
- Die Römer instrumentalisierten den sakralen Krieg - Caesars Gallien-Feldzug, von Lionel-Noël Royer
Solange Völker zu den Waffen greifen, um ihre meist territorialen Ansprüche kriegerisch durchzusetzen, fand sich auch eine Gottheit – deutlich häufiger aber ihr priesterlicher Vertreter – um eine sakrale Legitimation der kriegerischen Kampfhandlungen bereitzustellen. Zum Verständnis der glaubensbezogenen Motivation von Kriegen eignet sich ein Vergleich unterschiedlicher Kulturen von der Antike bis heute, um die interessanten Mechanismen der Sakralisierung von kriegerischen Handlungen und ihrer praktischen Folgen für Feind und Beute zu verdeutlichen.
Heilige Kriege als Mittel zum Zweck, als Gottesbefehl – oder Paradoxon?
Verschiedene Kulturen gingen im Laufe der Menschheitsgeschichte unterschiedlich mit dem Sakralen in der Kriegsführung um und lassen damit Schlüsse auf ihre Strukturen und gesellschaftlichen Grundlagen zu. Die Kelten opferten ihre gefangenen Gegner auf dem Altar der zunächst parteilosen Gottheiten; die Römer instrumentalisierten das Sakrale ihrer Feldzüge recht flexibel zur Durchsetzung ihrer Expansionspolitik; und für die Anhänger des Islam gibt es überhaupt keine andere Rechtfertigung für Kriege als die religiöse. Doch warum kennen beispielsweise Buddhisten keine heiligen Kriege? Ist die Frage nach Krieg, mit all seinen praktischen Ausprägungen, im Namen der Religion nun eine nach dem Wesen der Götter selbst, die ihre mythologischen Kämpfe ja immer auch mit Bezug auf ihre gläubigen Anhänger führten? Interessant bei solchen Betrachtungen sind dabei immer auch die praktischen Fragen nach der Parteilichkeit der Götter, den Konsequenzen für den Umgang mit Gefangenen und Beute sowie die Entscheidungsgewalt für und wider kriegerischer Handlungen. Entscheidend ist letztlich aber, ob es sich um eine absolute Religion mit alleinigem Wahrheitsanspruch handelt, in deren Namen "Ungläubige" getötet werden.
Iulius Caesar über die Kelten und das Votum als Bestechung ihrer Götter, beim Teutates
Über die kriegerisch-sakralen Handlungen der keltischen Volksstämme berichten antike Autoren wie Diodor, Orosius und nicht zuletzt Iulius Caesar in seinem Werk de bello Gallico. Die Götter der Kelten vorchristlicher Zeit – es gab wie damals üblich mehrere, unter ihnen der wohlbekannte Stammesgott Teutates – waren eigentlich unbeteiligt und parteilos. Sie mussten also durch das sogenannte Votum als sakrale Handlung des Priester-Kollegiums für die kriegerischen Geschicke der Menschen interessiert und involviert werden. Das Votum, von den keltischen Stämmen vor dem Ausrücken zur entscheidenden Schlacht abgehalten, versprach der Gottheit die Opferung der Gegner am Altar. Weiterhin musste die gesamte Kriegsbeute im Falle eines Sieges gesammelt und vernichtet werden, meist durch Verbrennung. Gefangene und überlebende Gegner wurden am Altar getötet – wie übrigens auch Gesetzesbrecher aus den eigenen Reihen. Einerseits kamen also Bereicherung und Versklavung für die Kelten als Kriegsmotiv nicht in Frage, andererseits lag die Entscheidung über Krieg oder nicht allein bei den Menschen.
Die Germanen und ihre sakralen Kriege: Beginnende Instrumentalisierung, ohne Gnade
Wie auch die Kelten mussten die Germanen ihre Götter in Wallhalla zunächst durch Weihversprechen auf ihre Seite bringen, wie beispielsweise der römische Politiker und Historiker Tacitus aus dem Jahr 9 n. Chr. berichtet. Allerdings nahmen nicht Priester, sondern der weltliche Kriegsherr der Germanen das Votum vor und weihte damit die Gegner den Göttern namens Thor und Odin, und damit letztlich dem Tode. Je nach militärischem Rang wurden die Besiegten solch sakraler Kriege umgehend aufgehängt oder am Altar geopfert, die Kriegsbeute musste ebenfalls zerstört werden (Immolatio als Erfüllung des Weihversprechens an die Götter). Die Tatsache, dass das Votum rituell unmittelbar vor der Schlacht mitten auf dem Schlachtfeld stattfand, hatte einen nicht zu unterschätzenden psychologischen Effekt: Die Gegner der Germanen wussten, dass sie im Falle der Niederlage mit keinerlei Gnade rechnen konnten. Doch auch hier war es nicht der göttliche sondern der sehr menschliche Wille, der durch die sakralisierte Kampfhandlung Realität wurde.
