Der Everest ruft

Mount Everest: Für 70.000 Dollar auf den Gipfel - skeiwoker / pixelio.de
Mount Everest: Für 70.000 Dollar auf den Gipfel - skeiwoker / pixelio.de
Gut betuchte Touristen setzen auf der Suche nach Trophäen für ihr Ego in Massen zum Gipfelsturm im Himalaya an.

Immer im Frühjahr locken die Berge. Das klingt nach Luis Trenker, hat jedoch nichts mit Alpenromantik zu tun, sondern ist heute Big Business – besonders im Himalaya. Diese Gebirgskette, die sich von Pakistan im Westen bis Tibet im Osten zieht, lockt mit ihren 14 Achttausendern jedes Jahr zahlreiche wohlhabende Abenteurer, die kein Geld scheuen, ihr Ego mit einem Berggipfel zu dekorieren.

Vor über einem halben Jahrhundert, 1953, als ein Gipfelsturm tatsächlich noch ein Abenteuer war, wurde der Everest, mit 8.846 Metern der höchste Gipfel unseres Planeten, von dem Neuseeländer Edmund Hillary und dem Sherpa Tenzing Norgay bestiegen. Bis heute haben mehr als 2.500 Menschen den Gipfel erklommen - etwa 180 sind im ewigen Eis umgekommen.

Kommerzialisiertes Bergklettern

Heute organisieren Unternehmen wie Alpine Ascents International, Altitude Junkies, Peak Freaks, Mountain Madness, Ice 8000 oder German Amical jedes Detail einer Expedition und bringen sogar Blinde, Lahme, Kinder und Greise auf den ersehnten Gipfel. Sie schließen die Verträge mit den Sherpas und den Trägern ab, sorgen für den Sauerstoff, Kochgeschirr, Getränke und Speisen, die alpinistische Ausrüstung. Sie erledigen die Papierarbeit, wie Anmeldung, Gebühren bezahlen oder Fahrzeuge mieten bei den tibetischen, chinesischen oder nepalesischen Behörden und bezahlen die Schmiergelder ebenfalls an die nepalesischen, tibetischen oder chinesischen Geheimdienstler, Polizisten oder Armeeposten, die auch ihren Teil am großen Kuchen dieser Wachstumsindustrie einfordern.

Für 70.000 bis 100.000 Dollar kann jeder auf den Gipfel eines Achttausenders gelangen – und wenn er getragen werden muss. Auf diese Weise erreichten auch schon ein 76-jähriger, ein Blinder, ein Tauber, ein Einbeiniger, ein vollständig Beinamputierter und zahlreiche Weitere mit dem einen oder anderen Gebrechen den Gipfel des Everest. Kletterten in den 1990er Jahren noch rund 100 im Jahr auf den Everest, so sind es seit Beginn des neuen Jahrtausends über 500 mit steigender Tendenz.

Krumme Geschäfte am Berg

Dass sich bei den riesigen Umsätzen, die in diesem Bereich der Tourismusindustrie gemacht werden, auch kriminelle Elemente einschleichen, ist kaum verwunderlich. Die harmlosesten sind dabei noch die Gendarmen, Soldaten oder PAP-Agenten (Chinas bewaffnete Volkspolizei), die sich nebenbei auch als Zuhälter betätigen und Prostituierte in die Basislager bringen. In besondere Gefahr begeben sich jene Touristen, die sich mit Billigangeboten ein Schnäppchen leisten und für weniger als 10.000 Dollar einen Achttausender besteigen wollen. Die Folgen können dramatisch sein. So starb 2006 der Brite David Sharp, der nur 6.400 Dollar bezahlt hatte, in der Nordwand des Everest. Er hatte zu wenig Sauerstoff, keine Sherpas – und während er starb, liefen 40 Menschen auf dem Weg nach oben an ihm vorbei.

Bergführer ohne Erfahrung

Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist die Wahl des Veranstalters. Nicht alle in diesem Geschäft sind auch vertraut mit den Eigenarten der Berge. „Jahr für Jahr sinkt das Fitness- und Erfahrungsniveau der Menschen, die auf den Berg wollen. Es gibt auf dem Everest keine bestimmten Anforderungen an die Bergführer“, berichtete der Alpinist und Pulitzer-Preisträger Michael Kodas, der bereits zweimal am Everest war. „Jeder, der möchte, darf sich dort so nennen. Es gibt Bergführer, die keine Erfahrung darin haben, Menschen sicher wieder nach unten zu bringen, die nie gelernt haben, Lawinen vorauszusagen oder das Wetter zu deuten. Oft beherrschen sie nicht einmal Grundlagen in Erster Hilfe.“

