
- Alle Wetter: Bücherei mit Gleisanschluss! - Stadt Wetter an der Ruhr
Der Bahnhof von Wetter ist heute 160 Jahre alt (eingerichtet im Jahre 1849) und liegt an der Bahnlinie zwischen Hagen und Witten: Alle Züge, die durch Wetter fahren oder gar dort anhalten, müssen den Korridor zwischen diesen beiden Städten passieren. Tatsächlich bestehen heutzutage von Wetter aus Direktverbindungen nach Dortmund, Essen, Siegen, Wuppertal, Düsseldorf und Mönchengladbach. Das moderne S-Bahn-System macht es möglich.
In die Schlagzeilen gelangte das Bahnhofsgebäude dieser kleinen Ruhrstadt vor wenigen Jahren aber aus einem ganz anderen Grund. Nach einer Rundum-Sanierung mit Modellcharakter, spendiert quasi zum „Hundertjährigen“ des Hauses, beherbergt es die städtische Bücherei von Wetter an der Ruhr und lockt Besucher auch von außerhalb an. Ein Grund, sich den Werdegang des Bahnhofs Wetter einmal anzusehen.
1849: Die Stadt Wetter erhält eine Bahnstation
Am 18. Juli 1844 herrscht großer Jubel im Wuppertal: Die Industriezentren im Bergischen Land, namentlich Elberfeld, Vohwinkel und Barmen, sollen in naher Zukunft eine Eisenbahnstrecke nach Dortmund erhalten. Was dieses neuartige Verkehrs- und Transportmittel zu leisten imstande ist, ist täglich in den Zeitungen nachzulesen: Entlang der „Cöln Mindener Eisenbahn“ schießen viele neue Städte aus dem Boden, werden Bergwerke abgeteuft und Fabriken errichtet – das spätere Ruhrgebiet entsteht und droht dem Industriezentrum an der Wupper den Rang abzulaufen.
An diesem 18. Juli 1844 erhält das Konsortium „Bergisch-Märkische Eisenbahn“ vom preußischen Staat die begehrte Konzession zum Bau und Betrieb einer Trasse, die von Elberfeld nach Dortmund führen und die Städte Barmen, Schwelm, Gevelsberg, Hagen, Wetter und Witten passieren soll. Und die Gesellschaft macht sich sofort an die Arbeit: Bereits 1847 fahren die ersten Züge von Elberfeld kommend nach Schwelm ein. Ein komplizierter Tunnel nach Gevelsberg verzögert den Weiterbau, doch schon am 9. März 1849 wird zwischen Schwelm und Dortmund der Personenverkehr feierlich eröffnet. An diesem Tage wird auch der Bahnhof in Wetter an der Ruhr eröffnet.
1905: Wetter erhält ein neues Stationsgebäude
Sechzig Jahre später: Aus dem unscheinbaren Städtchen am Nordufer der Ruhr ist ein properes, wohlhabendes Industriezentrum geworden. Neben dem Bahnhof erstreckt sich ein Hüttenwerk mit Walzstraße, das von Friedrich Harkort gegründet worden war. Auch die Märkische Maschinenbau Anstalt (Stuckenholz AG) hat ihren Sitz in Wetter an der Ruhr, ferner einige kleine Kohlenzechen.
Auch die Stadt selbst ist gewachsen: Aus dem engen Ruhrtal arbeiten sich immer neue Straßen (namentlich die Arbeitersiedlung des Hüttenwerks) den steilen Burgberg hinauf. Immer mehr Menschen und Waren benötigen bessere Verkehrsanbindung. Deshalb wird der Bahnhof neu konzipiert; das alte Gebäude weicht einer repräsentativen Schalterhalle der „Preußischen Staatsbahn“. Das angegliederte Wohnungs- und Bürogebäude erinnert mit seinem geschwungenen Giebel an ein Patrizierhaus: „Historismus“, die Beschwörung der glorreichen Vergangenheit, ist der gefragteste Baustil im jungen Kaiserreich überall dort, wo Geld keine Rolle spielt.
