
- Prior Park, Bath, Palladianische Brücke - flickr/WiltshireYan
In den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts setzte in England eine Evolution in der Gartenkunst ein: Die Entwicklung des Landschaftsgartens.
Der englische Landschaftsgarten als Zeichen des politischen Umschwungs
Die Neugestaltung der englischen Gartenanlagen war ein Abbild der politischen und geistigen Neuorientierung im England des 18. Jahrhunderts:
Bereits in der Glorious Revolution von 1688/89 hatte sich England vom Absolutismus verabschiedet und das parlamentarische Regierungssystem eingeführt. Der englische Landschaftsgarten sollte die Prinzipien des Liberalismus widerspiegeln: Natur, Freiheit, Natürlichkeit waren untrennbar mit der Idee der Aufklärung verbunden.
Die damals bestehenden barocken Gärten, die mit ihrer Symmetrie immer auf das Herrscherhaus in der Blickachse ausgerichtet waren, wurden in England als Inbegriff des Absolutismus abgelehnt. Sie galten als Symbol dafür, dass sich der Herrscher nicht nur sein Volk, sondern auch die Natur Untertan machte. Der englische Landschaftsgarten ist also als bewusster Gegenentwurf zum (französischen) Barockgarten zu verstehen.
Der Einfluss Italiens auf den englischen Landschaftsgarten
Auf dem Programm einer Grand Tour, der Bildungsreise eines wohlhabenden Engländers, stand vorrangig eine Reise nach Italien. Dort besuchte man unter anderem die Renaissancegärten, die - Anfang des 18. Jahrhunderts immerhin schon 200 Jahre alt - häufig ihrer ursprünglich sehr geordneten Form bereits entwachsen waren. Die Übergänge zwischen Natur und gewollter Gestaltung waren fließend geworden. Ein Eindruck, der die Gestaltung des englischen Landschaftsgartens mit beeinflussen sollte.
Auf dem Bildungsprogramm der Grand Tour standen freilich auch Besuche in Gemäldesammlungen. Die antikisierenden Ideallandschaften in den Bildern von Claude Lorrain, Nicolas Poussin und Salvator Rosa hinterließen einen ebenso starken Eindruck wie die Villenarchitektur Andrea Palladios, die man bei Fahrten durch die italienische Landschaft kennenlernte und bewunderte. Die Bücher des berühmten Renaissance-Architekten Palladio wurden im 18. Jahrhundert in England neu aufgelegt. Neopalladianische Baukunst sollte sich untrennbar mit dem englischen Landschaftsgarten verbinden.
Merkmale des englischen Landschaftsgartens
Auch wenn man eine "natürliche" Gartengestaltung anstrebte, hieß das nicht, dass man dies einfach der Natur überlassen wollte.
Humphry Repton (1752-1818), ein Nachfolger des legendären Capability Brown (1716-1783), der maßgeblich an der Entwicklung des englischen Landschaftsgartens beteiligt war, stellte 1804 vier Regeln für den Landschaftsgarten zusammen*:
- Der Landschaftsgarten muss natürliche Schönheit hervorheben und Mängel verstecken: Der englische Landschaftsgarten sollte ein begehbares Landschaftbild sein. Man machte sich die natürlichen geografischen Gegebenheiten der Landschaft zunutze, hob die Vorzüge hervor, und half ein bisschen (oder auch viel) nach, indem man effektvolle Ausblicke oder Durchblicke schuf.
- Er soll den Schein von Größe und Freiheit vermitteln, indem seine Grenzen versteckt werden: Mauern und Zäune sucht man im englischen Landschaftsgarten vergeblich. Durch sogenannte ahas wurde das eigene Land von der Umgebung abgegrenzt. Ein aha (auch haha) ist ein Graben, der aus der Ferne nicht sichtbar ist und damit einen fließenden visuellen Übergang von Garten und Landschaft ermöglicht.
- Alle menschlichen Verbesserungen müssen sorgfältig verborgen werden: Blumenbeete und blühende Pflanzen, die eine menschlich ordnende Hand voraussetzen, findet man kaum. Schnurgerade Kanäle und Kaskaden sind tabu. Flussläufe und Wege wurden im Gegenteil der Serpentinenlinie angepasst, die William Hogarth in seiner Analysis of Beauty (1753) als "Line of Beauty and Grace" bezeichnete.
- Alle Objekte, die man nicht harmonisch einfügen kann, müssen verdeckt oder entfernt werden: Sorgfältig platzierte Baumgruppen verhindern den Blick auf Unerwünschtes. Andererseits lenken effektvoll inszenierte Tempel oder Ruinen den Blick auf sich. Ein gutes Beispiel ist die palladianische Brücke im Garten von Stowe, deren Kolonnaden sich nur in Blickrichtung des Gartens öffneten. Die andere Seite wurde vermauert, um den Blick auf ein störendes Haus in der Nachbarschaft zu verhindern.
Verbreitung des englischen Landschaftsgartens in Europa
Die Gartengestaltung, die in England ihren Anfang genommen hatte, wurde bald für ganz Europa vorbildlich. Sanft gewellte Rasenflächen, unregelmäßige Flussläufe, serpentinenförmige Seen, scheinbar natürliche Baumgruppen und malerische Ausblicke auf bedeutungsträchtige Bauten wurden bald überall nachgeahmt.
Der Park von Ermenonville in Frankreich, 1763 bis 1776 entstanden, kann als erster kontinentaler Landschaftsgarten im englischen Stil gelten. Als Vorbild für diesen Landschaftspark, an dessen Entstehung der Aufklärer Jean-Jacques Rousseau maßgeblich beteiligt war, gilt Stourhead im englischen Wiltshire.
In Deutschland gilt der Fürst-Pückler-Park Bad Muskau als die bedeutendste Gartenanlage im englischen Stil. Neben vielen anderen sind zu nennen: der Wörlitzer Park in Dessau, die Wilhelmshöhe und die Karlsaue in Kassel, Park Sanssouci und die Pfaueninsel sowie der Englische Garten in München, der sogar den Namen seines Vorbilds trägt.
Aber auch in Russland (Park von Zarskoje Selo), Dänemark (Sommerschloss Fredensborg) und Schweden (Schloss Drottningholm) entstanden Gärten im englischen Stil.
So prägte der englische Gartenstil bald weite Teile Europas. Der englische Dichter Thomas Gray (1716-1771) schrieb dazu: "Der einzige Beweis […], dass wir in Absicht auf die Vergnügungen Originaltalente haben, ist unsere Geschicklichkeit Gärten oder vielmehr Lustgegenden anzulegen […] Diese Kunst ist unter uns geboren; und es war nichts ähnliches in Europa ..."**
Quellen:
- Bazin, Germain: Du Mont’s Geschichte der Gartenbaukunst, Köln 1990
- Buttlar, Adrian von: Der englische Landsitz, 1715-1760. Symbol eines liberalen Weltentwurfs, Mittenwald 1982
- *Hohnholz, Jürgen: Der englische Park als landschaftliche Erscheinung, Tübingen 1964, S.42
- ** Christian Cay Laurenz Hirschfeld: Theorie der Gartenkunst, 1779, Nachdruck Berlin 1990, S.43
