Der Blues, Fritz Rau und Biber Herrmann

Biber Herrmann und Fritz Rau - Christa Kaddar
Biber Herrmann und Fritz Rau - Christa Kaddar
Wenn Fritz Rau aus seiner Autobiografie „50 Jahre Backstage" liest, lässt er sich immer von einem Musiker begleiten - oft und gern von Biber Herrmann.

Als Konzertveranstalter und Tourneeleiter hat Fritz Rau in fünf Jahrzehnten mit Musikgrößen wie Albert Mangelsdorff, Ella Fitzgerald, Bob Dylan, Jimi Hendrix, Marlene Dietrich, Muddy Waters, Udo Jürgens, Udo Lindenberg, den Rolling Stones, Harry Belafonte, Michael Jackson, Peter Maffay und unzähligen weiteren Stars zusammengearbeitet. Mit vielen von ihnen verband und verbindet ihn auch eine persönliche Freundschaft. Seine Erinnerungen hat er in dem Buch „50 Jahre Backstage“ zusammengefasst, das inzwischen in der fünften Auflage erschienen ist. Bei den Lesungen aus seinem Buch legt der 81-jährige Fritz Rau eine erstaunliche Energie und entwaffnende Offenheit, Freundlichkeit und Charme an den Tag, die vermutlich – in Kombination mit seinen Fachkenntnissen – das Geheimnis seines jahrzehntelangen Erfolgs sind.

Der jugendliche Fritz Rau wurde durch Jazz und Blues entnazifiert

Humorvoll, gelegentlich mit einem Anflug von Selbstironie, erzählt Fritz Rau aus seinem Leben – und das reicht über die 50 Berufsjahre hinaus. Im Alter von 75 Jahren hat er sich aus dem Konzertgeschäft zurückgezogen. Als Sohn eines Schmieds wurde er nur deshalb auf die höhere Schule geschickt, weil er zu schmächtig war für einen Beruf als Bauer oder als Schmied wie sein Vater. Als er acht Jahre alt war, musste er seiner Mutter am Sterbebett versprechen, dass er „Akademiker“ wird, auch wenn er damals noch nicht wusste, was das ist. Am Ende des Krieges war er 15 Jahre alt und wurde „durch Blues und Jazz entnazifiziert“. Ausgerechnet mit einem Jura-Studium machte der junge musikbegeisterte Fritz Rau Karriere im Musikgeschäft. „Ich war vermögenslos, aber weil ich Volljurist war, bot mir mein Freund und Geschäftspartner Horst Lippmann den 50-Prozent-Anteil an unserer Firma an. Lippmann & Rau wurde meine berufliche, künstlerische und politische Heimat.“

Jürgen Schwab hat Biber Herrmann empfohlen

Die Lesungen, in denen Fritz Rau oft mehr erzählt als liest, werden von einem Musiker begleitet. Am Anfang war es immer der Wiesbadener Gitarrist und Sänger Jürgen Schwab. „Weil Jürgen Schwab aufgrund anderer Verpflichtungen mich nicht bei allen meinen Lesungen begleiten kann, hat er mir Biber Herrmann empfohlen“, berichtet Fritz Rau begeistert. Inzwischen hat er schon mehrere Auftritte mit Biber Herrmann absolviert, unter anderem zwei Mal im Salon im Fachwerk in Eltville-Martinsthal. „Ich freue mich, dass ich einen der besten Blues-Musiker Deutschlands bei mir habe“, sagt Fritz Rau. Auf der kleinen Salonbühne machen Fritz und Biber deutlich, dass sie Freunde geworden sind, die einen vertrauensvollen Umgang pflegen.

