Der Angriff auf Frankreich zu Beginn des Ersten Weltkriegs sollte schnell erfolgen. Der Plan des deutschen Generalstabs sah vor, nach sechs Wochen des Sieg im Westen errungen zu haben. Dann sollten die Truppen mit der Bahn nach Osten gebracht werden, um Ostpreußen, Schlesien und Pommern zu schützen und den Sieg über die russische Armee zu erringen.
Belgien wehrt sich
Manche Militärs hatten sogar geglaubt, das Nachbarland werde den deutschen Truppen den Weg nach Paris freiwillig öffnen. Dies erwies sich als Illusion, die Belgier kämpften gegen die Invasoren. Die vorrückenden Deutschen standen von Anfang an unter großem Druck. Für den erstrebten schnellen Sieg über Frankreich mußten alle Straßen und Transportmittel gesichert sein. Um dies zu erreichen, wurden brutale, ja vökerrechtswidrige Befehle ausgegeben. Generalfeldmarschall von der Goltz, Gouverneur in Belgien, ließ am 5. Oktober 1914 bekanntgeben, dass in Ortschaften an Bahn- und Telegrafenstrecken Geiseln genommen wurden, die bei Anschlägen auf die Infrastruktur erschossen würden (Martin Gilbert, The First World War I).
Stätten der Gewalt
Zu den Gemeinden, derer in Belgien wegen des Ersten Weltkriegs gedacht wird, gehört Tamines. In dem Ort an der Sambre trafen die Deutschen am 22. August 1914 auf harten Widerstand. Bis heute ist unklar, ob dieser nur von feindlichen Truppen ausging – vor allem französischen – oder ob auch Zivilisten sich an den Kämpfen beteiligten. Fest steht, dass es sehr harte Kämpfe gab – das Infanterieregiment 77 hatte über 120 Tote und rund 250 Verletzte. (www.1914-1918.info) Offenbar wurden die Deutschen hier auch aus Häusern heraus angegriffen. Ein Soldat schrieb in sein Tagebuch, manche seiner Kameraden hätten Verletzungen durch Schrotschüsse erlitten (www.flieger-album.de). Der Einsatz von Jagdgewehren und der Beschuss aus Häusern heraus veranlassten das deutsche Militär zu einem unbarmherzigen und maßlosen Vorgehen. In Tamines wurde noch an demselben Tag eine große Anzahl von Einwohnern abgeführt und über 300 von ihnen exekutiert. Auf schlimme Weise wurden viele weitere belgische Orte getroffen, wie zum Beispiel Dendermonde, dessen Innenstadt im September 1914 weitgehend zerstört wurde.
Propaganda und Unrecht
Die alliierte Propaganda nutzte diese Ereignisse, um den Kampf gegen ein angeblich barbarisches Deutschland zu begründen. Dabei wurde behauptet, belgische Zivilisten hätten keinen Anlass zu Gewaltanwendung durch die deutschen Truppen gegeben. Dies scheint nicht zu stimmen, wie Berichte damaliger Soldaten zeigen. Offenbar kam es zu Gegenwehr gegen die Eindringlinge, zu Anschlägen und auch zu Sabotageakten. Doch wird man all dem aus Sicht des grundlos überfallenen Landes eine Berechtigung nicht absprechen können. Welcher Anlass im Einzelfall auch immer vorgelegen haben mag, so hat sich die deutsche Armee im Sommer 1914 selbst schwer geschadet. Großer Zeitdruck und hartnäckiger Widerstand konnten niemals eine Rechtfertigung sein für Massenexekutionen, Geiselerschießungen und die Zerstörung ganzer Stadtviertel.
