Der Flurname "Amkenheide"

Die Amkenheide bei Lienen, Kreis Steinfurt - Uralter Gewässername oder Hinweis auf starkes Insektenvorkommen?

Welchen Ursprung hat der Flurname Amkenheide bei Kattenvenne (Gemeinde Lienen, Kreis Steinfurt)? Um diese Frage beantworten zu können, gilt es zunächst einmal, die ältesten Belege zu sichten. Der Name ist erst spät überliefert. Obwohl die Flur Amkenheide in Grenznähe liegt, taucht der Name in den überlieferten Grenzprotokollen aus dem 17. Jahrhundert nicht auf (vgl. Spannhoff, Lienener Rezess).

Die ältesten Belege

Nach den bisherigen Erkenntnissen erscheint er erstmals auf Grenzkarten aus den 1780er und 1790er Jahren als Ampenheide (LA NRW AW, KSA 46 [um 1778]; KSA 271 [1782], KSA 308 [um 1780]). Der Urkataster von 1828/29 verzeichnet die Form Anepenheide (KAST, 5047-1-01-Nr. 1 u. 2 [Flurübersichtskarten]) sowie neben Anepenheide auf derselben Flurkarte auch Alpenheide (KAST, 5047-1-04, Nr. 40 Flur 23, Blatt 01-Heemann). Heute heißt die Gegend Amkenheide. Es handelt sich demnach um eine Zusammensetzung (Kompositum) mit dem Grundwort (mittel-)niederdeutsch heide. Das Grundwort ist mehrdeutig. Mit Heide können sowohl Ödland, Pflanzen niedrigen Wuchses (Heidekraut), aber auch Wald und in Einzelfällen sogar eine Gerichtsstätte bezeichnet werden (Derks, Essen, S. 105-107). Jost Trier führt alle diese Bedeutungen zusammen und kommt zu einer Grundbedeutung „Allmende, Gemeinheit, gemeine Mark“, also extensiv, durch Viehweide, Plaggenstich, Holzhieb genutztes Land (Trier, Heide).

Ein uralter Gewässername?

Doch was verbirgt sich im Bestimmungswort Ampen, Anepen, Amken? Aufgrund des Urkataster-Beleges von 1828/29 Anepenheide ist vermutet worden, dass im Bestimmungswort des Namens ein alter apa-Name vorliegen könnte (Wilkens, Lienen, S. 359), der dann *Anapa / *Anepe hätte lauten müssen. Bei der Bezeichnung -apa (abgeschwächt -epe), die in diesem Fall dem Namen zuvor läge, handelt es sich um ein germanisches Wort für „Wasser“, das in alten Gewässernamen festzustellen und im Nordwesten Europas verbreitet ist (Casemir, Helmstedt, S. 234f.). Auch in der näheren räumlichen Umgebung zum hier untersuchten Flurnamen finden sich -apa-Bildungen, z.B. Velpe bei Westerkappeln (1299 Vellepe; Spannhoff, Namen, S. 69). Die Anepenheide wäre dann das Heidegebiet an einem Gewässer namens *Anapa / *Anepe gewesen.

Es bleiben Zweifel

Doch bleiben Zweifel an dieser Deutung bestehen. Zunächst einmal findet sich in der näheren Umgebung kein entsprechendes Gewässer, das namengebend gewesen sein könnte. Zudem ist das Wort -apa so alt, dass es im aktiven Wortschatz der germanischen Sprachen nicht mehr vorkommt. Es kann nur noch aus Gewässer- und von diesen abgeleiteten Siedlungsnamen isoliert werden (Derks, Essen, S. 38). Da aber der Kattenvenner Raum frühestens im Hochmittelalter von Norden bzw. Nordosten her besiedelt worden sein dürfte und sich auch erst zum Zeitpunkt dieser Besiedlung die Kattenvenner Namenlandschaft ausbilden konnte (weil ein Name keine natürliche Gegebenheit ist, sondern siedelnde Menschen voraussetzt, die ihre Umgebung benennen!), kann hier somit keine apa-Bildung vorliegen. Auch die erst junge Überlieferung des Flurnamens deutet auf ein geringes Alter desselben hin.

