Der Kreisverband der Grünen präsentierte Pepe Danquarts Dokumentarfilm über Joschka Fischer im Würzburger Cinemaxx. Eine schillernde und spätestens seit dem Kosovo-Konflikt umstrittene Persönlichkeit gewinnt Kontur ohne viele große Worte.
Mehr als eine Hommage
Dem Regisseurs gelingt es, die Erinnerungen des ehemaligen Außenministers, der auch in den eigenen Reihen aneckte, mit treffenden Bildern zu untermalen. So werden Motive seines politischen Handelns deutlich, und zwar in einem atemberaubendem Tempo – ein raffiniert geraffter geschichtlicher Überblick deutscher Nachkriegsgeschichte und ein gelungenes Charakterbild einer extremen und radikalen Persönlichkeit.
Danquart setzt seine Hauptperson, die scheinbar lässig durch eine Art Fotoausstellung schlendert, gekonnt ins Szene. Mit beiden Händen schöpft er aus dem Fundus bildgestalterischer Mittel – wechselnde Tiefeneinstellungen, Mehrfachbelichtungen. Überlappungen, rasante Perspektivenwechsel und Cuts bestimmen den Film, machen ihn attraktiv, buchstäblich zum Hingucker - ein optisch faszinierendes Konstrukt. Zweieinhalb Stunden vergehen im Nu und bilden buchstäblich.
So kommentieren und ergänzen mehr oder weniger bewegte Bilder die höchst sparsamen Worte Fischers, der nachdenklich wirkt, spontanen Assoziationen folgt und seinem Leben nicht allzu viel Bedeutung beizumessen scheint. Kurz: Improvisierend beschränkt er sich auf Wesentliches und bleibt bescheiden. Das freilich darf er sich erlauben – dank dieser ausgefeilten Dokumentation, die geschickt Archivmaterial mixt, Fischers sprachlicher Sparflamme das energetisch Größtmögliche abgewinnt und ihn trotz verdunkelter Atmosphäre hell strahlen lässt – als gerundete, in sich geschlossene Persönlichkeit.
Momentaufnahmen
Momentaufnahmen aus Konzentrationslagern, die wie Schrecksekunden aufleuchten, wechseln mit Bildern sterbender Bäume über Grabmalen und demonstrieren visuell die Totenruhe Deutschlands nach dem Holocaust, als das Schweigen über die Verbrechen regierte und die heranwachsende Generation mit einem Märchen aufwuchs: nämlich dem von deutscher Unschuld. In diesem Milieu wuchs Fischer auf, an dieses Milieu der Engstirnigkeit mit konfessioneller Prägung erinnern sich ältere Zuschauer. Wer kann sich heute noch den Streit zwischen Katholiken und Protestanten der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts vorstellen?
Sinnlicher Eindruck
Gleichermaßen ließ der Film die Stimmungen der siebziger, achtziger, neunziger Jahre wie hautnah erleben, dass auch die jüngere Generation potentiell die Chance hatte, sich eine andere Zeit als die heutige vorzustellen. Denn was gräbt sich tiefer ins Gemüt als ein treffendes Bild? Musik sicherlich, und die tat – gezielt ausgewählt – das Übrige, um jenseits trommelnder Worte emotionale Ebenen zu erreichen. Der oft als langweilig empfundene Stoff der Politik gewinnt damit eine Intensität, die nachhaltig wirkt und das Zeug hat, der vielfach beklagten Politikverdrossenheit entgegenzuwirken.
Tempo von MG-Salven
Im Tempo von Maschinengewehrsalven lebt das Inferno Vietnams wieder auf, das massenhaft Studenten empörte. Man stürmte in die Seminare des Theodor W. Adorno, debattierte verbissen über die Allgegenwart des Faschismus hierzulande und andere Dinge. Fischer studierte auf eigene Faust ohne Immatrikulation, fehlte nie, auch nicht bei den Häuserkämpfen. Manch ergrauter Anarcho-Rebell plaudert aus dem Nähkästchen. Doch Fischer grenzt sich im Nachhinein entschieden ab von den kriminellen Machenschaften der RAF, die er für faschistisch hält. Stattdessen kurvte er damals als Taxifahrer kreuz und quer durch die Mainmetropole – für den Betrachter im Weitwinkel fast wie echt nachzuerleben - und wurde hinterm Steuer zum Realo.
Laienhaft gefilmte Szenen der Anti-AKW-Bewegung oder der Kämpfe um die Startbahn-West stülpen diesen Sequenzen einen Hauch Unbedarftheit über, wie sie der späte Fischer auch brummelnd bestätigt. Vor allem die Jahre im hessischen Landtag bezeichnet er als seine Lehrjahre. Hier sei ihm klargeworden, wie wichtig Zuständigkeitsfragen seien.
Ähnlich verfährt der Regisseur mit anderen Ereignissen, die Fischers weiteren Werdegang bestimmten: Mauerfall, Irak-Krieg und Kosovo-Konflikt. Vor dem Hintergrund all dieser persönlichen Eindrücke freilich werden auch Fischers umstrittenen Entscheidungen plausibel. Roger de Weck, der neben vielen anderen Zeitzeugen Fischer würdigt, bringt sinngemäß sein Dilemma auf den Punkt. Es sei Ironie und Tragik der Geschichte, so Weck, dass viele Politiker gezwungen seien, in ihrer Amtszeit das Gegenteil von dem zu tun, für das sie vom Volk gewählt worden seien.
