Der Fall "Erie Railroad": Feindliche Übernahme vor 140 Jahren

Um 1870 lechzte Wall Street nach Eisenbahn-Aktien - Elke Handtke /Pixelio.de
Um 1870 lechzte Wall Street nach Eisenbahn-Aktien - Elke Handtke /Pixelio.de
Mit der Industrie kamen die Aktiengesellschaften und damit die Spekulation. Der Kampf um eine US-Eisenbahn trieb 1867 besonders skurille Blüten

Die Erie Railroad Company (Eisenbahngesellschaft Eriesee) war eine der ältesten Eisenbahnen in den gesamten USA. Gegründet 1832, war ihre ursprüngliche Aufgabe eine direkte Verbindung zwischen der Stadt New York und den großen Seen. Von dieser Stammstrecke ausgehend, hatte ihr Streckennetz den halben Bundesstadt New York ausgefüllt. Schon während des Bürgerkrieges war sie eine der größten, reichsten und (zu guter Letzt) profitabelsten Eisenbahnen der Vereinigten Staaten. Ihre Aktien warfen solide und satte Gewinne ab und waren unter Anlegern entsprechend begehrt.

Der Zankapfel: Die Erie Railroad Company

Doch neben der reellen und angesehenen „Erie“ aus Loks, Waggons und Gleisen gab es noch eine andere, „schillernde“ „Erie“. Diese beherrschte nicht die Fahrpläne, sondern die Börsenmeldungen. Ihre profitablen Aktien hatten eine damals völlig neue Käuferschicht angelockt: Die Spekulanten waren weniger an Gewinnausschüttungen als vielmehr am schnellen Profit aus Kauf und Verkauf der Aktien interessiert.

Dies traf nach dem Bürgerkrieg, als das Aktienfieber erstmals die USA erfasste und in einem bis dato ungeahnten Ausmaß auf Aktien spekuliert wurde, auf alle Eisenbahnen zu. Doch keine andere Firma warf so viele Anteilsscheine auf den Markt wie die Erie Railroad. Die Geschäftsführung tat dies, um eine Übernahmeschlacht auszutragen. Denn sie hatten einen mächtigen Feind abzuwehren.

Der Eisenbahn-König: Cornelius Vanderbilt

Cornelius Vanderbilt (1794-1877), genannt „Commodore“, war einer der ersten echten Tycoons des industriellen Zeitalters. Er war Reeder, Handelsherr, Finanzgenie und – das vor allem – der absolut größte Eisenbahn-König seiner Zeit. Er galt seinen Zeitgenossen als eisenhart, rücksichtslos, wenig zimperlich – aber als ein Mann mit Grundsätzen, immer gerade heraus. Ein Weggefährte sagte nach seinem Tod über ihn: „Vanderbilt tat immer das, was er ankündigte. Keiner hat ihn gemocht – aber respektiert haben ihn alle.“

Vanderbilt strickte nach dem Bürgerkrieg das größte Eisenbahn-Imperium seiner Zeit: Vom Atlantik bis zum Mississippi. Sein Stammhaus, die New York Central Railroad, lieferte sich mit der „Erie“ erbitterte Kämpfe um jede neue Trasse zwischen New York, Philadelphia und Chicago. Als echter Eisenbahn-Experte erkannte der „Commodore“, dass die beste Lösung dieses Konflikts eine Fusion beider Gesellschaften sei. Doch eine entsprechende Anfrage bei der „Erie“ hatte keine Chance.

Da plante Vanderbilt eben das, was wir heute als „feindliche Übernahme“ bezeichnen: Wer die meisten Anteile einer Firma aufkauft, der ist quasi ihr Besitzer. Das Börsen-As Vanderbilt wusste besser als sonst wer, dass ein Großteil der Erie-Aktien nicht zinsbringend in Safes schlummerten, sondern als freie Spekulationsware an der Wall Street herum flatterten. Er ließ alle verfügbaren Papiere seiner Konkurrenz durch diverse Strohmänner aufzukaufen. Das tat er so gründlich, dass die Kurse der „Erie“ binnen kurzem merklich stiegen - die Nachfrage der Spekulanten stieß immer mehr ins Leere, weil immer weniger Papiere gehandelt werden konnten.

Die ersten, denen dieser Schwund auffiel, waren die Direktoren der „Erie“. Sie ahnten, in wessen Tresore ihre Anteilscheine verschwanden. Und da diese Männer ihrerseits kaum Skrupel kannten, wollten sie Vanderbilt einfach ausbluten lassen.

Investoren, Gauner, Spekulanten: Jay Gould, Jim Fisk & Daniel Drew

Jason „Jay“ Gould (1836-1896) gilt vielen Amerikanern bis heute als das Urbild des gerissenen, durchtriebenen Börsengauners. Diesen Ruf sollte sich Gould freilich erst zwei Jahre nach der Erie-Affäre „verdienen“, als seine waghalsigen Spekulationen auf Goldkäufe die Wall Street in ihren ersten wirklich großen Börsenkrach trieb, den „schwarzen Freitag“ von 1869. - Begonnen hatte Gould als Re-Organisator und Finanzier kleiner Bahngesellschaften, die er wieder aufpäppelte und mit Gewinn verkaufte. So gelangte er während des Bürgerkrieges in den Vorstand der „Erie“, wovon beide Seiten zunächst durchaus profitierten. Denn Gould verstand es, für und durch seine Eisenbahnen Geld zu machen.

