
- Photograph - August Sander (1925)
Er ist wohl gemeinsam mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen einer der bekanntesten Westerwälder überhaupt: August Sander (1876 bis 1964), Ehrenbürger seiner Heimatstadt Herdorf an der Grenze von Westerwald und Siegerland, prägte die Geschichte der Fotografie, kaum eine wichtige Darstellung der Fotografie-Geschichte kommt ohne ihn aus.
Vorbild für Künstlergenerationen
Sein Porträtprojekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“, eine Leitidee des Fotografen, die er bis zu seinem Tod immer wieder überarbeitete, wurde zu einem facettenreichen Spiegel der Zeit in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Er gilt bis heute als Vorbild für nachfolgende Künstlergenerationen. Seine Motive sind Alltagssituationen, Bauern auf dem Feld oder unterwegs zum sonntäglichen Tanz, Straßenbauarbeiter, Familienfeste, das Kartenspiel in der Dorfwirtschaft. „Das Wesen des Menschen bei der Aufnahme sichtbar zu machen, ist die höchste Kunst der Photographie“, so eine Feststellung Friedrich Dürrenmatts. Genau diese Kunst finden wir bei Sander.
Klare Bildsprache
Genaueste Beobachtung von Gestik, Handhaltung und Umgebung prägen seine Arbeiten. Experten würdigen Sander besonders für seine direkte und klare Bildsprache. „Nichts schien mir geeigneter zu sein, als durch die Photographie in absoluter Naturtreue ein Zeitbild unserer Zeit zu geben“, so Sander 1927 über seine Darstellungen. Dabei setzte er geschickt und im Gegensatz zu vielen anderen Fotografen seiner Zeit überaus gekonnt das jeweilige Lebensumfeld als Schauplatz oder Hintergrund seiner Bilder ein. So strahlen die Menschen Glanz aus in einer Zeit, die alles andere als glänzend war.
Typen mit Ecken und Kanten
Sander sei ein Glücksfall für die Geschichte und die kulturellen Wurzeln seiner Heimat, des Landkreises Altenkirchen (Westerwald), meint dessen Landrat Michal Lieber. So stehen die Aufnahmen Sanders, die Menschen mit Ecken und Kanten, „Typen mit Profil und einer Haltung und die Schönheit der Landschaft“ zeigen, im Gegensatz zu den bunten und kurzlebigen Bildern der Moderne und ihren vergänglichen Modetrends. „Sein Ziel richtete sich bereits in der Frühzeit auf die Realisierung von möglichst lebenswahren Bildnissen, sprich darauf, die jeweilige Charakteristik eines Menschen mittels genauer Beobachtung von Gestik, Handhaltung und Umgebung treffsicher darzustellen“, sagt Gabriele Conrath-Scholl von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln. Die Stiftung hat 1992 den Nachlass von August Sander erworben und ist seitdem damit betraut, sein Werk weltweit durch Ausstellungen und Publikationen der interessierten Öffentlichkeit vorzustellen.
Werke wurden teilweise beschlagnahmt
Insgesamt sieben Bände sollte sein Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ umfassen. 1929 plante er eine Vorschau auf die Sammlung mit dem Titel „Antlitz der Zeit“, damals geschätzt „wegen der klaren, allein die photographische Reproduktion betonende Gestaltung.“ Sander hat laut Conrath-Scholl seinerzeit die verschiedenen Kräfte innerhalb der Weimarer Republik gekonnt ins Bild gesetzt. Aufgrund der wachsenden Macht der Nationalsozialisten kam es jedoch nicht zur Veröffentlichung. 1936 wurde das „Antlitz der Zeit“ sogar beschlagnahmt. Sander konnte jedoch noch während des Krieges wichtige Teile seines Werkes von Köln, wo er sich nach Lehr- und Wanderjahren 1910 niedergelassen und von dort aus viele Kurzreise zum Fotografieren in den Westerwald unternommen hatte, zu seinem späteren Wohnort Kuchhausen schaffen.
