„Picchar“ nennen die Indios in den Anden das, was sie mit den Coca-Blättern machen: Sie schieben sie in eine Backe und etwas Kalk oder Pflanzenasche hinterher. Aus dem Gemisch formen sie eine Kugel, die so lange in der Wangentasche verharrt, bis sie ihren Geschmack verliert. Das ist nach etwa ein bis zwei Stunden.
Der Cocastrauch in den Anden
Archäologen stellten fest, dass im heutigen Ecuador seit mindestens 4.000 Jahren Coca-Blätter verwendet werden. Der Schöpfungsgeschichte des Inka-Reiches erzählt, dass Manco Cápac, der Sohn der Sonne, mit einer Coca-Pflanze auf die Sonneninsel im Titicaca-See gesandt wurde. Die Blätter dieser Pflanze waren zuerst nur Adeligen, Priestern und Auserwählten des Staatsapparats vorbehalten. Später kam auch das Volk in den Coca-Genuss. Frauen durften nur zu vier Anlässen Coca kauen: in der Hochzeitsnacht, bei der Geburt eines Kindes, und wenn sie Witwe oder Greisin wurden.
Erst 1895 entdeckte der deutsche Chemiker Albert Niemann, dass aus den Coca-Blättern Kokain isoliert werden kann. Die traditionelle Nutzung der Coca-Pflanze trat in den Hintergrund: Kokain wurde zum Milliarden schweren Handelsobjekt internationaler Drogenbosse.
Chapare: Die Coca-Pflanze als neue Existenzgrundlage
Fast alle Coca-Bauern (cocaleros) im Chapare - das ist nach Yungas die wichtigste Region für den Coca-Anbau in Bolivien - sind Indigene. Viele von ihnen schufteten in den Minen des Hochlandes. Als Mitte der 1980er Jahre die Weltmarktpreise für Zinn fielen und die neoliberale Politik auch Bolivien erreichte, wurden viele Minen geschlossen. Die Minenarbeiter wurden ihrer Existenzgrundlage beraubt . Viele von ihnen zogen ins tropische Tiefland des Chapare und wurden Cocaleros. Bis zu viermal im Jahr können sie die Coca-Blätter ernten. Meist werden die Blätter gekaut oder zu Tee verarbeitet. Der Nutzen des Cocastrauches ist ausgesprochen vielseitig:
- Coca als Medizin: Coca wirkt gegen Hunger und Erschöpfung, gegen die Grippe, gegen Erkältungen und gegen Magenkrankheiten. Es verbessert die Sauerstoffaufnahme und mindert so die Höhenkrankheit, es reguliert den Blutzuckerspiegel und wirkt als Aphrodisiakum.
- Coca ist Teil der traditionell schamanischen Heilungen, der Orakel und Opfergaben
- Coca hat einen hohen Nährwert. Es enthält viel Eiweiß, Eisen, Kalzium, Phosphor und Vitamin A (als Beta-Karotin).
- Coca ist in den traditionellen Dörfern einTeil der sozialen Interaktionen. Treffen sich zwei Bekannte, so bieten sie Coca an. Das Kauen der Blätter fördert die Geselligkeit.
Die gesetzliche Lage in Bolivien
In Bolivien kann der Cocastrauch für traditionelle Zwecke angebaut werden. Bis 2006 erlaubte das bolivianische Gesetz eine jährliche Anbaufläche von 12.000 Hektar in der Yungas-Region. Die tatsächliche Anbaufläche der Coca-Plantagen wird jedoch um ein Vielfaches höher geschätzt. In jüngster Zeit können auch im Chapare offiziell kleine Flächen mit Cocasträuchern bepflanzt werden. Bis 2010 will Präsident Evo Morales die legale Anbaufläche auf 20.000 Hektar ausdehnen.
Evo Morales: Für Coca, gegen Kokain.
Der mächtigste Mann Boliviens kennt sowohl die Ressourcen, die in der Coca-Pflanze schlummern, als auch die Situation der Cocaleros im Chapare: Er selbst war einst Führer der Gewerkschaft der Coca-Bauern. Morales möchte, dass der Cocastrauch als geschütztes Kulturerbe der Anden anerkannt wird. Der Coca-Anbau soll ausgedehnt werden, die Produkte der Pflanze sollen kommerziell vermarktet werden. Geplant sind neben dem Coca-Tee auch Mehl, Medizin, Shampoos, Seifen, Salben, Kekse und Kaugummi aus Coca.
USA: Coca als Basis von Kokain
Neben Kokain und Heroin befindet sich auch die Coca-Pflanze auf der Liste der kontrollierten Pflanzen der UN-Dorgenkonvention. Wenn es nach den USA geht, soll der Cocastrauch vollständig vernichtet werden: Sie differenzieren nicht zwischen Coca und der harten Droge Kokain. So sind jährlich Hubschrauber der US-Drogenpolizei Drug Enforcement Agency (DEA) im Einsatz, um die Plantagen mit Pflanzenvernichtungsmittel zu besprühen. Die Angriffe der Soldaten auf die Cocaleros machen immer wieder wegen ihrer Menschenrechtsverletzungen Schlagzeilen.
Quellen (Auswahl):
Lessmann, Robert (2001): Kokain. Göttingen: Lamuv-Verlag
Büscher, Timm (2006). Heilung aus dem Regenwald (unveröffentlichte Bachelor-Arbeit, Fachhochschule Eberswalde).
