Der erste Schultag – was muss mein Kind sprachlich können?

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Was ist ein gutes Sprachniveau bei Schulkindern? Woran erkenne ich es? Eltern wollen ihre Kinder vorbereiten - keine leichte Aufgabe für Laien!

Die Schultüte ist gefüllt, der Tornister erworben – oder geschenkt – und mit reichlich (teurem) Inhalt bestückt, darunter die bestellten Schulbücher und beschriftete Hefter; eine neue Garderobe fehlt auch nicht, damit der Sprössling aussieht wie aus dem Ei gepellt: Was jetzt noch? Kann Sohnemann alles, was er für einen glücklichen Schulstart braucht? Ist Töchterchen bereit für die Herausforderungen des Schreiben- und Lesenlernens? Eine gute Frage! Denn ein Tornister ist rasch komplett – die Kompetenz für die Schriftsprache aber braucht Jahre, um erworben zu werden.

1. Lautsprache

Man unterscheidet grob zwischen Lautsprache und Schriftsprache, also zwischen der Sprache, die "laut" wird, und der, die man lesen kann. Logischerweise baut das eine auf dem anderen auf: Wer den Laut "g" nicht vom Laut "d" unterscheiden kann, weil er den Unterschied nicht hört, wird es schwer haben, das Wort "Dunst" richtig zu schreiben oder es von dem Wort "Gunst" unterscheiden zu können. Also gilt: Wer schreiben lernen will, muss alle Laute der Zielsprache in Aussprache und Hör-Unterscheidung beherrschen!

2. Lexik und Semantik (passiver und aktiver Wortschatz)

Das Kind muss einen gut ausgeprägten Wortschatz haben. Es reicht nicht, wenn das Kind die meisten Wörter gut kennt, sie aber nicht aktiv ausspricht. Daher unterscheidet man klar zwischen dem aktiven und dem passiven Wortschatz: Die Bedeutung von Worten erkennen und verstehen, ist ein passiver Vorgang. Diese Worte auch anzuwenden in einem korrekten Zusammenhang, ist aber genauso wichtig! Das Gedächtnis für geschriebene Worte basiert auf dem Gedächtnis des Wortschatzes: Was das Kind bislang nur als Klangbild (also als Klang, dem ein Bild zugeornet ist: So sieht jeder, der das Wort "Ball" hört, einen Ball vor sich!) innerlich abgespeichert hatte, wird nun mit Buchstaben bezeichnet.

3. Grammatik

Weitestgehend sollte das Kind nun grammatisch korrekt sprechen. "Ich gehe, du gehst" ist Pflicht! "Du geh!" zeigt, dass das Kind noch nicht begriffen hat, dass winzige Wortteile wie ein angehängtes "-st" wie bei "gehst" zum "du" dazugehören. Dann wird es schwer, beim Lesen die feinen Unterschiede zu erkennen. Auch "das Buch von die Lehrerin" ist kaum noch akzeptabel, es sei denn, es wird so auch zu Hause gesprochen, zum Beispiel wegen eines Dialekts oder Soziolekts. Vor allem aber sollten Präpositionen, also Verhältniswörter, begriffen worden sein: Wer unter dem Wort "unter" nichts verstehen oder es mit "auf" verwechselt, der bekommt nicht nur unter Umständen, sondern auf jeden Fall Probleme, einen schriftlichen Text verstehen zu können, selbst wenn dieser einfach gestrickt ist. Aber: "Ich habe aufge-esst" kommt noch bei vielen Schulkindern vor. Es geht um die sogenannten Partizipien: "gelaufen", "gestritten", "erbeten" unterscheiden sich von "geliebt", "gemacht" und "erlebt" in ihrer Endung. Wann man was sagt, ob es nun "gelaufen" oder "gelauft" heißt, ist ziemlich willkürlich und ohne erkennbare Regel. Aber das Kind hat immerhin erkannt: Es kann nicht einfach sagen: "Ich habe ge-essen." Es erkennt, dass es etwas ändern muss – und probiert aus, bis es vom Erwachsenen korrigiert wird. Bis alle Partizipien richtig gebildet werden, kann das Kind auch sieben Jahre alt werden.

