Der Erste Weltkrieg in den afrikanischen Schutzgebieten

Nur in Deutsch-Ostafrika widersetzte sich die Schutztruppe unter Lettow-Vorbeck bis zum Kriegsende einer schnellen Eroberung durch die Alliierten.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges waren die deutschen Kolonien weitgehend vom Mutterland abgeschnitten und für einen Krieg mit europäischen Mächten in Afrika denkbar schlecht gerüstet. Die militärischen Mittel vor Ort waren lediglich zur Erhaltung der Ordnung im Innern, nicht aber zum Kampf mit fremden Mächten bestimmt. Zwar kam die Kaiserliche Marine vereinzelt auch bei Unruhen in den Kolonien zum Einsatz, aber im Kriegsfall mit anderen Großmächten war sie angewiesen, umgehend die afrikanischen Häfen zu verlassen und den Krieg auf hoher See zu führen. Die überlegene britische Marine konnte zudem problemlos die deutschen Versorgungstransporte in die Kolonien blockieren. Dementsprechend schien eine Verteidigung der Häfen und Küsten aussichtslos, so dass für den Kriegsfall ein defensives Vorgehen mit einem Rückzug ins Hinterland als die aussichtsreichste Strategie angesehen wurde. Durch den Geländevorteil und viele kleine Stiche sollte so ein auch großer Gegner besiegt werden können.

Bereits nach wenigen Kriegstagen mussten die Deutschen in Togo kapitulieren

Abgesehen von Ostafrika wurden die Hafenstädte umgehend von alliierten Truppen eingenommen und die deutschen Truppen zogen sich unter Gefechten ins Hinterland zurück, wo sie allerdings recht schnell geschlagen wurden. So wurde nach dem Scheitern anfänglicher Verhandlungen um eine Neutralität Togos das deutsche Hauptquartier umgehend von Lomé nach Kamina verlegt, um dort die interkontinentale Funkstation zu verteidigen. Schnell drangen jedoch die bei weitem überlegenen Engländer und Franzosen von der Küste und aus den angrenzenden Kolonien vor, so dass sich Gouverneur von Doering am 27. August 1914 nach nur geringer Gegenwehr und nach Zerstörung der Funkstation ergeben musste. Die schnelle Kapitulation lag sowohl an der schlecht ausgebildeten und vorbereiteten Polizeitruppe als auch an fehlendem Material. Die Kolonie wurde daraufhin als Mandat zwischen Frankreich und England aufgeteilt.

In Kamerun konnten die Zerstörungen der Deutschen die Niederlage nur verzögern

Kamerun wurde direkt nach Beginn des Krieges von überlegenen französischen Truppen angegriffen, seit August 1914 von Norden aus auch von den Engländern. Die deutschen Kolonialtruppen leisteten anfangs noch heftigen Widerstand. Doch diese Verteidigungsversuche konnten ebenso wie die infrastrukturellen Zerstörungen der Deutschen das Vordringen der alliierten Truppen nur verzögern. Abstimmungsschwierigkeiten zwischen den britischen und französischen Truppen kamen den Deutschen dabei teilweise zugute. Ende 1914 begannen die Deutschen unter Gouverneur Ebermaier schließlich mit dem Rückzug ins neutrale Spanisch-Guinea, wo sie im Februar mit etwa 14.000 einheimischen Soldaten ankamen und interniert wurden. Am 18. Februar 1916 wurde die Kolonie übergeben und ging als völkerrechtliches Mandat an England und Frankreich.

Südafrikanische Truppen eroberten Deutsch-Südwestafrika letztlich problemlos

In Deutsch-Südwestafrika verhinderten zunächst Abstimmungsprobleme zwischen England und der Südafrikanischen Union ein schnelles und entschlossenes Eingreifen der Alliierten. Die Schutztruppe konnte währenddessen durch Freiwillige und Reservisten auf etwa 5.000 Mann aufgestockt werden. Die Kampfhandlungen begannen im September 1914, am 19. September besetzten die Südafrikaner die Lüderitzbucht. Im Süden wurden die alliierten Truppen hingegen zeitweilig zurückgeschlagen, so dass diese über die schnell besetzten Küstenstädte ins Inland vordrangen. Weil das offiziell noch neutrale Portugal in einer Aktion deutsche Offiziere getötet hatten, führte der deutsche Truppenkommandeur Heydebreck vor Beginn der südafrikanischen Offensive noch eine „Strafexpedition“ gegen Portugiesisch-Westafrika durch, das daraufhin auch einen aggressiveren Ton gegen die Deutschen anschlug. Anfang 1915 begann der Vormarsch der weit überlegenen südafrikanischen Armee, denen die deutschen Truppen sich nur durch einen Rückzug widersetzen konnten. Dennoch wurden sie immer weiter in die Enge getrieben, bis sie schließlich am 9. Juli 1915 mit noch etwa 3.400 verbliebenen Soldaten kapitulierten.

In Deutsch-Ostafrika widersetzte sich Lettow-Vorbeck erfolgreich bis Kriegsende

Nur in Deutsch-Ostafrika verhinderte Paul von Lettow-Vorbeck, der erst 1913 als Kommandeur der Schutztruppe nach Ostafrika kam, bis zum Kriegsende eine direkte Niederlage, weil er mit einer kleinen Kampfgruppe einen zermürbenden Guerillakrieg führte. Von Beginn an wandte er sich gegen den reinen Verteidigungsplan und geriet über die militärische Taktik in heftigen Konflikt mit dem Gouverneur Heinrich Schnee. Entgegen Schnees Anweisungen wollte Lettow-Vorbeck die Küstenstädte nicht kampflos übergeben und konnte so durch den Sieg über einen britisch-indischen Landungskorps am 4. November 1914 in der Hafenstadt Tanga seinen Versorgungsnachschub sicherstellen. Dadurch gewann Lettow-Vorbeck großes Vertrauen innerhalb der Truppen.

Als Portugal Anfang 1916 in den Krieg eintrat, standen in Ostafrika nun die Briten, die Buren (nach dem Erfolg in Südwestafrika) und die Portugiesen gegen die deutschen Truppen. Die britischen Truppen verfügten unter dem in Deutsch-Südwest bereits erfolgreichen Jan Christian Smuts alleine über eine Stärke von 70.000 Mann. Die Alliierten starteten daraufhin im März 1916 einen konzentrischen Angriff, bei dem sich Lettow-Vorbeck Entscheidungsschlachten systematisch entzog und den Krieg damit für alle Beteiligten brutal in die Länge zog. Bis zum Herbst 1916 hatten die Briten fast die gesamte Kolonie erobert. So drang Lettow-Vorbeck am 25. November 1917 mit noch etwa 2.000 Mann in Portugiesisch-Ostafrika ein. Durch zahlreiche Plünderungen einheimischer Dörfer versuchte die Truppe, ihre Versorgungslage zu bessern. Nachdem Lettow-Vorbeck mit seinen Truppen schließlich wieder von Deutsch-Ostafrika aus nach Rhodesien vordrang, stoppte ihn der Waffenstillstand, von dem er am 13. November 1918 erfuhr und dem er am 25. November offiziell nachkam.

Henrik Lührs, H. Lührs

Henrik Lührs - Jahrgang 1979. Nach dem Abitur 1998 Ausbildung zum Verkehrspiloten, seit 2002 Theorielehrer für verschiedene Fächer der Privat- ...

rss