimdienst nach Blechtley Park berufen, um an der Entschlüsselung der Enigma mitzuwirken. Hier, unter besten Forschungsbedingungen und in einem Team mit jungen, hoch motivierten Wissenschaftlern, fühlte Turing sich endlich wohl. Es war die schönste Zeit seines Lebens, allein: er durfte nie darüber reden. Und seine Verdienste um die Entschlüsselung wurden nie öffentlich gewürdigt - streng geheim!
Auch nach dem Krieg arbeitete Turing weiter in aller Verschwiegenheit für den englischen Geheimdienst, während er am Londoner National Physical Laboratory Entwürfe für einen Computer erstellte. 1948 ging Turing als Dozent nach Manchester, wo er sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigte. Um diese einstufen zu können, entwarf er als Gedankenmodell den Turing-Test: Ein Mensch kommuniziert über eine Datenleitung mit einem anderen Menschen und einer Maschine. Solange Mensch und Maschine in ihrer Kommunikation noch unterscheidbar sind, besitzt die Maschine keine Intelligenz.
Gefängnis - oder Hormontherapie
Über die ganze Zeit war Turing sehr offen mit seiner sexuellen Orientierung. Er hatte zwar keine feste längere Beziehung mehr, aber verheimlichte auch nicht sein Interesse an Männern. Als trainierter Langstreckenläufer war er zudem ziemlich attraktiv. Eine seiner Affären brachte ihm 1952 jedoch Verhängnis: Der Liebhaber beraubte ihn, und Turing ging zur Polizei, wo er offen zugab, auch eine sexuelle Beziehung gehabt zu haben - damals in England noch illegal. Er kam vor Gericht und verteidigte sich nur mit den Worten, er sei nicht der Ansicht, etwas Falsches getan zu haben. Der Richter stellte ihn vor die Wahl: Gefängnis oder Hormontherapie. Turing wollte weiter wissenschaftlich arbeiten und wählte die Hormone.
Als Homosexueller war Turing für den englischen Geheimdienst nun ein Sicherheitsrisiko, er wurde von seiner Arbeit dort entbunden und unter Druck gesetzt. Turing fühlte sich zurückgesetzt. Dank der Hormontherapie wuchsen ihm Brüste, und Turin bekam Depressionen. Am 7. Juni 1954 biss er in einer dramatischen Inszenierung des Todes in den Zyanid-verseuchten Apfel - vertrieben aus dem Paradies des Lebens.
Hintergrund: Enigma
Um ihre Kommunikation vor den Alliierten verborgen zu halten, benutzten die Deutschen im Zweiten Weltkrieg eine Verschlüsselungsmaschine, die Enigma (von griech. Änigma=das Rätsel). Als eine Apparatur mit drei bis vier drehbaren Walzen und tausenden möglichen verschiedenen Einstellungen, war die Enigma eine äußerst komplexe Maschine, die für unknackbar gehalten wurde. Doch der britische Geheimdienst erklärte die Entschlüsselung zur Chefsache: In Bletchley Park arbeiteten unter strengster Geheimhaltung bis zu 7.000 Menschen an der Dechiffrierung von Wehrmacht-Codes. 1941 gelang es Alan Turing, die Enigma zu knacken, indem er mehrere aus einem U-Boot erbeutete Maschinen hintereinander schaltete. Historiker vermuten, dass das Knacken der Enigma, das den Deutschen über lange Zeit verborgen blieb, den Krieg um Monate, wenn nicht Jahre verkürzte.