4. Phonologische Bewusstheit

Hinter diesem Fremdwort aus der Sprachwissenschaft verbirgt sich die Fähigkeit, ein gehörtes Wort zu analysieren, in seine Einzelteile zu zerlegen und auch wieder zusammenzusetzen. Wenn ein Kind seinen Namen oder seine Lieblingsspielzeuge klatschen kann, also: "Lud-wig" oder "Ted-dy-bär", dann kann es also ein Wort in seine Silben zerlegen. Vielmehr, wenn es heraushören kann, mit welchem "Geräusch" ein Wort beginnt, also ein "Haus" beginnt mit "h", dann werden sogar einzelne Laute, "Phoneme" erkannt. Wenn man das Kind fragt: "Was ist ein "Sch - t - e - r - n", und das Kind antwortet: "Ein Stern!", dann kann es auch Laute wieder zu Worten zusammen fügen – eine wichtige Voraussetzung für das Lesenlernen!

5. Erzählen

Um in der ersten Klasse etwas mit den anderen Kindern und dem Lehrer besprechen zu können, sollte es erzählen können: inhaltlich zusammenhängend, grammatikalisch korrekt und ausdrucksvoll. Wenn man das nicht kann, wird es schwer, von den Ferien zu berichten, einen gelesenen Text zu besprechen oder einfach ansprechend und auf Augenhöhe mit den Mitschülern zu kommunizieren.

6. Sprachverständnis

Sprache verstehen, heißt weitaus mehr, als einzelne Worte zu begreifen. Märchen müssen verstanden werden mit all ihrer Moral und ihrem Zauber. Das Kind sollte erkennen, wann eine Geschichte grammatisch falsch oder inhaltlich durcheinander erzählt wird. Es sollte wissen, wann ein Satz zu Ende ist und wann eine Geschichte zu Ende ist. Ohne das wird ein Diktat zu schwierig.

7. Auditives Gedächtnis

Hier ist nicht die Rede vom visuellen Gedächtnis: Sich zu merken, was man sieht, trainieren alle Dreijährigen bereits fleißig im Memory-Spiel, und meist sind sie die Sieger gegen die Erwachsenen. Das Gehirn ist in diesem Alter darauf spezialisiert, sich Sehreize zu merken. Mit Hörreizen ist es schwieriger: Sie sind schnell vorbei! Ein Wort wie "Straßenbahn" sprechen Erwachsene in weniger als einer Sekunde aus – das Wort hat neun Sprachlaute, wohlgemerkt! Schnell ist das Gehörte verklungen und daher auch schwer zu merken: Mit sechs Jahren sollte ein Kind sich etwa fünf Zahlen und ein etwa vier- bis fünfsilbiges Unsinn-Wort merken können. Das Wort "Taschenlampe" hat vier Silben, aber das Kind merkt sich vor allem den Sinn des Wortes gut! Ka- to- pi- la- se ist ohne Sinn – und muss trotzdem vom Kind nachgesprochen werden können. Der Merk-Speicher wird benötigt, wenn man sich die Buchstabenbilder beim Lesenlernen schnell merken muss!

8. Soziale Sprachkompetenz

Das Kind soll sich in seiner neuen Klasse wohl fühlen! Also ist es wichtig, dass es sich ausdrücken kann: Wünsche äußern und Bedürfnisse, Einforderung von Hilfe, nachfragen, wenn etwas nicht verstanden worden ist. Das Reden vor einer Gruppe ist auch keine Kleinigkeit, neue Freunde findet niemand sprachlos, und auch in Konfliktsituationen muss die Sprache vermitteln, begreifen, veräußern. Die Schriftsprache ist ein kniffliges Ding, das Menschenkinder seit jeher ärgert. Aber sie schenkte uns auch Geschichte, Kultur und den Informationsaustausch im Internet! Natürlich weiß Junior an seinem ersten Schultag noch nichts davon – aber wichtig ist, dass er oder sie gewappnet ist mit Sprachkompetenzen – was nichts anderes bedeutet, als: Sie müssen ebenfalls gewappnet sein!

Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat etwa durch einen Arzt nicht ersetzen kann.

Quelle: Häuser, Jülisch: Sprachentwicklung, Sprachstörung, Sprachförderung. Hrsg. v. Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg. Berlin: verlag das netz 2006. Praxistext, 92 Seiten.

Helene Weiß - Helene Weiß staatl. examinierte LogopädinMutterEhefrauReferrentinGitarristinSängerin

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