
- Ameisenbär Schönbrunn - Norbert Potensky
In den tropischen Grasländern wimmelt es nur so von Ameisen. Kein Wunder, dass sich etliche Tiere ausschließlich von ihnen ernähren, eine Familie ist dabei der Ameisenbär. Die Familie der Ameisenbären gehört zur Überordnung der Nebengelenktiere und der Ordnung der Zahnarmen (Pilosa). In der Familie selbst gibt es vier Arten: den großen Ameisenbär, den Zwergameisenbär und zwei Arten Tamanduas, die auch manchmal "kleiner Ameisenbär" genannt werden.
Die Ameisenbären (Myrmecophagidae) urgeschichtlich gesehen
Sie leben im tropischen und subtropischen Mittel- und Südamerika. Der Lebensbereich erstreckt sich vom Grasland bis in den Urwald. Die Ameisenbären sind unter den Zahnarmen, die wirklich Zahnlosen. Sie entwickelten sich in Südamerika, man fand Spuren ihrer ältesten Vorfahren am Anfang des Tertiärs (vor rund 65 Millionen Jahren), wo sie aus Nordamerika kommend eingewandert waren. Die lange Isolierung Südamerikas während des Tertiärs ermöglichte ihre Spezialisierung als Ameisen- und Termitenfresser. Erst als Südamerika am Ende des Tertiärs (vor zwei bis drei Millionen Jahren) durch die Landbrücke von Panama wieder mit dem nördlichen Amerika verbunden wurde, drangen sie auch bis Mittelamerika vor. Heute sind sie von Südmexiko bis Paraguay verbreitet.
Der Ameisenbär heute
- Es gibt vier Arten: Großer Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla)
- Zwergameisenbär (Cyclopes didactylus)
- Tamanduas: Nördlicher Tamandua (Tamandua mexicana)
- und der Südliche Tamandua (Tamandua tetradactyla).
Alle Ameisenbären haben ein Röhrenmaul, der Schädel besteht vorwiegend aus dem langen zahnlosen Kiefer, die Mundöffnung ist kaum dicker als ein Bleistift. Die Schädelknochen sind hart und dick. Die lange und klebrige Zunge ist an Muskeln des Brustkorbs angesetzt und kann bis 58 cm aus dem Mund heraus schnellen. Die Zunge ist mit einem klebrigen Sekret befeuchtet, an der die Beute kleben bleibt. (siehe Ameisenigel). Ebenso haben alle Ameisenbären einen mit scharfen Krallen bewehrten Vorderfuß. Als Waffe um Ameisen und Termitenbauten auf zu reißen ist er wunderbar geeignet, zum Laufen eher hinderlich. Deshalb laufen auch die Ameisenbären mehr auf ihren Knöcheln. Die Tamanduas, die vierzehigen Ameisenbären, setzen beim Gehen dagegen die Außenseite ihrer Klauenhände auf.
Der große Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla)
Die schwarz-graue Fellzeichnung, sowie der lang gezogene Körper und besonders der Kopf mit Röhrenschnauze sind typisch für den Ameisenbären. Der Große Ameisenbär ist ein ausgesprochener Bodenbewohner, der hauptsächlich tagsüber als Einzelgänger auf Nahrungssuche geht. Er ernährt sich von Käferlarven, vorwiegend jedoch von Ameisen und Termiten, ohne aber deren Nester vollkommen zu zerstören. Er bricht immer nur einen kleinen Bereich auf. Sein Lebensraum sind Savannen, Sümpfe, Wälder und Dornbuschsteppen Süd-Amerikas. Der große Ameisenbär entwickelt eine Kopf-Rumpf Länge von 120 cm, der Schwanz kann bis 90 cm lang werden. Im Schlaf breitet er ihn wie einen Mantel über den Körper. Er besitzt 5 Zehen, von denen die dritte übermäßig stark entwickelt ist und eine 10 cm lange kräftige Sichelkralle trägt.
