Der "Bon Usage" von Maurice Grevisse

Die französische Standard-Grammatik des 20. Jahrhunderts

Der Belgier Maurice Grevisse liefert den Franzosen 1936 eine Grammatik, die zugleich Tradition und Moderne bedient und so bis heute immer noch neu aufgelegt wird.

In der Tradition der französischen Grammatiker erscheint 1936 "Le Bon Usage" ("Der gute Gebrauch") von Maurice Grevisse, der damit dem Werk von Charles-Pierre Girault-Duvivier von 1812 folgen will und den Franzosen ein umfangreiches Nachschlagewerk zur Grammatik ihrer Sprache bieten möchte.

Zur Person Maurice Grevisse

Maurice Grevisse wurde am 7. Oktober 1895 in Rulles (Belgien) geboren und wuchs bei seinen Eltern auf. Sein Vater arbeitete als Schmied und seine Mutter als Schneiderin. Grevisse qualifiziert sich für das Grundschullehramt und schlägt die akademische Laufbahn ein, bis er schließlich als Professor 1925 den Doktortitel in Philosophie und Sprachen an der Universität Liège erhält. Er steht somit nicht nur mit seiner Grammatik, sondern auch in seiner beruflichen Entwicklung in der Nachfolge der bis dahin berühmten Lexikographen Littré, Larousse und Robert, ebenso wie des Grammatikers Girault-Duvivier, die allesamt erst im Lauf ihrer Arbeiten ihr Interesse für die französische Sprache entdeckt haben.

Der Aufbau des "Bon Usage"

Der "Bon Usage" folgt der Methode, zu den grammatikalischen Problemen und Fragestellungen keine vorgegebenen Regeln zu stellen, sondern verschiedene Auffassungen von Grammatikern und Sprachwissenschaftlern anzubieten. Die aufgeführten Meinungen werden mit Zitaten belegt oder widerlegt, und aus dieser Aufstellung kann der Suchende die passende Antwort ziehen.

Grevisse bewegt sich dabei zwischen zwei Extremen: Zum einen möchte er den schulischen Ansprüchen nachkommen, also traditionelle Regeln vermitteln, zum anderen will er das moderne Sprachgeschehen wiedergeben, für welches er Autoren und Linguisten zu Hilfe nimmt. Bei ungewissem Gebrauch gibt er keine Empfehlungen, sondern lässt dem Nachschlagenden die Wahl, ob er der definierten Regel eines Grammatikers folgt oder doch eher dem allgemeinen Gebrauch zustimmt, sofern beides divergieren sollte.

Grevisse legt den Wert auf den Gebrauch, in diesem Sinne den Gebrauch der Autoren, die er zitiert, und setzt diesen als Maßstab. Nicht eine präskriptive Norm dominiert also, sondern die Beschreibung der einzelnen grammatischen Phänomene. Bis zur 12. Auflage zitiert er allein über 565 Autoren und liefert damit ungefähr 200.000 Zitate als Beleg für seine Ausführungen.

Eine zeitgenössische Grammatik in der Tradition des 17. Jahrhunderts

Grevisses Grammatik steht in dem Usus des Begriffs des sogenannten "bon usage", dem guten Gebrauch. Dieser Begriff wurde im 17. Jahrhundert von dem Grammatiker Claude Favre de Vaugelas geprägt und bezeichnet die Sprachnorm, auf die sich jeder Sprecher beziehen soll. Bei Vaugelas ist dies die Sprache, die am französischen Hof und von den größten Autoren gesprochen wird. Grevisse ist mit seinem Werk bemüht, die Prinzipien Vaugelas‘ zu verbreiten und aufrechtzuerhalten. Dazu beruft er sich in seiner Grammatik auf unzählige Zitate aus der französischen Literatur – und so des gehobenen Stils, die er als Beleg für sprachliche Regeln anführt.

Neubearbeitungen durch André Goosse

Grevisse bezieht sich auf die Norm des Französischen seit Vaugelas, indem er sich auf Autoren des 17. Jahrhunderts fokussiert, die dem literarischen Kanon angehören und somit die Basis für die sprachnormierenden Regeln liefern, die er in seiner Grammatik beschreibt.

Im Lauf der Jahre entstehen vor allem im Vergleich mit den späteren Ausgaben einige Unterschiede und Tendenzen.

Nach dem Tod von Grevisse 1980 übernimmt sein Schwiegersohn André Goosse die weitere Arbeit. Goosse ist im Gegensatz zu Grevisse Sprachwissenschaftler und sieht so den Schwerpunkt besonders auf der Beschreibung des heutigen Französisch und zieht nur noch die Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts in Betracht, da für ihn die Sprache des 17. bis 20. Jahrhunderts nicht mehr einheitlich sei.

Bis heute ist der "Bon Usage" die Referenzgrammatik des Durchschnittsfranzosen und liegt seit 2007 in der 14. Auflage vor.