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Der französische Roman "Zurückkehren" von Tahar Ben Jelloun

Au pays - französische Ausgabe - Folio
Au pays - französische Ausgabe - Folio
Ergreifender Monolog, zugleich Beichte und Klage des Marokkaners Mohamed, 40 Jahre Schichtarbeiter bei Renault in Paris, der an der Krankheit "Rente" leidet

Tahar Ben Jelloun ist der erfolgreichste und bekannteste französischsprachige Schriftsteller marokkanischer Herkunft, ja, unter den Maghrebs in Frankreich überhaupt. Dabei kam der 1944 in Fès geborene Autor erst 1971 nach Frankreich. Bereits 1987 erhielt er als erster Araber den begehrten und bedeutendsten französischen Literaturpreis Prix Goncourt für seinen Roman "La nuit sacrée" (Die Nacht der Unschuld), in den Folgejahren viele weitere Preise und Auszeichnungen. Allerdings war Jelloun in sprachlicher Hinsicht kein unbeschriebenes Blatt: In Fès hatte er eine bilinguale franco-marokkanische Grundschule besucht. Seine Jugendjahre verbrachte er in Tanger und studierte anschließend in Rabat Philosophie.

Tahar Ben Jelloun – der bedeutendste Maghreb-Schriftsteller in Frankreich

1965 wird Jelloun verdächtigt, die Studendemonstrationen in Marokko maßgeblich mitorganisiert zu haben und muss drei Jahre in einem militärischen Erziehungslager absolvieren. Danach arbeitet er als Philosophielehrer in einem Lycée, veröffentlicht erste Gedichte und beschließt, nach Frankreich zu gehen, nachdem seine Lehrerstelle zugunsten einer Arabisierung des Unterrichts gestrichen wurde. In Paris studiert er Psychologie, arbeitet als als freier Journalist für die Tageszeitung "Le Monde" und lebt fortan in Frankreich.

Die Einsamkeit der nordafrikanischen Arbeiter in Frankreich

Tahar Ben Jelloun war von Anfang an ein politischer Autor, schnell avancierte er zum literarischen Sprachrohr der Migranten aus den Maghreb-Staaten in Frankreich (Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Mauretanien) und zum bedeutenden Repräsentanten der frankophonen Weltliteratur. Seine Doktorarbeit im Fach Sozialpsychiatrie beschäftigte sich mit den "emotionalen und sexuellen Problemen der nordafrikanischen Arbeiter in Frankreich". Das daraus entstandene populäre Sachbuch "La plus haute des solitudes" über das Elend der von ihren Familien abgeschnittenen und vereinsamenden nordafrikanischen Immigranten war Mitte der Siebziger Jahre ein Bestseller in Frankreich. Literarischen Erfolg verbuchte der vielseitige Schreiber seitdem mit zahlreichen Romanen und anderen Erzählformen, die immer um das zentrale Thema der Migration und ihrer Folgen kreisen.

Arabischer Renault-Bandarbeiter kehrt in die Heimat zurück

Bei dem jüngst erschienenen Buch "Zurückkehren" von Tahar Ben Jelloun handelt es sich um einen inneren Monolog. Der alt gewordene Marokkaner Mohamed erkrankt an einem sozialen Leiden namens "Rente". Nach 40 Jahren einer für ihn sehr befriedigenden Schicht- und Bandarbeit bei dem Autohersteller Renault findet sich Mohamed von einem Tag auf den anderen unfreiwillig ins Privatleben katapultiert. Ein Problem, das nicht nur Migranten betrifft, sondern häufig erfolgsgewohnte Männer, vor allem führungsstarke Manager, wie ein Blitz aus heiterem Himmel in eine Sinn- und Lebenskrise stürzt.

