Der Bruder - Georg Ratzinger über Papst Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI. - B. Knapstein
Papst Benedikt XVI. - B. Knapstein
Georg Ratzingers „Mein Bruder, der Papst" skizziert die tiefe Frömmigkeit und die Bodenständigkeit des deutschen Pontifex aus familiärer Sicht.

Warum werden Priester Priester und wie leben sie und wie und warum wird man Papst? Das sind die Fragen, die angesichts des deutschen Papstes mehr denn je hierzulande interessieren. Eines sei vorweggenommen: Der Heilige Vater in Rom ist auch nur ein Mensch. Das ist seit Gründung der christlichen Kirche und seit dem Ur-Papst Petrus so. Jeder Vertreter Christi auf Erden hatte eine individuelle Lebensgeschichte mit einer mehr oder weniger rauen Kindheit aufzuweisen. Dass auch Benedikt „der Deutsche“, als junger Joseph Ratzinger durchaus ein typisch bayerischer Lausbub mit entsprechenden Streichen war, darüber berichtet sein Bruder und engster Vertrauter Georg Ratzinger in dem Buch „Mein Bruder, der Papst“.

Christliche Persönlichkeiten als moralische Instanzen

Es ist aus christlicher Sicht lohnenswert und ungemein erdend, über menschliche Schwachpunkte und Schwächen von just jenen Menschen zu erfahren, die am meisten verehrt und als Vorbild gewählt werden. Es stärkt das Vertrauen vor allem dann, wenn jene großen Persönlichkeiten sich mit offener Demut verantwortlich ihrer eigenen Sünden stellen. Für viele Protestanten war einst die Scheidungskrise und die spätere Trunkenheitsfahrt der EKD-Vorsitzenden, Bischöfin Margot Käßmann, ein Schock. Dass sie sich selbst als Stern vom Himmel holte, indem sie von allen Ämtern zurück trat, wird von vielen Protestanten als demütiger Umgang mit den eigenen Vergehen gewürdigt. Margot Käßmann hat gerade deshalb und ungeachtet mancher streitbarer Thesen bis heute weitgehend den Ruf, eine moralische Instanz zu sein.

Dem erwachsen gewordenen Joseph Aloisius Ratzinger werden derart höchstpersönliche Verfehlungen nicht vorgeworfen. Die Vorwürfe vor allem deutscher Kritiker richten sich gegen den Heiligen Stuhl als Amt. So bleiben allein die Jugendsünden, über die am besten sein Bruder Georg zu berichten weiß. Der pensionierte Regensburger Domkapellmeister schildert etwa, wie „böse Schuljungen“ einem Kleinbauern „öfters“ das hinter ihm hertrottende Ochsenfuhrwerk abspenstig machten, indem sie es heimlich anhielten, derweil der Bauer in der Annahme des nahen Fuhrwerks hinter ihm weiter seiner Wege ging, um später das Fuhrwerk vom Himmel verschluckt zu sehen. Mögen es auch nur Jugendstreiche gewesen sein, die keinen größeren Schaden angerichtet haben, aber auch die kleine Sünde zeigt den Menschen hinter dem Papst. Das vermeintliche Würfeln mit dem ehemaligen Waffen-SS-Soldaten und Nobelpreisträger Günther Grass im Kriegsgefangenenlager Bad Aibling indessen (Beim Häuten der Zwiebel, 2006) verweist Georg Ratzinger ins Reich der Legenden.

Niederbayrischer Katholizismus gegen Nationalsozialismus

Georg Ratzinger ergänzt die autobiografischen Aufzeichnungen des Papstes, über dessen Leben auch von dritter Seite bereits viel geschrieben worden ist. Es ist dem Journalisten Michael Hesemann zu danken, dass er nun auch diesen familiären Blickwinkel durch die Gesprächsaufzeichnungen beleuchtet hat. Sie zeichnen das Bild von einer Familie, die im hoch religiösen Umfeld der Wallfahrtsstätte Altötting in tiefer Frömmigkeit gelebt hat. Eine Frömmigkeit, die mit einer entsprechenden Glaubenskultur in norddeutschen Gefilden eher selten vorkommt und selbst in katholischen Hochburgen wie Köln, Paderborn, Münster oder Hildesheim allenfalls noch in einzelnen Familien gepflegt wird, nicht aber mehr in der breiten Bevölkerung verankert ist. Diese geistigen Wurzeln griffen in der Familie Ratzinger tief und machten sie immun gegen die nationalsozialistischen Abgründe.

