
- Treibt in New York sein Unwesen: Patrick Bateman - morguefile
Das New Yorker Verlagshaus Simon & Schuster bezahlte dem Mitbegründer der 'Blank-Fiction-Bewegung', dem amerikanischen Autor Bret Easton Ellis, 300.000 Dollar, um Ellis aus seinem Vertrag auszulösen und seinen vermeintlichen "Schundroman" nicht veröffentlichen zu müssen. Damit ging das Verlagshaus damals den Weg, den unzählige Kritiker wie Roger Rosenblatt oder aber auch gesellschaftliche Gruppierungen wie die 'National Organization for Women' einschlägig forderten.
In Ellis' "American Psycho" spiegelt sich anhand von brutalen und perversen Gewaltszenen die Verwahrlosung der Gesellschaft durch Oberflächlichkeit und Materialismus wieder – leider bemerkten die Ellis-Kritiker das Stilmittel der satirischen Darstellungsform nicht oder kannten dies als solches nicht an. Dennoch lässt sich aus literaturwissenschaftlicher Sicht die Gewalt und Brutalität als Stilelement unter unterschiedlichen Aspekten beleuchten.
Gewalt als stilistisches und ästhetisches Element in "American Psycho"
Die Gewalt dient in Ellis' Roman oftmals dazu, eine Gleichstellung von Banalitäten und wertvolleren Thematiken darzustellen. So werden auf der Basis des sogenannten 'Tableau-Style' ein bestialischer Mord Batemans mit einer von ihm selber durchgeführten Plattenrezension eines Genesis-Albums egalisiert. Dies wiederum nutzt der Autor als gezieltes Stilmittel, um die oberflächliche Gesellschaft der Yuppie-Kultur der 1980er zu offenbaren und in Frage zu stellen. Denn Bateman ist, wie alle anderen Figuren innerhalb des Romans, ein austauschbarer Mitspieler der Scharade der New Yorker Yuppies.
Für Bateman, dem Repräsentanten der ethisch fragwürdigen Gesellschaftsschicht der oberen 10.000, stehen somit sämtliche Ereignisse seines Lebens auf einer Stufe. Die martialischen Morde, die er an Frauen begeht, werden durch die progressive Sprachmöglichkeit der Brutalität an den Leser vermittelt. Dieser steht somit in einem stetigen Diskurs mit dem Ich-Erzähler Bateman, der den Leser durch die detaillierten Schilderungen der grauenvollen Taten oftmals an den Rand des Ertragbaren treibt.
Gewalt als ethische Kritik an der Konsumgesellschaft
Patrick Bateman ist in seinem Leben der Verschwendung, des Exzesses und der Gewalt manchmal nicht mehr in der Lage, zwischen Realität und Traum zu unterscheiden. Die fiktionale Realität und die Fantasien und Visionen Batemans münden somit in ein qualliges Konstrukt ohne Werte, Normen und Grenzen, bis sich vor dem Psychopathen kein Stoppschild mehr auftut und seine Morde schließlich bizarr-perverse Ausmaße annehmen. Durch den Verlust des Kontakts zur Realität flüchtet sich Bateman immer tiefer in exzessive Perversitäten – mehr noch: Der Realitätsverlust nährt seinen Hunger nach Gewalt.
In seiner Gesellschaftsschicht definieren sich sämtliche Spielfiguren über Oberflächlichkeiten und Materialismus. Da Bateman den Kontakt zu der Realität verliert und er selber als leere wertfreie Hülle durch New York wandert, kann man die Ermordung von jungen Frauen, mit denen er schläft, als Allegorie für seine tiefe Verstörung durch den Materialismus deuten. Durch die Gewalt erlangt Bateman wieder ein Gefühl der Macht, des Lebendigseins und auch der sexuellen Befriedigung (die er sich auf herkömmliche Weise nicht mehr holen kann). Er muss allerdings immer mehr 'konsumieren', um die Maschine, die er selber aus sich kreiert, stets zu füttern.
Die sexuellen Verbrechen Patrick Batemans
Durch die Ermordung diverser bekannter und befreundeter Frauen, wie auch durch die Verstümmelungen von Prostituierten bricht Bateman fortlaufend sadistische Grenzen des Ertragbaren für den Leser. Dies kulminiert in seiner bestialischen Gier, wenn er Teile seiner Opfer verspeist – er 'konsumiert' sie im wahrsten Sinne des Wortes. Dadurch entwickelt Ellis eine absurde satirische Parallele zu der Restaurant-Szene der Yuppies innerhalb seines Romans. Denn der Leser begleitet Bateman auch durch die feinsten und nobelsten In-Läden New Yorks.
Bateman selber findet aber nur in seinem Kannibalismus Befriedigung. Bei ihm stellt sich somit ein 'konfuses Konsumverlangen' ein. Dieses Konsumverlangen erlangt seinen Höhepunkt, wenn Bateman mit seiner Freundin Evelyn in den Ferien ist und sich kaum noch zurückhalten kann, so dass er schließlich Tiere schlachten muss, um sein Verlangen zu stillen. In diesem Fall kann man daher auch von einer Abhängigkeit und somit von Entzugserscheinungen sprechen. Batemans konfuser Konsum wirkt also wie eine Droge auf seinen Konsumenten. Wie ein Abhängiger muss auch Bateman daher immer wieder neue Grenzen durchbrechen, um seine Gier zu befriedigen, bis er in den Eingeweiden eines Opfers wühlt, als suche er nach einem inneren Kern.
Batemans Frauenbild in „American Psycho“
Batemans Frauenbild ist ein entscheidender weiterer Faktor, um Gewalt und Mord einem perversen Konsumverlangen gleichzustellen. Frauen stellen für Bateman reine Objekte dar, die sich über ihr äußeres Erscheinungsbild für ihn interessant machen: blond, hübsch, jung, attraktiver Körperbau plus die Bereitschaft, sexuell zu dienen. Frauen werden dadurch als objektivierte Ware für Batemans verdrehtes Konsumverhalten dargestellt. Dies wird besonders deutlich, wenn Bateman auf der Suche nach einer Prostituierten vor einer Lagerhalle fündig wird. Auf der Lagerhalle steht in Großbuchstaben "FLEISCH" geschrieben. Bateman verwertet daher die Ware Frau, um seinen Durst nach Emotionen und Glück durch Konsum zu löschen.
Durch diese Verblendung und der daraus resultierenden Gewaltwelle zeichnet Ellis eine Satire auf eine kernlose Gesellschaft in Zeiten von Konsum und Trivialitäten.
Bret Easton Ellis: American Psycho. Kiwi 2006. Broschur, 548 Seiten. Euro 12,95.