Mohamed baut ein großes Haus in Marokko

Mohameds Lebensdrama ist allerdings wesentlich vielschichter, wie die Leser nach und nach erfahren, es handelt sich um eine Art umgekehrten Kulturschock Frankreich versus Marokko. Mohameds erwachsene Kinder haben sich von den religiösen und kulturellen Traditionen ihrer marokkanischen Ahnen weitgehend gelöst, bis hin zu Namensänderungen von Rachid zu Richard, zu Ehen mit Christen, zur vollständigen Ablösung von der dörflichen Herkunft, die nicht mal mehr als Urlaubsort für sie taugt. Mohamed seinerseits hat all sein Erspartes jahrzehntelang in die Errichtung eines repräsentativen und großen Hauses in der Heimat gesteckt. Dort hockt er nun allein und sinniert so verzweifelt wie verständnislos darüber, wie und warum er seine Lebensziele so eindeutig verfehlen konnte.

Das Altern arabischer und türkischer Migranten

Der stilistisch grandios und psychologisch einfühlsam geschriebene Roman könnte genauso gut einen älteren Türken in Deutschland zum Helden haben, die Problematik des Alterns und der lebenslangen Identitätskrise der Ausländer und der eingedeutschten Menschen mit Migrationshintergrund stellt sich nicht anders dar. Wer eine fundierte psychologische Studie zu diesen Fragen sucht, ist bei Tahar Ben Jelloun und seinen Beobachtungen mindestens genauso gut aufgehoben wie in einem objektivierten sozialpsychologischen Sachbuch.

Tahar Ben Jelloun: Papa, was ist der Islam?

Das ist der Kunst des hochbegabten Intellektuellen Tahar Ben Jelloun zu verdanken, der sich so perfekt in der französischen Kultur assimilierte, dass er im Jahr 2008 von Staatschef Nicolas Sarkozy mit dem "Croix de Grand Officier" der Ehrenlegion ausgezeichnet wurde, nachdem er zwanzig Jahre zuvor bereits den Ritterorden der Ehrenlegion erhalten hatte. Jelloun blieb sich selbst, seiner Herkunft und seinen Landsleuten treu, auch in seiner Religionszugehörigkeit: Die an Kinder gerichtete Bücher "Papa, was ist ein Fremder?" und "Papa, was ist der Islam?", auch sie Bestseller, bekräftigten die aufrechte, integre Haltung des bedeutendsten Maghreb-Intellektuellen in Frankreich.

Tahar Ben Jelloun: Zurückkehren. Roman. Übersetzt aus dem Französischen von Christiane Kayser. Bloomsbury Berlin 2010. Gebunden. 141 Seiten. 19,90 Euro. Französische Ausgabe: Tahar Ben Jelloun de l'Academie Goncourt: Au pays. Roman. Editions Gallimard 2009. 189 Seiten. 16,90 Euro (als Gallimard-Taschenbuch 7,50 Euro, als folio-Taschenbuch 5,10 Euro)

Weitere Bücher von Tahar Ben Jelloun in deutscher Übersetzung:

Die Nacht der Unschuld. Roman. Übersetzt von Eva Moldenhauer. Berliner Taschenbuch Verlag 2011. Kartoniert. 186 Seiten. 8,95 Euro

Sohn ihres Vaters. Roman/Märchen. Übersetzt von Christiane Kayser. Berliner Taschenbuch Verlag 2011. Kartoniert. 190 Seiten.

Yemma – meine Mutter, mein Kind.MP3-Hörbuch-Download. Audio Verlag Der 2008. Laufzeit 232 Minuten. 19,49 Euro. Buchausgabe im Berliner Taschenbuch Verlag 2009. Kartoniert. 205 Seiten. 8,90 Euro

Die Früchte der Wut. Roman. Übersetzt von Christiane Kayser. Berliner Taschenbuch Verlag 2007. Kartoniert. 119 Seiten. 8,95 Euro

Der letzte Freund. Roman. Übersetzt von Christiane Kayser. Berliner Taschenbuch Verlag 2006. Kartoniert. 156 Seiten. 8,90 Euro

Papa, was ist der Islam? Vorgelesen von Tahar Ben Jelloun. Audio-CD. edel records 2004. 13,99 Euro

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

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