Die im hohen Tempo siegreichen Feldzüge gegen Polen und Frankreich ab 1939 erschütterten zwar in weiten Teilen die antinationalsozialistische Haltung der deutschen Katholiken. Und auch Georg Ratzinger berichtet von „Verunsicherung“ angesichts derartiger Machtdemonstrationen Adolf Hitlers. Doch ändert sich an der grundlegenden anti-NS-feindlichen Haltung der Familie nichts. Das Morden des Regimes macht auch vor der Familie nicht halt. So wird ein geistig behinderter, aber lebenslustiger Cousin in Dachau getötet und eine mit der Familie Ratzinger befreundete Frau aufgrund zunehmender Altersdemenz „gelinzt“, wie Georg Ratzinger über das Morden berichtet.

Michael Hesemann setzt die Ausführungen Georg Ratzingers immer wieder in den historischen Kontext, wo es sinnvoll erscheint. So ergänzt er im Zusammenhang mit dem Genozid an den europäischen Juden im Nationalsozialismus, dass der deutsche Papst Benedikt XVI. sich mehr als jeder andere Amtsvorgänger auf dem Stuhl Petri um die Aussöhnung mit den Juden bemüht. Benedikt XVI. hat bereits im frühen Theologie-Studium die innere Einheit von Altem und Neuem Bund, von Israel als dem auserwählten Volk Gottes und der durch den Kreuzestod Jesu erretteten gläubigen Menschheit erfasst. Seine Politik der Aussöhnung mit dem Judentum als Benedikt XVI., als deutscher Papst ist aus den Lebenserfahrungen der Ratzinger-Brüder konsequent.

Die Freude am Profanen offenbaren den Menschen auf dem Heiligen Stuhl

In „Der Papst, mein Bruder“ berichtet Georg Ratzinger über Entscheidungen seines Bruders aus eigenem Erleben und aus den reflektierenden Gesprächen zwischen den Brüdern. So vermutet Georg Ratzinger etwa aufgrund eines früheren spontanen Gespräches mit seinem Bruder über Papstnamen, dass die Namenswahl auf Benedikt ganz profan wohl auch ästhetische und etymologische Gründe hatte. Nicht weniger irdisch mutet die Schilderung an, zu den Lieblingsfernsehsendungen des tierliebenden Papstes habe „Kommissar Rex“ gehört.

Die Perspektive Georg Ratzingers auf den Pontifex, auf das Oberhaupt der gesamten katholischen Christenheit ist ein zutiefst familiärer Blick. Ein Blick, der die bodenständige Frömmigkeit eines Papstes bestätigt, der nicht verlernt hat, Freude an einfachen Dingen wie Schweinsbraten mit Semmelknödeln zu empfinden. Georg Ratzinger bestätigt: Das wissenschaftliche Genie Joseph Ratzinger, der Heilige Vater Benedikt XVI. ist ein in schlichter Demut agierender Mensch geblieben. Das Buch ist deshalb auch für all jene lesenswert, die aus kritischer Distanz und mit wenigen Vorkenntnissen auf Benedikt XVI. blicken.

Quellen:

  • Georg Ratzinger: Mein Bruder der Papst, Herbig Vlg., München 2011
  • Günther Grass: Beim Häuten der Zwiebel, Steidl Vlg., Göttingen 2006
  • Joseph Ratzinger: Aus meinem Leben. Erinnerungen. München 1998
B. Knapstein, B. Knapstein

Bernhard Knapstein - 1967 in Köln geboren. Studium in der Rheinmetropole: Geschichte, Sport und Rechtswissenschaften. Redaktionsassistent in der ...

rss