Der Handstreich auf Lüttich

Operation am seidenen Faden leitete den Ersten Weltkrieg ein

Mit dem Handstreich auf Lüttich begann der Erste Weltkrieg. Doch hatte er Auswirkungen nicht nur auf den deutschen Kriegsplan, sondern auf die Politik in der Julikrise.

Nach dem ab 1905 entworfenen Plan des deutschen Generalstabschefs Alfred von Schlieffen sollte das deutsche Heer im Falle eines Krieges mit größtmöglicher Stärke Frankreich angreifen. Dem mit diesem verbündete Rußland sollte dagegen eine geringe Zahl von Truppen entgegengestellt werden. Man ging davon aus, dass das Zarenreich mehrere Wochen für die Mobilisierung brauchen würde. Die nach dem erwarteten Sieg im Westen freigewordenen deutschen Armeen sollten dann rasch nach Osten befördert werden, wo sie der großen, aber für langsam gehaltenen russischen Streitmacht entgegentreten sollten. Es war ein riskanter Plan, der aber in den Jahren vor dem Ausbruch des Krieges noch einmal zugespitzt wurde.

Entwicklung des Handstreichs

Den Schlieffenplan entwickelten Helmuth von Moltke, der Nachfolger von Schlieffens, und dessen Untergebener Erich Ludendorff als Chef der Aufmarschabteilung im Großen Generalstab weiter. Sie beschlossen, den für einen schnellen Sieg gegen Frankreich für nötig gehaltenen Durchmarsch durch die Benelux-Staaten zu verändern. Die Niederlande sollten verschont bleiben, um im Falle eines lang andauernden Krieges und einer Blockade gegen Deutschland als „Luftröhre“ zu dienen. Der deutsche Angriff sollte sich auf Belgien und Luxemburg richten, um von dort aus in breiter Front gegen Frankreich zu marschieren. Dies bedeutete, dass der Engpass von Lüttich eine enorme Bedeutung gewann. Die Stadt war mit einer der stärksten Festungsanlagen Europas versehen, hinzu kam der Übergang über die durchfließende Maas. Darüber hinaus blieb zwischen den Ardennen und der niederländischen Grenze ein Raum von nur 20 Kilometern, durch den sich drei deutsche Armeen zwängen mußten. Für den Sieg gegen Frankreich war höchste Eile nötig, da die deutschen Militärs den schnellen Sieg gegen Frankreich benötigten und andernfalls auch die Überraschung des Angriffs aus dem Norden verlorenzugehen drohte. Jeder Tag, ja jede Stunde, die in Lüttich verlorenging, konnte entscheidend sein, zumal die Belgier ihre Verteidigung verstärken und die Franzosen in der gewonnenen Zeit die Entscheidung anderswo suchen konnten.

Politische Auswirkungen der Operation

Ein rascher Vormarsch durch Lüttich war entscheidend. Das Gelingen des ganzen Feldzugsplans hing davon ab, dass die deutsche Hauptmacht hier keine Zeit verlor. Der schnelle Sieg in Belgien erforderte es aus Sicht der Militärs, im Falle eines drohenden Krieges keine Zeit zu verlieren. In der Krise des Juli setzte dies die Politik schwer unter Druck, da die militärischen Erfolgsaussichten Deutschlands vom Gelingen des Schlieffenplans und damit des Handstreichs auf Lüttich abhängig gemacht wurden. Der Kanzler erfuhr von diesem entscheidenden Detail erst am 31. Juli 1914, als die Krise schon ihrem Höhepunkt zustrebte. Zuvor hatte der Generalstab diesen Teil des Kriegsplans vor der politischen Führung geheimgehalten. Der Handstreich auf Lüttich gelang, wenn auch unter beträchtlichen Opfern: innerhalb von drei Tagen, vom 4. bis zum 6. August verloren die 25000 deutschen Angreifer etwa 3500 Mann an Verwundeten, Vermissten und Toten. Politisch war die Operation äußerst schwerwiegend. Der von ihr beziehungsweise den Militärs ausgehende Zeitdruck machte den deutschen Angriff und damit die Kriegserklärung gegen Frankreich fast unvermeidlich.

Dieter Hoffmann, Dieter Hoffmann

Dieter Hoffmann - Vielfältige Erfahrungen kommen zusammen: ein wichtiges Buch über die Juden in Rheinhessen. Freier Mitarbeiter bei der ...

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