Der ehemalige "Kaiserbahnhof" in Laxenburg bei Wien

Kaiserbahnhof - Regal
Kaiserbahnhof - Regal
Eine eisenbahnhistorische Rarität ist der einzige erhaltene Biedermeierbahnhof Europas, vielleicht sogar der ganzen Welt.

Gleise führen heute keine mehr zum einst vornehmsten Bahnhof einer Nebenstrecke der österreichisch-ungarischen Monarchie. Der Personenverkehr auf der ersten Lokalbahn Österreichs wurde 1932 eingestellt. Im Jahr 1938 verschwand der sogenannte „Kaiserbahnhof“ auch aus dem offiziellen Bahnhofsverzeichnis. Nur mehr ganz vereinzelt sind in der Landschaft Spuren der Laxenburger „Flügelbahn“ zu entdecken. Ihr Gleis zweigte von der Südbahn in Mödling ab, führte schnurgerade nach Laxenburg und endete im kleinsten Kopfbahnhof der Monarchie. Zehn Minuten dauerte um die Jahrhundertwende die Fahrt von Mödling nach Laxenburg.

Flügelbahn zur Sommerresidenz der Habsburger

Im Februar 1844 erhielt der Bankier Georg Simon Sina von Hodos, nach Baron Anselm Rothschild der zweitreichste Mann Österreichs, neben der Bewilligung für den Bau der Wien-Gloggnitz Bahn - später „Südbahn“ - auch die Baubewilligung für eine Seitenbahn nach Laxenburg. Das Schloss im 17 Kilometer von Wien entfernten Laxenburg war seit Jahrhunderten Sommerresidenz der Habsburger und der öffentlich zugängliche romantische Schlosspark mit dem großen Teich Anziehungspunkt für zahlreiche Ausflügler aus Wien. Die Betreiber der Bahn spekulierten nicht nur mit dem Kaiserhaus und seinen noblen Gästen, sondern erwarteten sich auch „namhafte Personenfrequenzen“ in den beliebten Ort für Sommerfrische und Ausflüge. Sie sollten recht behalten. Die „Wiener Zeitung“ meldete für den 28. September 1845, dem Eröffnungstag der Bahn, eine „sehr lebhafte“ Frequenz. Immerhin 2069 Personen benützten an diesem Sonntag die „Eisenbahn nach dem k.k. Lustschlosse Laxenburg“. Bis zu 15 Zugpaare mit drei Klassen verkehrten täglich auf der beliebten Strecke.

Der kleinste aber feinste Kopfbahnhof der Monarchie

Um gekrönte Häupter standesgemäß empfangen zu können, erhielt Laxenburg den am besten ausgestatteten Kopfbahnhof einer Lokalbahn in der Monarchie. Gedeckte Kopfbahnhöfe in Österreich gab es nur in Wien, in Prag, in Budapest und in Laxenburg. Laxenburg hatte zwar den kleinsten Kopfbahnhof der Monarchie, aber unter der Bahnsteighalle mit dem Glasdach fanden drei Gleise nebeneinander Platz, um die Salonwagen der Staatsbesuche mit ihren Wappen, Kronen und sonstigen Hoheitszeichen, auch bei stärkerem Andrang, geordnet empfangen zu können. Der Westbahnhof in Wien - immerhin einer der Hauptbahnhöfe auf der Strecke zwischen Wien und Konstantinopel - hatte nur einen Schienenstrang mehr.

Mit den Zinnen über dem Mittelrisalit und an den Ecken des Bahnhofs zitierte der Architekt der Bahnhofshalle vermutlich die um 1800 aus Teilen von alten Schlössern, Burgen und aufgelassenen Klöstern gebaute „Franzensburg“ im Park von Laxenburg. Mit dieser gotisierenden, romantischen mittelalterlichen „Ritterburg“ begann in Österreich der sogenannte Historismus. Ein Baustil, der in der Wiener Ringstraßenarchitektur seinen Höhepunkt fand.

Mit den Ende des Habsburgerreichs verblich der adelige Glanz

Die Liste der Potentaten, für die im „kaiserlichen Bahnhof“ der rote Teppich nicht nur für einen „Séjour“ sondern für weltpolitische Verhandlungen ausgerollt wurde, ist lang. So sicherte sich etwa Zar Nikolaus II. 1903 vor dem Ausbruch des russisch-japanischen Krieges in Laxenburg die Rückendeckung Kaiser Franz Josefs und Kaiser Karls, der letzte Kaiser empfing im Frühjahr 1918 in Laxenburg seinen verbündeten Wilhelm II. Mit dem Ende des Habsburgerreichs kam für Laxenburg auch das Ende seiner Stellung als Nebenresidenz.

