Kaum zu glauben, aber wahr: Ein deutscher Anarchist namens Kurt Wilckens hat Argentinien Anfang der 20er-Jahre an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht und es dort zum geradezu vergötterten Helden der Arbeiterklasse gebracht. Aber um das zu erreichen, musste er sterben.
Doch der Reihe nach: Am 27. Januar 1923 fährt der linksromantische Weltenbummler, der einige Monate zuvor aus den Vereinigten Staaten von Amerika wegen aufrührerischer Aktivitäten ausgewiesen worden war, in einer der damals noch existierenden Straßenbahnen seelenruhig durch die Hauptstadt Buenos Aires. Er liest die deutschsprachige La Plata-Zeitung, mit dabei hat er auch eine selbst gebastelte Granate. Er hat nur eines im Sinn: Rache, Rache und nochmals Rache.
Arbeiterfeindlicher Oberst in die Luft gesprengt
Im gutbürgerlichen Stadtteil Palermo lauert der Sozialrevolutionär aus dem beschaulichen Bad Bramstedt einem Mann auf, der damals eine der größten Hassfiguren des südamerikanischen Landes war: Oberst Hector Varela, der mit einem Trupp blutrünstiger Militärs einige Monate zuvor am Ende der Welt, im fast unbesiedelten Patagonien, nicht weniger als 2.500 streikende Landarbeiter eiskalt von Kugeln durchsieben hatte lassen. Die meisten Leichen wurden lediglich notdürftig mit ein wenig Erde bedeckt. Die Folge: Die Körper wurden von zahllosen Füchsen und Hunden ausgegraben und angenagt oder vom ewigen Wind in jener bizarr-schönen, kargen Landschaft freigelegt. Noch jahrzehntelang nach der Mordorgie waren die Knochen zu sehen, wurden von der Sonne gebleicht.
Wilckens sprengt den Oberst vor dessen Wohnhaus in die Luft und verletzt sich bei dem Attentat selbst - allerdings nicht lebensgefährlich. In einem Aufsehen erregenden Prozess wird er zu 17 Jahren Haft verurteilt, in seiner Gefängniszelle jedoch von einem rechtstotalitären Anarchistenhasser im Schlaf erschossen.
Gaucho-Verse zu Ehren des "Rächers"
Nach der Tat streiken Millionen Argentinier spontan in dem ganzen riesigen Land. Es kommt zu blutigen und chaotischen Auseinandersetzungen mit den Ordnungskräften. Die Situation steht auf des Messers Schneide, ein Bürgerkrieg liegt in der Luft. Der deutsche Anarchist, der kaum Spanisch konnte, wird posthum zu einer Kultfigur in einem Land, das er kaum kannte. Die Bewunderung im Volk geht so weit, dass sogar "payadores" - Gaucho-Sänger - Dutzende Heldenverse zu Ehren des Fremden dichten. Sie nennen ihn den "Rächer". Ganz Argentinien spricht nur noch von Kurt Wilckens.
Doch das dauerte nicht lange. Der Regierung gelang es, das Land zu befrieden, Wilckens wurde schnell vergessen.
Erst durch die jahrelange journalistische Recherche-Arbeit des berühmten deutschstämmigen argentinischen Schriftstellers Osvaldo Bayer gerieten die Vorgänge in Patagonien in den 60er- und 70er-Jahren wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.
Quelle: Osvaldo Bayer: "La Patagonia Rebelde", Ediciones "Booklet", Buenos Aires
