Der Goldschatz der "Central America"

Central America  - National Maritime Museum, London (Greenwich)
Central America - National Maritime Museum, London (Greenwich)
Im Jahre 1857 sank das Postschiff „Central America" vor Kuba mit 500 Menschen - und den Laderäumen voller Gold aus Kalifornien.

September 1857 in Washington. Diverse Regierungsbehörden der USA warten sehnsüchtig auf eine Meldung aus New York, dass der Postdampfer „Central America“ aus Panama eingetroffen sei. Die USA stecken in ihrer ersten wirklich schlimmen Wirtschaftskrise. Diese soll mit frischem Geld kuriert werden, und die „Central America“ hat nach Schätzungen der Zollbehörden über 20 Tonnen Gold im Laderaum: Gold aus dem fernen Kalifornien. Die Ausbeute der Goldschürfer, die Gewinnauszahlungen in Barren und eine geheime Goldladung der Regierung – alles ist bereits fest verplant, um Banken, Unternehmen und der Staatskasse zu frischer Liquidität zu verhelfen und die Wirtschaft wieder auf Trab zu bringen.

Doch der sonst so pünktlich-zuverlässige Postdampfer, der seit drei Jahren zwischen New York und Panama pendelt, erscheint nicht in New York. Stattdessen kommt am 14. September eine Meldung aus Savannah, dass die Brigg „Marine“ mit 100 Überlebenden der „Central America“ eingelaufen sei. Beide Schiffe waren nördlich von Kuba in einen Hurrikan geraten. Das kleine Segelschiff hatte den Orkan überlebt, der moderne eiserne Postdampfer nicht. 470 Menschen waren umgekommen. 40.000 Brief- und Postsendungen und 21 Tonnen pures Gold waren verloren.

Goldrausch-Kurier auf der Panama-Route

Die „Central America“ war im Oktober 1853 fertiggestellt worden. Es handelte sich um einen zu jener Zeit hochmodernen eisernen Schaufelraddampfer mit einem Schornstein und drei Masten mit Vollschiff-Takelage. Ihr Job war die Bedienung des östlichen Zweiges der sog. Panama-Route, der kürzeren Seeverbindung zwischen der Ostküste und den kalifornischen Goldfeldern – die längere führte um Kap Hoorn herum und war die Domäne der Klipper: „Blow Boys Blow, to Californioh – there´s much plenty Gold, so I am told, in the Banks of Sacramento!“, dieses Lied der Goldsucher auf dem Weg rund um Südamerika ist heute noch weltweit populär.

Die Fahrten der „Central America“ waren bei weitem nicht so spektakulär. Sie pendelte zwischen New York und Aspinwall (heute Colon) hin und her, jeweils mit einem Zwischenstopp im Hafen von Havanna auf Kuba, und lieferte Goldsucher, Fracht und Post in Aspinwall ab. Diese reisten dann über die Landbrücke zum Pazifik, um dort auf ein anderes Postschiff verfrachtet zu werden, das sie ins gelobte Land mitnahm. Währenddessen fuhr die „Central America“ zurück, mit Heimkehrern, Gold und Post.

Da es in jenen Jahren weder eine Eisenbahnlinie noch einen Telegraphendraht von Küste zu Küste gab, lief der Geld- und Schriftverkehr zwischen den USA und Kalifornien ausschließlich über die Postschiffe der Panama-Route. Verlässlichkeit war das A und O. Und die „Central America“ war verlässlich: 43-mal fuhr sie ihre Strecke hin und her. Immer fuhr sie am 20. des Monats in New York ab und war nach 19, spätestens nach 24 Tagen wieder da. Und ausgerechnet jetzt, wo ihre Ladung so kostbar war wie nie zuvor und dringender gebraucht wurde denn je, war sie gesunken! Warum nur?

Central America: Der Hurrikan war stärker

Wie die Überlebenden berichteten, war das Schiff kurz nach dem Auslaufen aus Havanna von einem Sturm gepackt worden, der sich sehr bald als veritabler Hurrikan zu erkennen gab und die „Central America“ Stück für Stück auseinander zu nehmen drohte. Das eiserne Postschiff und seine Besatzung unter Captain William Lewis Herndon wehrten sich drei Tage lang verzweifelt gegen die Natur – doch dann blieb nichts anderes mehr übrig, als die Frauen und Kinder an Bord zusammen mit 44 weiteren Passagieren auf die Brigg "Marine“ zu evakuieren. Dann trennte der Sturm die beiden Schiffe, und die „Central America“ versank, kurz- und kleingeprügelt, in den Fluten. Dem Kapitän, William L. Herndon, wurde für seine Rettung der Überlebenden ein Denkmal in der Marine-Akademie Annapolis gewidmet. Es steht dort heute noch.

An der Ostküste war der Katzenjammer groß. Mit der Hoffnung auf den Gold- und Geldsegen starb in manchem Business auch der Mut zum Kampf gegen die Krise. Banken und Firmen machten nun reihenweise bankrott oder gaben von selbst auf. Wie so üblich in solchen Zeiten, wurde der Staat, in diesem Fall die US-Regierung, zu „Maßnahmen“ aufgefordert – doch welcher Art, darüber ging die Meinung zwischen Agrargesellschaft und Schwerindustrie sehr weit auseinander. So weit, dass die alten Gräben zwischen Nord und Süd wieder aufbrachen – tiefer als je zuvor. Es war der Vorabend des Bürgerkriegs.

Schatzbergung nach 130 Jahren

1985 gründeten Tiefseetaucher und Investoren ein Konsortium, um das Goldschiff zu bergen und den Schatz zu heben. Dies gelang auch, nach vier Jahren harter Anstrengungen. Die Bücher hierüber wurden Bestseller, und "Der größte Schatz, der je gefunden wurde", brachte es zu einer Titelgeschichte im Life- Magazin. Immerhin hat das Gold der "Central America" heute einen rein pekuniären Wert von (nur grob geschätzt!) fast 200 Millionen Dollar. Der Idealle Wert ist kaum fassbar – dieses Gold, das inzwischen auf internationalen Ausstellungen Zehntausende in seinen Bann zieht, ist immerhin ein Zeitzeuge des großen kalifornischen Goldrauschs von 1849. Und wer weiß, vielleicht hätte der Sezessionskrieg mit all seinen Toten und Zerstörungen nie stattgefunden, hätte diese Fracht den New Yorker Hafen 130 Jahre eher erreicht?

Literatur:

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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