Klöntrups „Niederdeutsch-Westphälisches Wörterbuch“

Es gilt also, einen anderen Anschluss für das Bestimmungswort zu finden. Die Lösung liegt im Nebeneinander der ältesten und heutigen Form: Ampenheide und Amkenheide. Der 1755 im Lienen benachbarten Ort Glane geborene Jurist und Dialektforscher Johann Aegidius Rosemann genannt Klöntrup verfasste Anfang des 19. Jahrhunderts ein „Niederdeutsch-Westphälisches Wörterbuch“, das die südosnabrücker Mundart seines Geburtsortes enthält (Klöntrup, Wörterbuch, Bd. 1, S. 7*-14*). In dieser wichtigen Quelle für die Sprache, die im südlichen Osnabrücker Land in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gesprochen wurde, findet man nun sowohl den Eintrag Ämken als auch Ämper – beide Wörter in der Bedeutung Ameise (Klöntrup, Wörterbuch, Bd. 1, S. 26). Somit dürfte die Ampenheide bzw. Amkenheide als Ameisenheide zu deuten sein, was auch inhaltlich einen guten Sinn ergibt. Das Benennungsmotiv war also ein vermehrtes Vorkommen dieser Insektenart an diesem Ort. Zudem erklärt das Auftreten der beiden Wortvarianten Ämken und Amper für die Ameise in der südosnabrücker Mundart auch bestens die beiden Varianten des Flurnamens Ampenheide/Amkenheide.

Insekten in Flurnamen

Nun könnte man annehmen, dass das Vorkommen von Insekten oder Gliedertieren kein geeignetes Benennungsmotiv für einen Flurnamen sein kann. Doch lehrt der Vergleich mit anderen Örtlichkeitsnamen das Gegenteil: So wird z. B. im Jahre 993 eine Homelbeke bei Minden, ein "Hummelbach", 1220 ein Keverlo bei Essen (zu mittelniederdeutsch kever „Käfer“ und mittelniederdeutsch lo(h) „Busch, Niederwald“), 1510 eine Kevermoelen – eine „Käfermühle“ – bei Viersen erwähnt. Ein „Lausberg“ bei Breckerfeld (de Lusberg, 12. Jahrhundert) verweist auf die Laus und eine 1444 genannte Flur an dem Vleygenbusche bei Essen-Borbeck auf „Fliegen“ oder „Bremsen“ (Derks, Sprockhövel, S. 104-106). Schließlich gibt es in Ostbevern einen Wiewelhook (zu mittelniederdeutsch wevel „Käfer“ und mittelniederdeutsch hook „Ecke, Winkel“). Ferner ist auf den Lienener Flur- und Familiennamen Teckenbrock (1537 Teckenbrauck bzw. Teckenbroick, 1543 und 1545 Teckenbrock; zu mittelniederdeutsch teke „Zecke, Holzbock, Waldbock, Hundelaus“ und mittelniederdeutsch brôk „Bruch, Sumpf“) zu verweisen (Spannhoff, Quellen, S. 108f.).

Die Ameise in Ortsnamen

Eine namenkundliche Analyse hat nun noch abschließend die Frage nach semantischen Parallelen zu stellen. Gibt es noch weitere Toponyme, die auf die Ameise hinweisen? Für den niedersächsischen Landkreis Osterode ist eine Wüstung + Emethla in der Nähe von Badenhausen belegt (um 1241 [Abschrift des 18. Jahrhunderts] Emethla, 1438 lantwere to deme Emetla, 1527 Emptla, 1644 Entlah). Auch bei diesem Namen handelt es sich um eine Zusammensetzung. Das Grundwort ist -lo(h) "Busch, Niederwald, Wald", das im ostfälischen Sprachbereich häufig als -la(h) erscheint. Im Bestimmungswort ist mittelniederdeutsch âmete, êmete "Ameise" anzusetzen. Das deutsche Wort Ameise ist ein altes Wort, das in zahlreichen germanischen Sprachen belegt ist: althochdeutsch âmeiza, mittelhochdeutsch âmeize, mittelniederländisch âmete, niederländisch emt (dialektal auch mit eingeschobenem Labial: emte, empt, empe), altenglisch aemet(t)e, englisch ant, emmet. Als diesen zuvor liegende germanische Form kann *âmaitjon, *aimaiton erschlossen werden, das zu *maitan "schneiden" gehört. Somit ist die Ameise ursprünglich nach ihrer Tätigkeit des "Abschneidens" von Pflanzenteilen benannt worden.