Die römische Institutionalisierung des Krieges: organisierte Versklavung und Opferung
Die Römer führten bekanntermaßen häufig und oft erfolgreich Krieg, was nicht zuletzt an der Institutionalisierung und Organisation ihres Kriegsapparates lag. Sie etablierten aber auch Mechanismen zur flexiblen Anwendung des Sakralen in Kriegsfragen. So konnte eine Gottheit durchaus auch bei Bedarf spontan hinter der Schlachtreihe für die eigene Sache gewonnen werden, in dem ihr im Rahmen der ritualisierten Devotio die Kriegsgegner als Opfer versprochen wurden. Dazu bedurfte es gar keiner Priester mehr, denn römische Feldherren und Kaiser waren schließlich selbst göttlich legitimiert und beamtet. Da aber die konsequente Tötung der Gegner den politischen Zielen der Reichsausdehnung und der Gewinnung von neuen Ressourcen fürs Weltreich im Wege gestanden hätte, konnte die Consecratio als Vollzug des Weihversprechens mit tierischen Substitutionsopfern variablen Wertes beglichen werden. Die Gefangenen konnten so, wie auch zum Ende der Punischen Kriege, ihren Dienst als Sklaven oder Söldner antreten und den römischen Interessen so eher dienlich sein denn als Menschenopfer. Auch für die materielle Kriegsbeute gab es eine praktische Regelung: Der siegreiche Feldherr veranstaltete nach seiner Rückkehr in Rom begrenzte Dankopfer und konnte sich anschließend an die Investition der Beute in Truppen, Staatsschatz und Spiele machen. Übrigens praktizierten die Römer auch eine durchaus kreative Erfindung namens Evocatio, durch die die Götter besiegter Völker in den römischen Pantheon eingeladen wurden.
Der eine Gott der Israeliten und die Notwendigkeit der kriegerischen Landnahme
Die alttestamentlichen Nomadenstämme der Israeliten waren grundsätzlich auf die Landnahme bereits besiedelter Gebiete angewiesen, da sie selbst als ehemalige ägyptische Sklaven über kein eigenes Territorium verfügten. Schon im biblischen Buch Exodus erhielt Moses die siedlungspolitisch relevanten Befehle direkt vom alleinigen Gott Jahwe und führte seine Volksstämme nach Kanaan, wo allerdings schon die Kanaaniter lebten. Die notwendige Landnahme allerdings war heilig, da im direkten Auftrag Gottes zu vollziehen. Ebenso anschaulich wird das später beim Bann Jerichos (Josua 6,15 bis 7,1) überliefert, als die Befehle an den prophetischen König Josua zur Vernichtung aller Feinde direkt vom Gott Jahwe kamen: Alles Leben der Stadt sollte vernichtet werden und alle Geräte aus Metall in den Tempelschatz übergehen – sogar der Boden der Stadt sollte verflucht und nie wieder nutzbar sein. Griechen und Römer übrigens konnten auf den Tempelschatz ihrer Götter Anleihen machen oder ihn umweihen, was deutlich praktischer war.
Auch wenn die alttestamentarische Quellenlage historisch keineswegs so zuverlässig ist wie anderswo, wird doch deutlich, dass sich für den gläubigen Israeliten keine Alternative zu dem Gottesbefehl bot wie etwa bei den Kelten oder gar bei den Römern. Davon abgesehen, dass es sich um einen göttlich legitimierten Genozid mit ebenso göttlicher Feindbestimmung handelte, trat das Motiv von Land und Freiheit als höchstes religiöses Gut dahinter zurück. Gott war ein strafender, den es zu besänftigen galt – auch mit Gewalt gegen Nichtgläubige. Gerade aus dieser Glaubensweise entstehen Mechanismen, derer sich auch andere monotheistische Weltreligionen im Auftrag des jeweiligen Gottes bedient haben: Von den Kreuzrittern, die Papst Urban III. prämortal zu Märtyrern erklärte, bis zum islamischen Djihad in seiner heutigen Form.
Quelle: Studien am Institut für Altertumswissenschaften, Universität Greifswald.