Allmählich verblich der adlige Glanz Laxenburgs. Bald übernahm eine rentablere Autobuslinie den Transport der jetzt nur mehr „gewöhnlichen“ Wochenendausflügler. Der noble Bahnhof, der einst die Hautevolee Europas empfing, wurde Scheune, später Drahtfabrik, dann Winterreitschule und schließlich stand die Bahnhofshalle jahrelang leer. 1999 ließ die Marktgemeinde Laxenburg das Bahnhofgebäude sorgfältig restaurieren. Auch die ursprüngliche, in Verputzresten dokumentierte weinrote Farbe des Bahngebäudes konnte originalgetreu wiederhergestellt werden. Heute beherbergt der alte Bahnhof neben einem Veranstaltungszentrum ein italienisches Restaurant.

Ein „geflügelter Kater“ erinnert an den alten Südbahnhof in Wien

Ein paar Schritte vom Kaiserbahnhof entfernt befindet sich eine andere eisenbahnhistorische Rarität. Der „geflügelte Kater“, wie ihn J.W. von Goethe liebevoll nannte, erinnert hier aber ausnahmsweise nicht an die Macht der „Serenissima Republica die San Marco “. Auch nicht an die in Triest gegründete, heute fünftgrößte Versicherungsgesellschaft der Welt. Natürlich hat der geflügelte Löwe aber auch hier mit dem Mythos Venedig zu tun.

Ursprünglich wachte dieser Sandsteinlöwe mit sieben weiteren geflügelten Artgenossen auf den Dachkanten des alten Südbahnhofs in Wien. Der Architekt des zwischen 1869 und 1873 erbauten Wiener Südbahnhofs, Wilhelm von Flattich, entwarf auch den Figurenschmuck des klassizistischen Gebäudes. In Stein umgesetzt hat den Entwurf der Bildhauer Franz Melnitzky. Die Ähnlichkeit mit dem Wahrzeichen Venedigs war natürlich kein Zufall. Die geflügelten Löwen auf den Dachkanten des Bahnhofs sollten aber sicher nicht nur ein Symbol dafür sein, dass hier die Reise nach Venedig - damals sicherlich eines der attraktivsten und interessantesten Reiseziel der Südbahn - begann. Sie waren vermutlich auch ein Ausdruck dafür, dass das Kaiserreich seinen - seit der verheerenden Niederlage von Königkrätz im Jahr 1866 verlorenen - Anspruch auf Venedig noch nicht endgültig begraben hatte. Nebenbei erinnerten die Löwen aber vielleicht auch an den Geburtsort des Erbauers der ersten Gebirgsbahn der Welt, an Karl Ritter von Ghega, den genialen Konstrukteur der Semmeringbahn.

Venezianische Gondeln am Schlossteich

Nur zwei der acht nach venezianischem Vorbild entworfenen „Markuslöwen“ überlebten die Bomben des zweiten Weltkriegs. Einer war Jahrzehntelang in der Kassenhalle des 1960 fertiggestellten neuen - heute ebenfalls bereits wieder verschwunden - Südbahnhofs aufgestellt. Der zweite überlebende Löwe kam im Jahr 1959 nach Laxenburg. Hier soll er ausnahmsweise nicht den schmerzlichen Verlust Venedigs ins Gedächntnis rufen. Hier erinnert er nicht nur an die Hauptstrecke der Südbahn, sondern auch an den bis heute ungebrochenen Zauber der Lagunenstadt. An die Sehnsucht nach geheimnisvolle und verschwiegenen Kanälen. Ein einen Traum, den der kleine Mann damals wirklich nur träumen konnte. Ein Traum, der daher nach Laxenburg geholt werden musste. Fahrten mit venezianischen Gondeln am Laxenburger Teich und am Wiener Neustädter Kanal brachten den Mythos der Lagunenstadt - die nach Friedrich Torbergs Tante Jolesch „e bissele anders“ ist als alle anderen Städte dieser Welt - nach Laxenburg.

Tip:

Laxenburg bei Wien hat nicht nur eisenbahnhistorische Raritäten zu bieten. Keinesfalls sollte sich der Besucher die Schlösser von Laxenburg entgehen lassen: das Alte Schloss, den Blauen Hof, das neue Schloss, den Schlosspark mit seinen romantischen Bauwerken und die Franzensburg - die „Ritterburg“ gilt heute als ein Hauptwerk der klassizistischen Romantik - inmitten des Schlossteichs.

Wolfgang Regal, Wolfgang Regal

Wolfgang Regal - Geboren, verwachsen, geschult und studiert in Österreich. Lebt und arbeitet in Wien. Publikationen: Daumensprung und ...

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