Ein weiterer Flurname Emtlah ist auch für das Gebiet um Salzgitter festzustellen. Ferner finden sich im deutschen Sprachraum die Toponyme Anbeisbuhle, vor 1200 Ameizbuhil, um 1156 Amaizperge, ca. 1149 Ameizerberc, vor 1200 Ameizunbah und Aumeisserloch. Hinzu treten mehrere englische Ortsnamen: Ampthill (Bedfordshire, 1086 Ammetelle, 1227 Amethull[e], um 1230 Aunthille; ein Kompositum mit -hyll, englisch -hill "Hügel"), Amthill (Cambridgeshire), Amethulle (Flurname in Arlesey, Bedfordshire) und schließlich Antley (Lancashire; 1194 Amteleiasic, 1296 de Anteley, 1324 Antilay, ein Kompositum mit altenglisch -lêah "Wald", der englischen Entsprechung von -lo[h], ostfälisch -la[h]). Alle diese Namen enthalten ein Wort für „Ameise“ (Ohainski/Udolph, S. 50-52).

Damit ist es als erwiesen anzusehen, dass das Vorkommen von Ameisen durchaus zur Benennung von Flurorten dienen konnte. Dies dürfte auch bei der Flurbezeichnung Amkenheide der Fall gewesen sein.

Quellen und Literatur

  • KAST = Katasteramt Steinfurt
  • LA NRW AW, KSA = Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, Kartensammlung Allgemein
  • Derks, Essen = Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Essen. Sprachliche und geschichtliche Untersuchungen, Essen 1985.
  • Trier, Heide = Trier, Jost, Heide, in: Archiv für Literatur und Volksdichtung 1 (1949), S. 63-103.
  • Wilkens, Lienen = Wilkens, Wilhelm, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zur Gegenwart, Norderstedt 2004.
  • Casemir, Helmstedt = Casemir, Kirstin u.a., Die Ortsnamen des Landkreises Helmstedt und der Stadt Wolfsburg, Bielefeld 2011.
  • Spannhoff, Lienener Rezess = Spannhoff, Christof (Bearb.), Der Lienener Rezess von 1656. Faksimile und Edition des ältesten Dokumentes im Gemeindearchiv Lienen (Kreis Steinfurt), Norderstedt 2010.
  • Spannhoff, Namen = Spannhoff, Christof, Namen sind Nachrichten. Die Ortsbezeichnungen in Westerkappeln erzählen Geschichte(n), in: Unser Kreis 2011. Jahrbuch für den Kreis Steinfurt, S. 66-73.
  • Klöntrup, Wörterbuch = Kramer, Wolfgang u.a. (Bearb.), Niederdeutsch-westphälisches Wörterbuch von Johan Gilges Rosemann genannt Klöntrup, 2 Bde., Hildesheim 1982-84, Bd. 1: A-M, Hildesheim 1982.
  • Derks, Sprockhövel = Derks, Paul, Die Siedlungsnamen der Stadt Sprockhövel, Bochum 2010.
  • Spannhoff, Quellen = Quellen und Beiträge zur Orts-, Familien- und Hofesgeschichte Lienens, bearb. u. hrsg. v. Christof Spannhoff, Bd. 2: Streifzüge durch die Geschichte Lienens. Ein historisches Lesebuch, Norderstedt 2011.
  • Ohainski/Udolph = Ohainski, Uwe u. Udolph, Jürgen, Die Ortsnamen des Landkreises Osterode, Bielefeld 2000.

Christof Spannhoff - Spannhoff, Christof – Studium der Fächer Geschichte und Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität ...

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