Der Dadaist Raoul Hausmann

Neue Gedichtformen beim Berliner Aushänge-Dadaisten

Dada Total – Manifeste, Aktionen, Texte, Bilder - Reclam
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Der selbsternannte "Dadasoph" stellte sein gesamtes Schaffen in den Dienst Dadas. Sein Schriften schwanken zwischen Ulk und Wahrheit.

Raoul Hausmann (1886 bis 1971) kam, wie viele seiner Dada-Mitstreiter, aus dem Dunstkreis des Expressionismus. Er war einer der wichtigsten Protagonisten der anarchischen Bewegung, die sich gegen Bourgeoisie und deren künstlerischen und ästhetischen Richtlinien stemmte.

Dada in Zürich und Berlin

Initiator des Dadaismus war Hugo Ball, der 1916 mit Richard Huelsenbeck, Hans Arp und Tristan Tzara in Zürich das "Cabaret Voltaire" gründete. Junge Dichter versammelten sich hier und präsentierten ihre Werke in einem Rahmen zwischen Literatur- und Kunstsalon. Künstler, die als Kriegsflüchtlinge in die neutrale Schweiz kamen, verliehen dort ihrer Empörung Ausdruck. Sie veranstalteten chaotische Vortrags- und Aktionsabende. Sie brachen mit tradierten Formen der Dichtung. Von der Schweiz ausgehend entwickelt sich der Dadaismus schnell zu einem internationalen Phänomen, das 1917 auch Berlin erreicht. Aufgrund der speziellen Situation in der Weimarer Republik ist der Berliner Dadaismus politischer als andere Dada-Gruppen.

Raoul Hausmanns Plakatgedichte

Raoul Hausmann begann 1918 mit seinen Plakatgedichten. Er reagierte mit ihnen auf den sich immer rascher entwickelnden technischen Fortschritt, der auf den Vorgang des Dichtens Einfluss nehme. Das Dichten wird automatisiert und unterliegt nunmehr dem Prinzip des Zufalls. Hausmann nimmt einzelne Lettern aus dem Setzkasten des Druckers und reiht diese willkürlich aneinander. Als einzige Referenz an ein Gedicht dient die Reihenstruktur. Das war in der Dichtung etwas vollkommen Neues, Hausmann war Zeit seines Lebens darauf bedacht, auf diese, seine, Innovation zu verweisen. Mit dieser Art des Dichtens stellten die Dadaisten Lesegewohnheiten auf den Kopf und die Sprache in Frage. Durch die freie Verfügung von sprachlichem Material wurde die Sprache entwertet. Die Plakatgedichte Hausmanns sind ein Grenzfall zwischen bildender und sprachlicher Kunstauffassung. Aus dem Plakatgedicht fsmbw machte Kurt Schwitters seine Ursonate. Das Sprechen wurde musikalisiert.

Die Lautgedichte

Gedichte sind für Hausmann nicht nur zum Sehen da, sondern auch zum Hören und vor allem zum Erleben. Dadaistische Lyrik lebt von ihrem aktiven Moment. Lautgedichte brauchen den Vortrag. Hausmann reduziert die Sprache auf Laute, auf den Un-Sinn der Worte. Das Werk selbst macht keinen Sinn, erst durch den Vortrag kann dieser sich ergeben. Für seine Lautgedicht verwendete Hausmann eine neue Art von Typografie. Bei seinem berühmtesten Lautgedicht kp'erioum hat jede Zeile einen anderen Schriftzug, es vermischen sich Groß- und Kleinschreibung.

Die Simultangedichte

Zusammen mit Johannes Baader schuf Raoul Hausmann ein Simultangedicht ganz besonderer Art: Zusammen lasen sie aus Gottfried Kellers "Kleider machen Leute", wobei jeder mal hier, mal dort einen Teil vortrug. Gleichzeitig. Sie wirbelten das Stück durcheinander und zerstörten den Zusammenhang. Der Text ist nur noch Geräusch. Das Simultangedicht zielt auf Provokation und lebt von seinem Vortrag. Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher und nicht zusammengehörender Elemente soll auf die verschiedenen Umwelteinflüsse verweisen, in die der Mensch tagtäglich verstrickt ist.

Diese neuen Gedichtformen der Dadaisten um Raoul Hausmann, vor allem das Lautgedicht, beeinflussten Dichter der Avantgarde, finden ihre Fortsetzungen aber auch in modernen Veranstaltungen wie den beliebten Poetry Slams.

Zum Weiterlesen:

Karl Riha und Jörgen Schäfer in Verbindung mit Angela Merte (Hrsg.): Dada Total – Manifeste, Aktionen, Texte, Bilder. Reclam1994. Gebunden, 384 Seiten. Euro 16,90.

Simone Sass, Simone Sass

Simone Sass - Echtes Ruhrgebietskind. Studierte Germanistin und Historikerin. Auslandsaufenthalt in Irland. Praktika in Museen, Stadtverwaltung und TV. ...

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