1920: Kapp-Putsch tobt im Tal der Ruhr
Keine fünfzehn Jahre später ist das Kaiserreich im Ersten Weltkrieg untergegangen und vom Wohlstand nichts übrig. Die von Menschen wollen vom Kaiserreich entweder nichts mehr wissen, oder sie sehen in der Preisgabe der alten Ordnung den Hauptgrund für das Chaos um sie herum. Von Krieg und Gewalt, Hunger und Elend völlig enthemmt, tragen sie ihren Streit auf brachiale Weise aus: Den erfolglosen Kapp-Putsch konservativer Kreise in Berlin beantworten kommunistische Arbeiter im Ruhrgebiet mit bewaffneten Aufständen. Die „Rote Ruhr-Armee“ führt monatelang regelrechten Bürgerkrieg gegen die „Freikorps“ als Vertreter der längst wieder fest etablierten Reichsregierung.
Eines dieser Gefechte wird im März 1920 am und im Bahnhof Wetter ausgetragen. Obwohl viele Soldaten und Offiziere des „Freikorps Lichtschlag“ offen ihre Sympathien für die Putschisten in Berlin bekundet haben, werden sie von Reichspräsident Ebert gegen die Rote Ruhr-Armee in Marsch gesetzt. Das Gefecht in Wetter endet mit dem Sieg des Freikorps, der Untergang der Roten Ruhr-Armee ist nur eine Frage der Zeit. Eine Plakette erinnert heute an diese dunkle Stunde des Bahnhofs Wetter.
1994: Das S-Bahn-Netz erreicht Wetter
Mitte der neunziger Jahre befindet sich das Ruhrgebiet ebenso im Umbruch wie die Eisenbahn. Die Stahlkrise bedroht längst auch das Walzwerk neben dem Bahnhof, und die marode Bundesbahn hat einen langen Niedergang hinter sich. Ein Glück für Wetter, dass sein Bahnhof an einer Hauptstrecke des Fernverkehrs sowie zwischen zwei unverzichtbaren Knotenpunkten liegt. Andernfalls hätte es vielleicht das Schicksal so vieler Stationen im Bergischen Land geteilt, das da lautet: Stilllegung.
Stattdessen gehört die Strecke Dortmund-Witten-Hagen ab 1994 zum S-Bahn-Netz Rhein-Ruhr. Das bedeutet die Einführung eines festen Taktfahrplans und den Einsatz von schnellen, zunächst orange-weiß gestrichenen Zuggarnituren, die zwischen den Großstädten unterwegs sind und jede Station bedienen. Eine Durchbindung mit der S8 ermöglicht direkte Zugfahrten nach Düsseldorf oder Mönchengladbach. - Auch die Strecke von Essen ins Sauerland wird neu organisiert, und auch sie soll irgendwann einmal zum S-Bahn-Netz gehören.
Auch die Gleise werden nicht mehr durchs Bahnhofsgebäude erreicht: Ein Treppentunnel östlich des Bahnhofs führt zu einem Mittelbahnsteig empor. Das Gebäude selbst wird von der Bahn nicht länger benötigt und steht jahrelang leer.
2007: Die Bücherei im Bahnhof wird eröffnet
Nach der Jahrtausendwende räumt die Stadt Wetter mit ihrer Vergangenheit auf: das Walzwerk wird restlos abgerissen und macht einem neuen Einkaufs- und Dienstleistungszentrum Platz. Durch neue Verkehrsführung entsteht Raum für einen neuen Busbahnhof und einen Marktplatz vis-a-vis zum Bahnhofsgebäude. Dieses Schmuckstück von 1905 wird einer kompletten Renovierung unterzogen – und zwei Jahre später wird die neue Stadtbücherei ihrer Bestimmung übergeben.
Die neue Bücherei verfügt über 20.000 Medien, ist gut sortiert und mit sämtlichen Büchereien der Umgebung vernetzt, d.h. Sie können auch Bücher aus anderen Städten wie Hemer oder Schwelm ausleihen. Die Bibliothek erstreckt sich über zwei Stockwerke durch die gesamte ehemalige Schalterhalle und einen Teil des Bürohauses und hat noch einen Vorteil für Gäste von Außerhalb: Die Anreise per Bus und Bahn ist unschlagbar kurz.
Quellen:
- Bücherei Wetter stellt sich vor
- Literatur: WAZ/Harenberg. „Chronik des Ruhrgebiets“, Essen 1987
Foto: © Stadt Wetter an der Ruhr
