
- Raue See am Kap der guten Hoffnung - Manschi, pixelio
Als Seemannsgarn werden frei erfundene Geschichten von Seeleuten bezeichnet, die sie sich beim Drehen oder Spinnen des so genannten Schiemannsgarns, mit dem Taue und Trosse umwickelt wurden, untereinander erzählt haben, um sich bei dieser eher langweiligen, untergeordneten Arbeit die Zeit zu vertreiben. Gingen die Seeleute wieder an Land, erzählten sie diese Geschichten auch ihren Familien und Freunden, also den Landratten, sodass sich das Seemannsgarn immer weiter verbreitete. Oft sind Lüge, Fiktion und Wahrheit nicht mehr klar voneinander zu unterscheiden.
Besonders bekanntes Seemannsgarn: Der Fliegende Holländer
Dieses niederländische Segelschiff ist zum Inbegriff aller Geisterschiffe geworden. Im Jahr 1641 versuchte ein niederländischer Kapitän, dessen Name nicht mit 100 %-iger Sicherheit korrekt überliefert ist, das Kap der guten Hoffnung vor der Küste Südafrikas zu umsegeln. Die Küste am Kap ist wegen seiner Schönheit bekannt, bei Seefahrern aber auch wegen seiner Stürme und der allgemein rauen See gefürchtet.
Es gelang dem Kapitän und seiner Crew aufgrund der stürmischen Wetterbedingungen auch nach wochenlangen Bemühungen einfach nicht, das Kap zu umsegeln. Obwohl die Mannschaft ihren Kapitän zur Aufgabe und zum Landgang bewegen wollte, ließ er sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Aufgrund seines Fluchs gegen Gott und die Welt, dass er das Kap umschiffen würde, und wenn es bis zum jüngsten Tag dauern sollte, wurde er mitsamt seinem Schiff dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit auf den sieben Weltmeeren zu segeln.
Der Sage nach kann das Schiff plötzlich aus dem Nichts auftauchen, bei absoluter Flaute segeln und kentert auch bei heftigsten Stürmen nicht. Die Bezeichnung „Fliegender Holländer“ (Flying Dutchman) hat sich wohl etabliert, weil das Schiff auch in einer Art Wolke aus der Luft angesegelt gekommen sei. Andere Seefahrer aus jener Zeit berichteten, dass sie an Deck lediglich Geister und Tote gesehen hätten; in einer anderen Version wiederum ist die gesamte Besatzung des Fliegenden Holländers lediglich in der Dunkelheit sichtbar. Hierdurch etablierte sich wohl auch die Bezeichnung Geisterschiff.
Erscheint der Besatzung eines anderen Schiffs der Fliegende Holländer, ist dies in jedem Fall ein schlechtes Omen.
Durch unterschiedliche belletristische Literatur wurde die Sage um den Fliegenden Holländer immer weiter modifiziert und ergänzt.
Pest und andere Seuchen: Geisterschiffe waren oft genug Realität
Durch Seuchen und Epidemien wie Pest oder Skorbut wurden ganze Schiffsbesatzungen dahin gerafft. Die wenigen Männer, die zunächst überlebt hatten, waren oft zu schwach, die Segel zu setzen beziehungsweise das Schiff zu steuern – und selbst, wenn sie den nächsten Hafen erreichten, wurden sie vielfach abgewiesen, da die übrige Bevölkerung eine Ansteckung durch die schwer kranken Seemänner fürchtete. Also mussten die Männer auf dem Meer bleiben, bis auch der Letzte von ihnen tot war. Oft wurden noch vorbeifahrende Schiffe um Hilfe angerufen; da die Mannschaften der anderen Schiffe jedoch lediglich Tote und Sterbenskranke sahen, die teilweise unverständliche Laute und Rufe von sich gaben, glaubten sie, Geister vor sich zu haben und suchten das Weite – ein weiterer Grund, warum sich der Ausdruck „Geisterschiff“ etablierte.
Da es nach dem Tod aller Besatzungsmitglieder natürlich niemanden mehr an Bord gab, der das Schiff durch die See manövrierte, waren diese Geisterschiffe führerlos auf den Meeren unterwegs – bis sie aufgrund von Sturm, Riesenwellen und ähnlichem sanken.
Klabautermänner als wesentlich sympathischeres Seemannsgarn
Die von Autorin Ellis Kaut erdachte Figur Pumuckl ist wohl in der Populärliteratur der bekannteste Nachfahre der Klabautermänner (Kalfattermann, Klabattermann), wobei sein Aussehen wohl laut Beschreibungen dem eines „echten“ Klabautermanns ziemlich nahe kommt. Allerdings fehlen dem Pumuckl die grünen Zähne.
Der Klabautermann bleibt in der Regel unsichtbar und warnt den Kapitän vor drohenden Gefahren. Er hilft jedoch auch bei notwendigen Reparaturarbeiten an Bord. Wenn sich ein Klabautermann zeigt, ist dies ein schlechtes Omen für die Besatzung des Schiffs. Der kleine Kobold verlässt das Schiff erst, wenn es sinkt.
Gemäß einem alten Seemannsglauben hält ein Huhn an Bord den Klabautermann vom Schiff fern.
Quellen:
- palomare.de: Logbuch-Eintrag zum Seemannsgarn. Ohne Datums- und Verfasserangabe
- segeln-und-segeln.de: Die Sage vom Fliegenden Holländer. Ohne Datums- und Verfasserangabe
- Herbert Huber – lesekost.de: Der Fliegende Holländer. 6. Juni 2007
- kapstadt.org: Südafrika Geschichte – Der Fliegende Holländer – Kapstadt. Ohne Datums- und Verfasserangabe
- Viola Fatima Ording: Die Geschichten der Seefahrer – Wahrheitsgehalt von Seemannsgarn. Suite101-Artikel vom 27. März 2010
Bildnachweis:
Meer am Kap der guten Hoffnung: (c) Manschi, pixelio
Segelschiff; Sturm auf dem Meer: (c) PDPhotos, pixabay.de
