Wie Ihnen bereits im vorigen Beitrag zur Liederkranz-Halle in New York geschildert wurde, hatte der Liederkranz von der Akustik her den wohl besten Ballsaal in New York. Entsprechend groß war das Interesse einiger Schallplattenfirmen, dort ein Aufnahmestudio einzurichten. Aber erst nach Überwindung anfänglicher, vor allem technischer Schwierigkeiten, kam es dann ab April 1927 zu regelmäßigen Plattenaufnahmen der Firma VICTOR.

Nach fast viermonatiger Pause nahm im Mai 1928 der schwarze Geiger Eddie South zwei Titel auf. Dann aber, im Juni 1928, ging es richtig los. Der Pianist Jelly-Roll Morton, aus Chicago kommend, nahm mit seinen "Red Hot Peppers" acht Titel auf, von denen zwei unveröffentlicht blieben. Die sechs Stücke, die veröffentlicht wurden, darunter "Georgia Swing", gehören zu den Jazzklassikern.

Jazz contra Tradition

Während in den Studios anderer Plattenfirmen "Jazz vom Feinsten" entstand, aber auch für VICTOR in Camden, New Jersey und andernorts, öffnete die Liederkranz-Halle dieser Musikrichtung weiterhin nur sehr zögerlich ihre Pforten. Offensichtlich achtete man doch sehr auf die angelsächsischen Traditionen.

Charlie Johnson durfte erst im September 1928 wiederkommen. Drei Titel, davon einer "rejected", waren das Ergebnis. Während in anderen New Yorker Studios weiße und schwarze Musiker einander die Klinke in die Hand gaben, passierte beim Liederkranz (fast) nichts. Aber dann, am 20. Dezember 1928, war der Teufel los. Warren Mills' Blues Serenaders (meist Leute von Duke Ellington) nahmen zwei Titel auf. Unterstützt wurden die Serenaders von 14 weißen Musikern sowie einem gemischten Chor aus weißen und schwarzen Sängerinnen und Sängern. Die Leitung für dieses Mammutunternehmen hatte Matty Malneck, ein Weißer. Vielleicht wurde diese Aufnahmesitzung nur gestattet, weil es kurz vor Weihnachten war, denn anschließend gab es wieder eine lange Pause, während andernorts King Oliver, Johnny Dodds, Fats Waller, McKinney's Cotton Pickers und Duke Ellington wundervolle Aufnahmen für VICTOR machten.

14 "schwarze" Titel gegen 100 "weiße"

Erst am 3. Mai 1929 sehen wir Duke Ellington wieder in der Liederkranz-Halle, aber The Missourians, Henry "Red" Allen oder Clarence Williams spielten woanders. Der Sommer 1929 sah wiederum viele weiße Bands in der East 58th Street. Leo Reisman, Rudy Vallee, Nat Shilkret, George Olsen und Gloria Swanson nahmen auf. Alle weiß, nur "The Four Wanderers" mit J. Rosamond Johnson an der Orgel waren Schwarze. Sie nahmen vier Titel am 17. September 1929 auf. Diese "Four Wanderers" machten einige Tage später mit dem Orchester von Henry "Red" Allen den Titel "Make A Countrybird Fly Wild", allerdings in einem anderen Studio. In diesem September und im Oktober 1929 wehrten sich Fats Waller, Victoria Spivey mit Henry "Red" Allen, Wilton Crawley und King Oliver gegen die weiße Übermacht. Immerhin konnten sie zusammen 14 Titel aufnehmen (von gesamt ca. 100 in dieser Zeit). Im November 1929 nahm King Oliver noch einmal drei Titel auf, gefolgt von Duke Ellington (drei Titel), Addie Spivey mit "Red" Allen's Orchestra (4 Titel) und Wilton Crawley (vier Titel).

Sinneswandel bei den Verantwortlichen?

Der Januar 1930 sieht, von Lizzie Miles abgesehen, nur weiße Gruppen im Studio. Im März 1930 nahmen Fats Waller und Bennie Payne zwei Piano-Duette auf. Ihnen folgen im April Billie Young mit Jelly-Roll Morton am Piano, Teddy Bunn und Spencer Williams mit Clarence Profit am Piano, King Oliver und Fess Williams.

Offensichtlich hatten sich die Ansichten im Liederkranz etwas geändert, denn auch in den Monaten Mai bis August 1930 waren viele schwarze Musiker im Studio: Fess Williams, Jelly-Roll Morton, Henry "Red" Allen sowie Hall Johnson's Negro Choir. Danach scheint VICTOR die Liederkranz-Halle nicht mehr häufig genutzt zu haben.

Aus Gründen, die wir wohl nie mehr erfahren werden, verzichtete VICTOR ab Mitte Mai 1931 darauf, auf seinen "recording files", also den Aufnahmeprotokollen, das Aufnahmestudio zu vermerken. Wir finden zwar weiterhin viele weiße und schwarze Bands bei VICTOR, die sowohl Tanz- als auch Jazzmusik aufnahmen, aber wir wissen eben nicht, wo diese Aufnahmen gemacht wurden.