Um gegen Russland vorzugehen, war jedes Mittel recht. Auch der Versuch des Kokettierens mit der polnischen Militärelite, welche man eigentlich viel zu gerne für die eigenen Ziele gewonnen und mißbraucht hätte. Als dies dann nicht zum Erfolg führte, traten abgrundtiefe Gewalt und vernichtender Hass an Stelle des unerhörten Werbens. Von dieser emotionalen Betrachtung war dann auch die Bewertung der Leistungen der polnischen Soldaten geprägt. Später wurde Polen dann vom erwünschten Verbündeten zum benutzen Aufmarschgebiet gegen Russland. Rolf Dieter Müller eröffnet da bisher kaum gesehene Perspektiven völlig klar und konsequent.
Im Angesicht des Führers weiche Knie
Das nationalsozialistische System trägt die Verantwortung für die Entfesselung des II. Weltkrieges. Die Tapferkeit vieler deutscher Soldaten und Offiziere im Felde war jedoch der geradezu krasse Gegensatz zum vielfältigen Verhalten der Generalität am Kartentisch: Im Angesicht des Führers wurden Generale nicht nur zu Handlangern, die ihren eigentlich hohen, moralischen und traditionsreichen Anspruch völlig vergaßen, sondern sie vergaßen auch alle Regeln der Kriegskunst, verleugneten die Erfahrungen der Vergangenheit. Insoweit haben militärpolitisches und militärfachliches Versagen in jedem Fall Mitverantwortung für eine der größten Katastrophen der Geschichte.
Der russische T 34 Panzer fiel nicht 1941 vom Himmel
Besonders peinlich ist im Rückblick die völlige Fehleinschätzung der geographischen und jahreszeitlichen Gegebenheiten, aber auch eine, sowohl ideologisch verursachte, als auch fachlich verbummelte, Fehleinschätzung der „Roten Armee“. Der russische Panzer T 34 fiel nicht im Kriegsjahr 1941 nicht einfach vom Himmel - er war bereits im Sommer 1939 im russisch-japanischen Krieg zum Einsatz gekommen (so Müller, S. 202 oben). Und allein die Tatsache der stalinistischen Säuberungen hätten niemals zur grob fehlerhaften Unterschätzung der militärischen Stärke Russlands führen dürfen.
Des Führers Traum seit der Machtergreifung
Hitler träumte seit seiner „Machtergreifung“ 1933 immer wieder vom Krieg gegen die Sowjetunion. Daran ließen auch hinhaltende Verhandlungen und Vereinbarungen, die eher übertünchende Oberflächenkosmetik waren, keinen Zweifel. Hitler wollte den Krieg – die Pläne und Überlegungen dazu aber stammten von den Militärs – nicht von verblendeten Parteikadern oder in fest geschlossenen Reihen marschierenden SA-Leuten. Insoweit trug auch die deutsche Militärelite durch ihr vielschichtiges Versagen zum Weltbrand, zum millionenfachen Tod bei.
Alte, leidvolle Geschichte auf neuen Wegen
Das Buch erkundet auf neuen Wegen die alte, leidvolle Geschichte. Es verlässt die Pfade der retrospektiven Generalsbetrachtungen genauso, wie den Blickwinkel des vasallentreuen Leutnants – für den durch diese Sicht sicherlich eine Welt zusammengebrochen wäre.
Erfahrener, hochqualifizierter Autor: Rolf-Dieter Müller
Das ganze wurde aber nicht von irgendeinem Autor bearbeitet, sondern von einem, dessen Name für höchste Sachkunde und Qualität bürgt: Rolf Dieter Müller. Der Autor ist nicht irgendwer. Der Historiker, Politikwissenschaftler und Pädagoge ist Leitender Wissenschaftlicher Direktor im Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam, also ein absolut ausgewiesener Kenner der Materie, der darüber hinaus auch noch eine Feder zu führen versteht, durch die das Lesen auch eines schwierigen und anspruchsvollen Themas auch ansprechend und interessant bleibt.
Rolf Dieter Müller: Der Feind steht im Osten – Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion 1939, Ch. Links Verlag Berlin Mai 2011, 296 Seiten, ISBN 978-3-86153-617-8, Verkaufspreis € 29,90 (D), € 30,80 (A), sFR 37,90 (CH).
