"Der Fuhrmann des Todes" von Victor Sjöström

Der Höhepunkt des Goldenen Zeitalters des schwedischen Films

"Der Fuhrmann des Todes" von Victor Sjöström markiert den Höhepunkt des schwedischen Stummfilms. Der Film von 1924 ist die Verfilmung eines Werkes von Selma Lagerlöf.

Das sogenannte Goldene Zeitalter des schwedischen Films kann man zwischen 1917 und 1924 verorten. Drei Filme der beiden berühmtesten Regisseure dieser Zeit, Victor Sjöström und Mauritz Stiller, markieren den Anfang (Terje Vigen, Victor Sjöström, 1917), den Höhepunkt (Körkarlen, Victor Sjöström, 1921) und das Ende (Gösta Berlings Saga, Mauritz Stiller, 1924) diesser Epoche.

So unterschiedlich die Filmemacher auch waren, weisen sie in ihrem Lebenslauf doch Gemeinsamkeiten auf, beide arbeiteten für die gleiche Filmgesellschaft, Svenska Bio (Schwedisches Kino) und versuchten, nachdem sie sich in ihrer Heimat einen Namen gemacht haben, ihr Glück in Hollywood. Das Goldene Zeitalter war nicht nur eine sehr produktive Zeit, sondern auch künstlerisch wertvoll und umfasst ungefähr 115 Filme, die einen nationalen Stil, den schwedischen Filmstil aufzeigen.

Der schwedische Filmstil

Im Gegensatz zu den amerikanischen Filmen dieser Zeit, die auf heutige Betrachter wohl moderner wirken, war der schwedische Film von einer Tableau-Ästhetik geprägt. Meist wurde ein großer Raum in einer Einstellung gezeigt, in dem sich die Handlung auf verschiedenen Ebenen und unterschiedlichen Bereichen des Zimmers abspielte. Die Bewegung der Kamera ist nur kärglich ausgestaltet und es herrschte noch nicht das heutige Verständnis für Kontinuität. Viele Schnitte, die zur damaligen Zeit noch als logisch angesehen wurden, würden heute als Anschlussfehler gebrandmarkt werden.

Dynamik durch Bildkomposition

Die Dynamik in den Bildern fehlte jedoch nicht, was diese Beschreibung erstmal vermuten lassen würde. Sie entsteht vielmehr durch die Raumkomposition und die Handlungen in den unterschiedlichen Ecken der Räume, die aus verschiedenen Kamerapositionen aufgenommen wurden.

Victor Sjöströms Film “Der Fuhrmann des Todes” (Körkarlen) markiert nicht nur den Höhepunkt der Goldenen Ära, sondern zeigt auch die technischen Möglichkeiten, die die neuen Filmstudios nördlich von Stockholm hatten. Mit seinen wenigen Kamerabewegungen und der Dynamik der Raumkomposition ist er zudem ein typischer Vertreter des schwedischen Filmstils.

Der Film, der eine Parabel von Gut und Böse erzählt, beruht auf einer Erzählung von Selma Lagerlöf und verwendet in den Zwischentexten viele Originalzitate.

Die Geschichte eines geläuterten Alkoholikers

In Rückblicken wird die Geschichte von David Holm, erzählt, die stark verzahnt mit dem Schicksal der Heilsarmeeschwester Edit ist. Edit liegt zu Beginn des Films, am Silvesterabend, im Sterben. Ihr letzter Wunsch ist es, David Holm zu sehen. Dieser betrinkt sich mit seinen Freunden, landet in einem Streit und stirbt beim zwölften Glockenschlag. Ihm erscheint der Fuhrmann des Todes, den er nun für das kommende Jahr ablösen muss. Dieser gibt ihm, den unverbesserlichen Säufer, der Frau und Kinder tyrannisiert, und den Edit auf den Weg der Tugend zurückbringen wollte, noch eine Chance, sich zu bessern. In Rückblicken wird David Holm sein Leben vor Augen geführt.

Der Film, der sogar vom Schweizer Roten Kreuz dazu benutzt wurde, der Landbevölkerung die Folgen übermäßigen Alkoholkonsums vor Augen zu führen, wurde, wie es zu der Zeit üblich war, eingefärbt. Der schwarz-weiße Filmstreifen wurde hierzu durch ein Farbbad gezogen, das dazu führte, dass die schwarzen Bestandteile des Bildes die Farbe aufnahmen, die weißen jedoch weiß blieben. Je nach Szene (außen, innen, Tag, Nacht, etc.) erhielten die Sequenzen andere Farben.

Hierdurch wurde vor allem der Unterschied zwischen den guten und sehr hell gezeigten Frauen und den dunklen Männern, allen voran David Holm, der mit seinem dunklen Teint und den Bartstoppeln neben der weißgekleideten Heilsarmeeschwester Edit deutlichst als Vertreter des Bösen erkennbar ist.

Mehrfachbelichtungen des Kameramannes Julius Jaenzon

Bemerkenswert an dem Film sind jedoch die Mehrfachbelichtungen, die während der Geistererscheinungen benutzt werden und die Victor Sjöström seinem Kameramann Julius Jaenzon zu verdanken hatte. Der verstorbene David Holm steht als halbdurchsichtiger Geist aus seinem leblosen Körper auf und fährt mit der ebenso halbdurchsichtigen Kutsche des Todes durch die Straßen der Stadt und zu den Menschen, die er am Meisten verletzt hat.

Neben der Thematik des Films, der Abkehr vom Alkohol und Zuwendung zur Familie, wurde der Film gerade wegen seiner künstlerischen Bilder nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika ein Erfolg und verschaffte Sjöström seinen Durchbruch in Hollywood.

Berit Ganzow, Berit Ganzow

Berit Ganzow - Bücher, Reisen und Kochen gehören zu meinen großen Leidenschaften. Und so verwundert es nicht, dass ich hier bei ...

rss