Er lebt in der Ebene und ist tagaktiv, läuft am Boden schnüffelnd umher. Der große Ameisenbär kann bis zu 30.000 Termiten täglich verspeisen. Beim Einziehen der Zunge kratzen nach hinten gerichtete Hornpapillen an Gaumen und Wangenfalten die Beute ab, so dass diese verschluckt werden kann. Die Magenwände zerreiben sie dann. Nach einer Tragezeit von 4 – 6 Monaten, kommt ein Junges, ganz selten Zwillinge auf die Welt. Es wiegt bei der Geburt 1-2 kg. Unmittelbar nach der Geburt klettert das Junge auf den Rücken der Mutter. Bis zu einem halben Jahr schleppt die Mutter ihr Junges beschützend auf dem Rücken mit. Nur zum Säugen klettert es seitlich herunter. Mit etwa einem Jahr ist das Junge ausgewachsen. Die Lebenserwartung reicht bis 26 Jahre. Feinde des Ameisenbären sind Jaguar und Puma, bedroht wird er aber vorwiegend durch die Zerstörung seines Lebensraumes.
Schönbrunn und seine Ameisenbären
Erst im vergangenen November hat sich der Tiergarten Schönbrunn über Nachwuchs bei den Großen Ameisenbären gefreut, nun sorgt erneut ein Jungtier für Entzücken bei den Besuchern. Das Ameisenbär-Weibchen Ilse hat am Sonntag, dem 22. April nach rund 190 Tagen Tragzeit ein weibliches Jungtier zur Welt gebracht, das von den Pflegern den Namen „Mocoa“ bekommen hat. „Ilse ist bereits 16 Jahre alt und eine routinierte Mutter. Im Jahr 2000 hat sie sogar Zwillinge erfolgreich aufgezogen. Dies war eine weltweite Premiere“, erklärt Tiergartendirektorin Dagmar Schratter.
Man muss schon genau schauen, um das Jungtier im Fell seiner Mutter zu erkennen. Schratter: „In typischer Ameisenbär-Manier reitet das Kleine huckepack. Den Großteil des Tages schlummert es aber unter ihrem buschigen Schwanz. In dieser Position wird es auch die ersten Monate gesäugt.“ Damit die Pfleger kontrollieren können, ob Mocoa an Gewicht zulegt, wird sie regelmäßig abgewogen. Derzeit bringt sie rund 1450 Gramm auf die Waage und ist etwa 35 Zentimeter groß.
Der Zwergameisenbär (Cyclopes didactylus)
Der Zwergameisenbär wird gesamt nur 38 cm lang, lebt im Urwald und ist nachtaktiv. Im Gegensatz zum Großen Ameisenbären bewegt er sich hauptsächlich auf den Bäumen. Der Zwergameisenbär, der kleinste der vier Arten, nur 38 cm lang, ist ein Einzelgänger und hängt ähnlich dem Faultier kopfüber an Bäumen. Sein Greifschwanz hilft ihm beim Klettern und dient quasi als fünftes Bein. An den Füßen hat er Sohlenschwielen, die gemeinsam mit den Krallen richtige Greifzangen bilden. Wird er bedroht hält er seine Krallen-bewehrte Vorhand schützend vor seinen Kopf.
Die Tamanduas
Tamanduas bewegen sich sowohl auf dem Boden als auch in den Bäumen geschickt. Die Tamanduas sind sowohl tag- als auch nachtaktiv und leben ebenfalls im Wald. Die Nahrung finden sie mit dem Geruchssinn. Ähnlich wie der große Ameisenbär brechen sie mit ihren Krallen die Ameisen- oder Termitenbauten auf.
Durch Bejagung und Landkultivierung ist der Ameisenbär stark gefährdet. Deshalb beteiligen sich viele Zoos und Tiergärten auch mit dieser Tierart beim Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP), so auch der Tiergarten Schönbrunn.
Näheres zu den Verwandten, die Familie der Gürteltiere und die Familie der Faultiere.
Quellen. Bertelsmann Tierlexikon; Säugetiere, International Knowledge, Contmedia Verlag
Fotonachweis: Tiergarten Schönbrunn, Norbert Potensky