"Keiner spielt den Blues so gut wie Biber Herrmann", sagt Fritz Rau

Fritz Rau zeigt echte Bewunderung für Biber Herrmanns musikalisches Können. Mit viel Feingefühl wählt der Bluesmusiker aus seinem Repertoire die Stücke aus, die bestens zu Raus Erinnerungen passen, wie beispielsweise „Little Red Rooster“ von Willie Dixon, das durch die Rolling Stones ein zweites Mal berühmt wurde, oder „Can’t be satisfied“ von Muddy Waters. Fritz Rau bewegt sich auf seinem Stuhl rhythmisch zur Musik und kommentiert sie am Ende mit einem „Yeah“ aus tiefem Herzen. „Keiner spielt den Blues so gut wie Biber Herrmann“, sagt er einmal zwischendurch. Zuvor hat er bemerkt: „Blues erhellt die Seele.“ Nach dem Stück „Jesus On The Mainline“, sagt Rau: „Das ist Seelennahrung, was du gibst, Biber.“

Fritz Rau und Horst Lippmann brachten 1962 den Blues nach Europa

Als das Duo zum zweiten Mal im Salon im Fachwerk auftritt, startet Biber Herrmann mit „You Gotta Move“ von Mississippi Fred McDowell in den Abend. Fritz Rau, der sich im Sitzen zu den Rhythmen der Musik bewegt, honoriert seinen Freund Biber anschließend mit einem von Herzen kommenden „Halleluja“ und Applaus. „Mein Vortrag von heute könnte nicht besser eingeleitet werden“, lobte Rau, „denn es geht um die Geschichte des Blues. Mein Freund, Horst Lippmann, und ich brachten 1962 den Blues nach Europa.“ Wesentliche Anregungen verdankten Rau und Lippmann dem Musikjournalisten und -produzenten Joachim-Ernst Berendt, der mehr als vier Jahrzehnte Jazzredakteur beim Südwestfunk war. Für die von 1962 bis 1982 stattfindenden American Folk Blues Festivals begaben sich Lippman oder Rau persönlich in die USA, um die Musiker für ihre Auftritte in Europa zu engagieren.

Fritz Rau holte Bluesmusiker wie Muddy Waters, T-Bone Walkers und Howlin' Wolf nach Europa

„Für die Jugend in deutschen Städten und in Kopenhagen, Amsterdam oder London waren diese Konzerte der Himmel auf Erde.“ Es kamen Bluesmusiker wie Willie Dixon, John Lee Hooker, Muddy Waters, Sam Lightnin’ Hopkins, T-Bone Walker und Howlin’ Wolf. „Für unsere schwarzen Bluesmusiker, die damals, zu Beginn der sechziger Jahre, in sehr bescheidenen Verhältnissen lebten, bedeuteten die Konzerttourneen durch Europa einen regelrechten Kulturschock. Aus diesem Grund musste ich mich als Tourneeleiter besonders intensiv darum kümmern.“ Seine fürsorgliche Art wurde gar manchem Musiker zuviel. „Muddy Waters, der Grandseigneur des Blues und eine sehr starke Persönlichkeit, wies meine Bemühungen mit der Bemerkung zurück: Don’t overdo it, we are no children.“

"For the Godfather" schrieb Mick Jagger zum 70. Geburtstag an Fritz Rau

Abenteuerlich war auch seine erste Begegnung mit Mick Jagger, Keith Richards und Brian Jones. Sie gehörten zu einer Gruppe wild aussehender junger Leute, die beim American Folk Blues Festival 1962 in Manchester die Künstlergarderoben stürmten. Im selben Jahr gründeten sie die Rolling Stones, die von 1970 bis in die 1990er Jahre mit Lippmann und Rau in Deutschland und anderen Ländern auf Tournee gingen. Zum 70. Geburtstag schickte Mick Jagger eine Geburtstagskarte an Fritz Rau mit der Widmung: „For the Godfather“. Passend zu den Erinnerungen an die Rolling Stones spielt Biber Herrmann einer ihrer frühen Songs: „High and dry“.

Zum Schluss wirbt Fritz Rau noch für sein Buch „50 Jahre Backstage“: „Das wichtigste Buch nach der Bibel und dem ‚Kapital’ von Karl Marx.“ Die Werbung hat Erfolg – viele greifen zu dem Buch und lassen es vom Autor signieren.

Christa Kaddar, Christa Kaddar

Christa Kaddar - Christa Kaddar ist freie Journalistin und Fotoreporterin. Als freie Mitarbeiterin der Redaktion des Rheingau Echos und der Gesellschaft ...

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