
- Österreichische Soldaten ziehen in den Krieg - http://gebirgskrieg.heim.at
Der amerikanische Historiker und Diplomat George Frost Kennan bezeichnete den Ersten Weltkrieg als die große Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. „Es war ein fürchterlicher Krieg. Er dauerte vier Jahre und kostete etwa acht Millionen Menschen das Leben. Es gab keinen Grund all diese Leben der Blüte Europas zu opfern. Es waren nicht nur die Toten und Verkrüppelten, die den Preis für diese Schlachterei zahlten, es waren auch deren Familien“.
Doch war der Krieg keine Katastrophe im eigentlichen Sinne des Wortlautes. Der Krieg war kein Erdbeben, das ohne Vorankündigung hereinbrach, sondern ein über Jahre sorgfältig vorbereitetes Kalkül europäischer Machthaber.
Das Attentat von Sarajevo
Nachdem der bosnische Nationalist Gawrilo Princip am 28. Juni 1914 den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau, Herzogin Sophie von Hohenberg, auf offener Straße erschießt, sind sich die Regierenden Europas zumindest in einem Punkt einig: Der Mörder des Österreich-Ungarischen Kronprinzen samt seinen Drahtziehern muss bestraft werden. Frankreich und Russland sprechen der K.u.K Monarchie ihr Bedauern aus. In Rom betet der Papst Pius X für die Opfer. Die Londoner Zeitung „Times“ schreibt: „Wir können nur sagen, dass wir alle in England uns vereinigen in dem gemeinsamen Gefühl des Kummers für die Leidtragenden und in dem Abscheu für den Mord, der das Gewissen der Welt erschüttert hat“. Zu diesem Zeitpunkt stehen die europäischen Heere längst zum Angriff bereit.
Deutschland suchte einen militärischen Konflikt
Zumindest für die Regierung des Deutschen Reichs bot sich nach der Ermordung Franz Ferdinands endlich die Chance, seine militärischen Expansionspläne zu verwirklichen. Bereits 1890 kühlten die politischen Beziehungen zwischen Russland und dem Deutschen Reich ab. Wilhelm II hatte es versäumt, sich in Großbritannien einen Verbündeten zu suchen. Politisch isoliert, stand das Deutsche Reich unter Führung Wilhelms II schon seit Anfang des Jahrhunderts zwischen den Großmächten Frankreich, Großbritannien und Russland da. Der Kaiser setzte auf militärische Machtpräsenz statt diplomatischer Annäherung an die Großmächte. Koloniale Differenzen und eine falsche Außenpolitik drängten Deutschland in Europa immer weiter in eine Außenseiterposition.
Europäische Bündnisse vor dem Ersten Weltkrieg
Nicht zuletzt das Flottenprogramm von Großadmiral Alfred von Tirpitz, das die deutsche Armada mit der Englischen Seestreitmacht konkurrenzfähig machen sollte, bereitet den europäischen Nachbarn Sorgen. Schließlich gehen Frankreich, England und Russland 1907 mit der Tripelentete eine Allianz ein, in der sich die Staaten verpflichten, im Falle eines militärischen Konflikts den Bündnispartner zu unterstützen. Zu diesem Zeitpunkt wissen die europäischen Machthaber längst, dass sich ein Krieg nicht vermeiden lässt. In den Jahren vor dem Kriegsausbruch entstehen in Europa zwei Lager, deren Regierungen verzweifelt nach Verbündeten für den „Tag X“ suchen.
Deutschland bereitet sich auf einen Krieg mit Russland vor. Österreich-Ungarn will die Kontrolle an der Donau wiedererlangen. Es plant einen Schlag gegen Serbien und Montenegro, um den Panslawismus und somit den russischen Einfluss auf die Donaustaaten einzudämmen. Bereits 1909 gehen die Stabschefs Österreich-Ungarns und Deutschlands ihre Optionen für den Fall eines Kriegsausbruchs durch. Am 1. Januar schreibt der Österreichische General Franz Conrad v
on Hölzendorf an den deutschen Generalstabschef Helmuth von Moltke. Holzendorf verspricht dabei, Deutschland in einem Krieg gegen Frankreich und Russland zu unterstützen, und glaubt auch in Bulgarien und Rumänien Verbündete zu sehen. „Rumänien dürfte nicht nur nicht feindselig gegen den Zweibund (Deutschland und Österreich-Ungarn) auftreten, sondern aufgrund des Allianzvertrages aktiv an dessen Seite stehen“. (Conrad an Moltke: Österreich-Ungarn und Serbien, die deutsche Kriegsplanung.) Mit Bulgariens Hilfe können die russischen Truppen am Schwarzen Meer gebunden werden, um so deren Stoßkraft an der Serbienfront zu schwächen, so Hölzendorf. Die Mittelstaaten Deutschland und Österreich-Ungarn fürchten vor allem England in einem Krieg gegen sich zu haben, da sie mit Frankreich und Russland schon zwei Großmächte als Gegner haben. Noch einige Tage vor Kriegsausbruch hoffen sie, dass England sich neutral verhalten würde.
Europa kurz vor dem Weltkrieg
Im Frühjahr 1914 hat die Kriegsekstase auch alle Bevölkerungsschichten erreicht. In Deutschland glaubt beinahe jeder Bürger die eigenen Landesinteressen nur mit einem Krieg durchsetzen zu können. Deutsche Zeitung drucken immer häufiger antislavische, antibritische und antifranzösische Artikel.
Als der deutsche Außenminister Gottlieb von Jagow bei seiner Grundsatzrede vor dem Reichstag am 14. Mai die antirussische Propaganda öffentlich befürwortet, wartet Europa nur noch auf einen Anlass, um seine Streitkräfte zu mobilisieren. Am 20. Mai beraten der Außenminister und der preußische Generalstabschef Helmut von Moltke privat über einen Präventivschlag gegen Russland. Moltke möchte schnellstmöglich angreifen, da sich nach seinen Ansichten, sowohl das russische, als auch das französische Heer derzeit in einem schlechten Zustand befinden. „In zwei oder drei Jahren“, so Moltke, „würde Russland seine Rüstungen beendet haben. Die militärische Übermacht unserer Feinde wäre dann so groß, dass ich nicht wüsste, wie man ihrer Herr werden könnte“. Nach dem Attentat von Sarajevo dauert es einen Monat, bis Europa den ersten totalen Krieg erlebt. Am 28. Juli 1914 tritt die K.u.K Monarchie Österreich-Ungarn mit Serbien in den Krieg. Insgesamt beteiligten sich 32 Staaten am bis dahin umfangreichsten militärischen Konflikt der Weltgeschichte. „Bis Weihnachten sind wir wieder zu Hause“, hatten deutsche Soldaten ihren Familien zugerufen, als sie in den Krieg zogen. Nur wussten sie damals nicht, dass es bestenfalls Weihnachten in vier Jahren sein würde.
