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Vita von Jonathan Franzen
Franzen wurde am 17. August 1959 in Western Springs geboren. Er wuchs in Webster Groves, Missouri, im Raum St. Louis auf (was seine erste Romanarbeit deutlich geprägt hat). Er studierte am Swarthmore College sowie an der Freien Universität Berlin. Später arbeitete er im seismologischen Labor des Department of Earth and Planetary Sciences der Harvard University (diese Hintergründe verarbeitete er in seinem zweiten Roman). Heute lebt er die meiste Zeit in New York City.
Das literarische Debüt von Jonathan Franzen: „The Twenty-Seventh City“ (1988)
1988 veröffentlichte Franzen seinen Debütroman „The Twenty-Seventh City“ (deutsch: „Die 27ste Stadt“), an dem er seit seinem Studienende 1981 geschrieben hatte. Er spielt in St. Louis, das in der Geschichte der USA einst eine bedeutende Rolle inne hatte, aber aktuell nur noch auf Platz 27 der größten amerikanischen Städte rangiert. Schon in diesem gelungenen Erstling erahnt man Franzens großartige Fähigkeiten, wenngleich der Roman insgesamt zu konstruiert und langatmig wirkt. Im Mittelpunkt der Handlung steht die in Indien aufgewachsene Halb-Amerikanerin S. Jammu, die überraschend zur neuen Polizeichefin von St. Louis gewählt wird und versucht, mittels dubioser Hintermänner, Intrigen und Erpressung die mächtigsten Männer der Stadt gegeneinander auszuspielen, um auf diesem Weg St. Louis wieder aufblühen zu lassen. Entscheidende Figur ist der Bauunternehmer Martin Probst, dem Erbauer des Arch, des bekanntesten Wahrzeichens der Stadt. Obwohl Probst zunächst misstrauisch gegen Jammu ist und vor der von ihr lancierten Verschwörung gewarnt wird, entwickelt er Vertrauen und auch Gefühle für sie. In der Folge fällt es Probst schwer, sich für die richtige Seite zu entscheiden. Am Ende werden die Hoffnungen und Ziele aller Hauptfiguren enttäuscht.
Wie auch in Franzens späteren Romanen spielen Intrigen, Korruption und der Verlust der „family values“ eine Hauptrolle. Stilistisch wichtig sind die ständigen Perspektivwechsel, mit denen Franzen ein allumfassendes Bild des Szenarios und der Charaktere erschafft.
1992 folgte der Roman „Strong Motion“ (deutsch: „Schweres Beben“).
Die Handlung: Eine Serie von Erdbeben erschüttert Boston. Als die Großmutter von Louis Holland, einem eigenbrötlerischen Rundfunktechniker, dabei ums Leben kommt, streitet sich die Familien um ihr Vermögen. Zusammen mit seiner Freundin Renée Seitchek, einer Seismologin, untersucht Louis die Ursachen der rätselhaften Beben, hinter denen der vertuschte Umweltskandal eines Großkonzerns zu stecken scheint.
In seinem zweiten Roman entwickelt Franzen den Feinschliff seiner Figuren weiter; er ist ein psychologisch genauer Beobachter, der mittels Perspektivenwechsel und zeitlicher Sprünge die wahre Natur seiner Figuren entblößt (deren Egoismus, Wankelmut, Gier, Gleichgültigkeit). Erneut geht es um den Niedergang einer Familie, die er gnadenlos seziert. Aber Franzen wartet auch mit einer schönen (wenngleich zeitgemäß komplizierten) Liebesgeschichte zwischen Louis und Renée auf. Die verschiedenen Figuren und Handlungsstränge ergeben in diesem Werk ein sehr unterhaltsames, homogenes Gemisch.
