"Der Fall Collini": Späte Sühne eines grausamen Verbrechens

Buchcover Der Fall Collini - Piper Verlag
Buchcover Der Fall Collini - Piper Verlag
In seinem ersten Roman beschreibt Ferdinand von Schirach einen kaum bekannten juristischen und politischen Skandal der Bundesrepublik.

Ferdinand von Schirachs beide Erzählbände "Verbrechen" und "Schuld" wirkten auf die Leser mit einer atemberaubenden Wucht. Es waren gerade die kleinen Schockelemente und die minimalistische Sprache, die hervorstachen und tief bewegten.

Wie würde der Autor das in seinem Roman wohl umsetzen? "Der Fall Collini" gibt nun endlich die Antwort: handwerklich mit kleinen Schwächen, inhaltlich jedoch mitreißend und schockierend wie gewohnt.

Der Mörder, der Täter, der Anwalt und der Mensch dahinter

Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Mann betritt ein Berliner Luxushotel und gibt vor, einen Interviewtermin mit einem Gast zu haben. Er fragt nach der Zimmernummer, fährt in den vierten Stock, klopft an der Tür. Der Hotelgast, ein Mann um die 80, öffnet und lässt den Reporter herein. 20 Minuten später ist der alte Mann tot – erschossen, sein Gesicht von mehreren Tritten zertrümmert.

Fabrizio Collini gesteht den Mord, doch verschweigt er sein Motiv. Der junge Anwalt Caspar Leinen übernimmt die Pflichtverteidigung und steht vor einem Berg voller Rätsel. Was trieb den unbescholtenen Collini, der sich nie etwas zuschulden kommen ließ, zu diesem bestialischen Mord? Caspar Leinen forscht weiter und stößt auf einen Skandal der deutschen Justizgeschichte.

"Der Fall Collini" ist keine klassische Whodunnit-Story, der Täter steht schon nach drei Seiten fest. Ferdinand von Schirachs Stärke liegt darin die Menschen hinter der Tat darzustellen in gewohnt sachlichem und lakonischem Stil ohne moralische Wertung.

In diesem Fall beschränkt er sich nicht nur auf den Täter, sondern auch auf den Anwalt und das Opfer. Warum der Autor so ausführlich auf die Kindheit und Jugendjahre Caspar Leinens eingeht, mag auf den ersten Blick überflüssig sein, doch hier beweist von Schirach wieder sein Geschick Menschen darzustellen.

"Anwälte tun, was Anwälte eben tun müssen."

Caspar Leinen kennt das Opfer Hans Meyer persönlich. Es ist der Großvater seines verstorbenen Jugendfreundes, bei dem die beiden jahrelang ihre Ferien verbrachten. Meyer wurde zu einem Ersatz für Caspars fehlenden Großvater. So erfährt der Leser nicht nur etwas über den Menschen Hans Meyer, sondern macht gleichermaßen nachvollziehbar, dass Caspar Leinen sein Mandant als Pflichtverteidiger zunächst niederlegen will. Aus persönlichen Gründen. Hier haben wir den ersten menschlichen Konflikt, Caspar Leinen sieht sich dieser Aufgabe nicht gewachsen. Sein Kollege und Mentor macht ihm jedoch klar, dass man sich als Anwalt seine Fälle nicht immer aussuchen kann, eine persönliche Befangenheit findet sich immer. Da heißt es sachlich bleiben. Caspar Leinen beherzigt diesen Rat und verbeißt sich in den Recherchen zu dem scheinbar rätselhaften Fall Collini. Ein fast unscheinbarer Hinweis führt ihn zu Lösung, der junge Anwalt stößt auf einen unglaublichen Justizskandal.

Mord verjährt nicht – oder doch?

Collinis Vater wurde als Geisel von den Nazis erschossen, den Oberbefehl hatte Hans Meyer. Collini zeigt ihn wegen dieses Verbrechens an, doch eine Gesetzesänderung zu Gunsten der Mordgehilfen, lässt Meyer ungestraft davon kommen. Diese Änderung, das EGOWiG, stammte von Eduard Dreher, dem ersten Staatsanwalt im Dritten Reich. Trotz seiner Nazi-Vergangenheit wird er 1951 wieder ins Justizministerium aufgenommen, wo er ungebremst Karriere macht. Seine Gesetzesänderung 1968 bewirkte, dass die sogenannten "Schreibtischtäter" der Nazis, also Soldaten, Offiziere und andere Befehlsempfänger, nicht mehr verurteilt wurden, da ihre Taten als verjährt angesehen wurden. Collini wurde eine legale Sühne für das Verbrechen, was Meyer an Collinis Vater verübte, vom Gesetz her versagt. Deswegen griff er selbst zur Waffe.

Der Schock im letzten Akt

Hier im letzten Akt des Romans ist er dann wieder: der Schockeffekt, der die Leser mit Wucht trifft. Dieser Justizskandal ist nicht fiktiv, und gerade das macht ihn so unglaublich und lässt die Leser inne halten. Ferdinand von Schirach verzichtet auf dozierenden Ton und lässt die Fakten sprechen. Mit seiner knappen Sprache erzeugt er mehr Spannung als in einem ausführlichen Kriminalroman und macht diese Ungeheuerlichkeit ertragbar. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignissen um den "rechtsextremistischen Terror" erhält der Fall zusätzliche Brisanz.

Über moralische Schuld verliert Ferdinand von Schirach kein Wort, wie immer überlässt er dies seinen Lesern. Doch trotz der distanzierten Darstellungen erwachen die Figuren zum Leben, die Leser sympathisieren mit ihnen, nehmen Anteil an ihrem Schicksal.

Sicherlich fallen diverse handwerkliche Schwächen auf: die Bildsprache ist stellenweise schief, manche Sätze in dem gut 200 Seiten-Roman sind redundant, nicht immer tragen sie zur Handlung bei oder liefern wichtige Informationen. Deswegen mag einem der Roman zu lang vorkommen, erst recht, wenn man die kurzen Storys gewohnt ist. Fast schon Drehbuchartig geht Ferdinand von Schirach vor und zeichnet Momentaufnahmen, die sich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen.

Er versteht es, seine Leser zu führen, verrät nur das nötigste, so dass der Leser und seine Fantasie gefragt sind. Und arbeitet sich so auf den großen Paukenschlag am Ende vor. Der wirkt gerade durch die knappe Darstellung so gewaltig. Ausführliche Beschreibungen wären hier nur fehl am Platz.

Ferdinand von Schirach – Der Fall Collini

Piper Verlag München 2011

Gebundene Ausgabe, 208 Seiten

ISBN-13: 978-3492054751

Weitere Informationen und eine Leseprobe gibt es auf der Webseite des Piper Verlags

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