Sauerstoffflaschen und kein Sauerstoff

Viel Aufsehen verursachten die dubiosen Geschäfte des Briten Henry Todd mit seiner Firma Ice 8000, der auf Webseiten gelegentlich als „Everests gefährlichste Person“ beschrieben wird. Besonders in der Todeszone, also oberhalb von 7.500 Metern, werden die Sauerstoffflaschen lebenswichtig. Jedes Jahr kommt Sauerstoff im Wert von weit über einer Million Dollar auf den Everest. Und der Mann, der am Everest den Sauerstoffhandel betreibt, ist Henry Todd. Eine von Todd ausgerüstete Expedition soll dabei auf „geradezu kriminelle Weise“ fehlgeschlagen sein, wie Michael Kodas sagte. 1999 lieferte er einem britischen Team den Sauerstoff. Doch sechs der Flaschen funktionierten nicht, zwei Bergsteiger hatten plötzlich in Lager IV keinen Sauerstoff. Ein junger Brite starb. Ein Jahr später widerfuhr einer anderen Mannschaft das Gleiche ebenfalls in Lager IV. Der Fall wurde vor einem Londoner Gericht verhandelt. Laut Kodas ist den Gerichtsunterlagen zu entnehmen, dass der Mann, der den Sauerstoffhandel am Everest betreibt, wegen Drogenhandels sieben Jahre lang im Gefängnis saß. Die vom Händler selbst gefüllten Tanks hätten in der Höhe versagt und die Bergsteiger in Lebensgefahr gebracht. Todd erhielt eine Bewährungsstrafe und ist wieder im Geschäft.

Über allen Gipfeln ist keine Ruh

Doch der Reiz und das Ego sind stärker als die Gefahr. Und so klettern sie wieder seit Ende März. In dieser Frühjahrssaison haben sich nicht weniger als 27 Expeditionen am Everest angemeldet, Polen, Russen, Rumänen, Spanier, Franzosen, Schweizer, Amerikaner, Chilenen, Slovaken, darunter ein Team von der Karibikinsel Dominica oder Willie Benegas, der schon zehnmal auf dem Everest stand. Die Australierin Sharon Cohrs will die erste Frau werden, die Brustkrebs und Everest überlebt hat; der Baske Alberto Zerain will solo durch den Hornbein Couloir an der Nordwand; ein Brasilianer will mit dem Hängegleiter den Abstieg vermeiden.

Auch die andern Gipfel sind gefragt. Wie Trophäensammler jagen Alpinisten ihrem höchsten Ziel nach, alle 14 Achttausender bestiegen zu haben. Insgesamt tummeln sich derzeit mindestens 55 Expeditionen auf Everest, Kangchenjunga, Nanga Parbat, Sisha Pangma oder Makalu. Juanito Oirzabal ist bei seinem Bemühen, die Runde über alle 14 gleich zweimal zu schaffen, am Annapurna auf dem Weg zu seinem 25. Achttausender. Vom Dhaulagiri, wo ein reines Damenteam aus Chile gerade im Anstieg ist, wollen zwei Amerikaner mit Skiern herunter wedeln. Und ein paar Tschechen wollen vom Manaslu mit dem Snowboard abfahren. Am Lhotse versucht sich gerade der 72 Jahre alte Carlos Soria, er hat bereits acht Gipfel auf seiner Erfolgsliste und hofft, bis zu seinem 75. Geburtstag alle 14 geschafft zu haben. Die Türkisfarbene Göttin, die – so sagen es die buddhistischen Schriften - Padmasambhava’s Anweisungen zur Errettung der Erde besitzt, der Cho Oyu, ist gelegentlich dermaßen überlaufen, dass es schon mal zu einer Schlägerei kommen kann, wenn sich zwei Expeditionen beim Auf- oder Abstieg im Weg stehen.

Die einzige Ausnahme

Nur der 6.714 Meter hohe Kailas bleibt verschont von dem Getümmel. Er ist beiden heilig, den Tibetern als Berg Sumeru, das kosmische Zentrum des Universums, und den Hindus als das Paradies Shivas. Hier ist Bergsteigen strikt verboten.

Quellen:

  • Michael Kodas, „Der Gipfel des Verbrechens. Die Everest-Mafia und ihre dreckigen Geschäfte“, Malik, München, 2008
  • Jonathan Green, „Murder in the High Himalaya. Loyalty, Tragedy, and Escape from Tibet”, Public Affairs, New York, 2010

Armin Wertz - Nach Abschluss des Volkswirtschaftsstudiums Nachrichtenredakteur 1980 - 1990 Korrespondent in Mexiko, Mittelamerika & Karibik 1991 - ...

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