Sein Kompagnon James „Jim“ Fisk (1834-1872) gilt heute als „Zweiter“ des Tandems, war aber wohl die treibende Kraft bei besonders abgebrühten Spekulationen. Fisk hatte sich im Bürgerkrieg als Baumwoll-Schmuggler profiliert und zusammen mit Gould in der „Erie“ investiert. Bestechung von Politikern und Gerichten (damals ein Muss erfolgreicher Geschäftemacher) soll eine Spezialität von Fisk gewesen sein. Das bewahrte ihn nicht davor, 1872 auf offener Straße ergeschossen zu werden – Folge einer Liebesaffäre.

Daniel Drew (1797-1879) war als Viehtrieb-Unternehmer erfolgreich, ehe er in Eisenbahnfirmen einstieg und hier erstmals mit Vanderbilt konkurrierte. 1844 wurde er Makler für Wertpapiere und avancierte in dieser Eigenschaft schnell zum obersten Geldbeschaffer der „Erie“, noch ehe er die Investoren Fisk und Gould im Vorstand installierte.

Diese drei Männer kümmerten sie herzlich wenig um Gesetze, wenn es um Erfolg oder Überleben ging. Diesmal ging es um letzteres, denn Cornelius Vanderbilt war als Konkurrent erbarmungslos und mit herkömmlichen Waffen kaum zu schlagen.

Eine "verwässerte" Aktien-Inflation

Daniel Drew hatte als Viehtreiber die Erfahrung gemacht, wie Rinder „verwässert“ wurden: Man gab ihnen abends salziges Gras zu fressen und ließ sie erst am nächsten Morgen den Durst löschen – prallvolle Bäuche täuschten wohlgenährte Tiere vor. Eine ähnliche Methode wandten die drei Herren auch hier an: Sie „warfen die Druckmaschine“ an und immer neue Erie-Aktien auf den Markt. So viele Aktien, dass Vanderbilt sie gar nicht alle aufkaufen und daher auch keine Mehrheit erwerben konnte.

Das Problem war allerdings, dass diese Inflation an Wertpapieren auf Geldwerte ausgestellt waren, die von der real existierenden „Erie Railroad“ nie und nimmer abgedeckt werden konnten. Ein kochender Commodore zog (in seiner Eigenschaft als normaler Erie-Aktionär) vor Gericht und verklagte die Direktoren wegen Aktienbetrugs – der Auftakt zu einer Posse, die das ganze Land in Atem hielt.

Ohnmacht von Recht und Gesetz

In einer Blitzaktion flüchteten Gould, Fisk und Drew aus New York über den Hudson River nach New Jersey, weil die Gerichtsbarkeit des Bundesstaates New York sie dort nicht erreichte. Heimlich kehrten sie zu einem Geschäftsessen zurück – und mussten vor einer anrückenden Truppe der Stadtpolizei türmen, zurück nach New Jersey.

Als Vanderbilt lauthals eine Prämie zur „Rückführung“ der Verbrecher aussetzte, musste sogar die Staatspolizei von New Jersey einen Personenschutz organisieren. Taylors Hotel, Hauptquartier der Exilanten, war besser bewacht als das weiße Haus. Staatliche und private „Sicherheitsleute“ und Detektive aller Couleur belauerten sich beiderseits des Hudson.

Fortan duellierte sich das Erie-Trio mit Vanderbilt vor einem Gericht in der Stadt Albany. Beide Seiten schickten „Unterhändler“ mit immer höheren Summen dorthin, um Richter, Anwälte und Geschworene zu kaufen – ein Gebaren, das frappant an den Bundesliga-Skandal von 1971 erinnert. Einmal gelang es Gould sogar, einen Vanderbilt-Geldboten zu bestechen, auf das dieser mit beiden Geldsummen auf ewig verschwand...

Ein Gentlemen´s Agreement

Die Erie-Direktoren gewannen den Prozess in Albany, aber der Kleinkrieg schwelte weiter. Bis es dem Commodore irgendwann reichte und er an seinen alten Weggefährten Drew schrieb: "Ich habe diese ganze verdammte Sache satt. Besuchen Sie mich. Vanderbilt." Gould und Fisk hatten ebenfalls genug (sie hatten angefangen, in Gold zu spekulieren...) und so einigte man sich gütlich: Vanderbilt bekam die Hälfte seines Geldes zurück - aus der Kasse der Eisenbahn - und hatte gelernt, "niemals nach einem Stinktier zu treten". Die Sieger Gould und Fisk wurden zu Präsidenten der "Erie" ernannt und nutzen dies zu eigenem Vorteil.

Verlierer des sog. "Erie War" waren die kleinen Aktienspekulanten und die Erie Railroad: Im Jahre 1872 wurde die klaffende Lücke zwischen überzeichnetem Aktien- und ausgeplündertem Realwert der Bahn deutlich, und die Kurse der "Erie" fielen drastisch in den Keller. Jahrzehnte lang konnte die "Erie" keine Dividende zahlen und kam ein paarmal nur knapp am Bankrott vorbei. Dennoch existierte sie bis 1976, als die US-Gesellschaft "Amtrak" gegründet wurde.

Die New York Stock Exchange (NYSE), der Verband der Börsenmakler von New York, zog jedenfalls die Lehren aus dieser Übernahmeschlacht am Rande organisierter Kriminalität: Seit 1868 müssen alle Unternehmen, die ihre Wertpapiere an der Wall Street handeln lassen wollen, jede einzelne Aktie bei der NYSE registrieren lassen, damit das Gesamtvolumen der umlaufenden Effekten bekannt ist.

Literatur:

Brigitte Kale: "Bulle und Bär - Abenteuer Wall Street", Düsseldorf 1995;

Hamilton Ellis: „Die Welt der Eisenbahn“, Dt. Ausgabe Herrsching 1991

Foto: © Elke Handte / Pixelio.de

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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