Jonathan Franzens Meisterwerk „The Corrections“ („Die Korrekturen“) erscheint 2001
Nach schwierigen Jahren (Ehekrise, der Tod des Vaters, Umzüge) erschien nach langer Wartezeit der dritte Roman Franzens. In „The Corrections“ erzählt Franzen in epischer Breite, aber von Anfang bis Ende fesselnd, die Geschichte der Familie Lambert aus einer Kleinstadt im Mittleren Westen. Im Mittelpunkt steht das alte Ehepaar Enid und Alfred Lambert und Enids zentraler Wunsch, ein letztes Weihnachtsfest mit ihrem schwer an Parkinson erkrankten Mann und allen drei Kindern zu verbringen. Diesem einfachen Wunsch stehen die komplizierten Lebenskrisen ihrer drei Kinder Gary, Chip und Denise entgegen; Gary, der Älteste, ist nach außen ein erfolgreicher Banker in Philadelphia, aber in Wahrheit depressiv, seine Ehe steckt in einer tiefen Krise und er verliert die Bindung zu seinen Kindern. Chip verliert seine Stelle als Literaturdozent, nachdem eine Affäre mit einer Studentin (die in Rückblenden geschildert wird) bekannt wird. Seine Erfüllung versucht er als Drehbuchautor zu finden, aber es wird dem Leser schnell klar, dass er dazu kein besonderes Talent hat. Über seine Agentin gerät Chip an den litauischen Geschäftsmann Gitanas, der ihn dazu anstiftet, ihm nach Litauen zu folgen, um per Internet Sponsoren für illegitime Investitionen anzulocken. Denise, die Jüngste, ist Gourmetköchin und bekommt von einem spendablen Auftraggeber die Leitung für ein neues Trend-Restaurant übertragen. Nach einer zunächst nur angedeuteten Affäre mit ihm befreundet sie sich schließlich mit seiner Frau, hat eine Affäre mit ihr und schläft letztendlich auch mit ihrem Mann. Am Ende kommt alles heraus und sie verliert beide und ihren Job.
Die Krisen und Leiden der Figuren stehen im Mittelpunkt des Romans, werden minutiös seziert und sind präzise miteinander verflochten. Die Kinder scheitern auf individuelle Weise, obwohl sie versuchen, alles besser zu machen als ihre Eltern (sie versuchen die Lebensmodelle der Eltern zu „korrigieren“, daher rührt der Titel).
Mit „The Corrections“ gelang Franzen 2001 der internationale Durchbruch. Es ist ohne Übertreibung als eines der beeindruckendsten Prosawerke unserer Zeit zu bewerten. Nicht zu Unrecht setzte „The New Yorker“ Franzen auf die Liste der wichtigsten Schriftsteller des 21. Jahrhunderts.
Essays von Jonathan Franzen über sich und unsere Zeit
2002 legte Franzen mit „How to be Alone“ (deutsch: „Anleitung zum Einsamsein“) ein essayistisches Werk vor, in dem er nicht nur auf allgemeine Missstände und moderne Probleme der (vor allem US-)Gesellschaft hinweist, sondern auch ungeschminkt und ehrlich die Probleme seiner Ehe, seine Familiengeschichte (schwerpunktmäßig die Alzheimer-Krankheit seines Vaters), diverse Umzüge und die Rolle des Schriftstellers in der Moderne offen legt. In der Vielfalt der Themenpalette zeigt Franzen überzeugend, dass er ein ehrlicher Beobachter ist, den die Abgründe unseres modernen Lebens erschrecken und beschäftigen; er ist ehrlich und exakt in seinen Beobachtungen, ohne in Zynismus oder Panik zu verfallen. Er beweist eine realistische Erwartungshaltung, wenn er vom Triumphzug der Technologisierung und Digitalisierung unserer Welt schreibt, die uns passiv und abhängig macht, und die gleichzeitig für den Rückzug des gelesenen bzw. geschriebenen (gedruckten) Wortes steht.
Weitere Essays - „The Discomfort Zone. A Personal History“ (2006)
Nach seinen recht persönlich gefärbten Essays war es nicht verwunderlich, dass er mit seinem folgenden Werk „The Discomfort Zone. A Personal History“ (deutsch: „Die Unruhezone“) noch einen Schritt weiterging und eine Art Autobiographie vorlegte, wenngleich er wie zuvor nur abschnittweise Auszüge aus seinem Leben behandelt, nicht immer chronologisch sortiert, die beinahe wie frei assoziiert und im Gesamten ein wenig kurzweilig wirken. Die einzelnen Abschnitte lassen allerdings nichts vermissen, was wir in dem nicht-fiktiven Werk eines großen Schriftstellers zu finden hoffen; es geht um die Bindung zur Familie und die individuellen Momente als junger Leser und Forscher, um die Wichtigkeit der Kirchengruppe und die Streiche, die er mit seinen Freunden ausheckt, um das Heranwachsen, die Suche nach der ersten Liebe, um die Schwierigkeit, den passenden Studiengang zu finden, der ihn intellektuell und zugleich seine Eltern wirtschaftlich zufrieden stellt, um den Verkauf des Elternhauses nach deren Tod und dem schmerzvollen Entrümpeln alter Einrichtungsgegenstände.
2010 erscheint endlich der vierte Roman von Jonathan Franzen
Im September 2010 erscheint Franzens neues, mit Spannung erwartetes Romanepos „Freedom“ (deutsch: „Freiheit“) im deutschen Buchhandel. Thematisch beschäftigt sich Franzen erneut mit Umweltzerstörung, Familie und der Gesellschaft mitsamt ihren Krisen und Abgründen.
