Editor's Choice

Der Held im Kinderbuch

Kinder brauchen Heldenfiguren, um sich mit ihnen zu identifizieren

Bücherwurm - www.pixelio.de
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Das Hineinversetzen in den Helden oder die Heldin beim Lesen einer Geschichte hilft Kindern, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln und selbstbewusster zu werden.

Ein zeitloses Kennzeichen von Kinderbuchklassikern ist, dass sie eine eindrückliche Heldenfigur anbieten. Entsprechend sind die meisten von uns mit Kinderbuchhelden aufgewachsen. Diese Figuren, die mal vorwitzig, mal mutig, mal einzelgängerisch sind, haben uns so geprägt, dass wir uns ihrer – selbst nach Jahrzehnten – noch erinnern und ihre Geschichte erzählen können. Ob Pinocchio, Pippi Langstrumpf, Jim Knopf, Ronja Räubertochter, Momo, oder Harry Potter: Sie alle erfüllen für die kindlichen Leser eine wichtige Funktion. Sie bieten ihnen Schablonen, um sich in variable, oftmals phantastische Personen und Situationen einfühlen zu können. Neben dem Unterhaltungswert fördert diese Identifikation einen Entwicklungs- und Lernprozess. Denn die jungen Leserinnen und Leser erproben sich während des Lesens zugleich selbst. Wie ist das erklärbar?

Das Heldenschema nach Joseph Campbell

In seinem berühmten Werk „Der Heros in tausend Gestalten“ hat der Mythenforscher Joseph Campbell den „Heldenmythos“ identifiziert, der offensichtlich – kulturübergreifend – allem narrativen Material zugrunde liegt. Als Grundschema zeigt sich die Abfolge „Trennung – Initiation – Rückkehr“, deren Durchlauf die Romanfigur zum Helden macht. Ein anfängliches zentrales Erlebnis bewirkt, dass der Held aufbricht, um (auf individuelle Weise) „die Welt zu retten“.

Genauer heißt das, dass er persönliche Konflikte heilt, wodurch er zugleich eine Verbesserung der äußeren Welt herbeiführt. Bedingung für sein Heldentum ist, dass der Held aktiv agiert, eigene (Wert-)Entscheidungen trifft, seine Mission trotz Gefahr und Rückschlägen erfolgreich erfüllt und zuletzt wieder (zumindest kurz) in seine Welt zurückkehrt. Dieses Schema scheint ein menschliches Entwicklungsbedürfnis widerzuspiegeln. Geschichten, die ihm sehr offensichtlich folgen (wie auch viele Hollywoodfilme), werden daher grundsätzlich als attraktiv empfunden. Durch ihre Vielfalt an Deutungsmöglichkeiten bieten sie großes Identifikationspotential: Wenn die Heldenfigur kämpft, durch Angst und Sorgen geht, Antworten sucht oder in ungewisser Zukunft Hoffnung schöpfen muss, dann sind all dies Situationen, die ebenso im Alltag auftauchen. Das lesende Kind kennt bereits die entsprechenden Ursachen, Gefühle und Wirkungen. Daher kann es mit dem Helden fiebern, dessen Probleme verstehen und sich über dessen Erfolge freuen, als wären es die eigenen.

Aufbruch für beide – Leser(in) und Heldenfigur

Ein klassisches Heldenschema findet sich etwa bei Bilbo Baggins in „Der kleine Hobbit“ von J. R. R. Tolkien oder bei Bastian in der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende. Beide Beispiele zeigen, dass ein Heldenabenteuer häufig mit einer Reise zusammenhängt. Dass die Reise auch „Sinnsuche“ ist, lässt sich etymologisch herleiten: Das Wort „Sinn“ geht auf das althochdeutsche „sinan“ zurück, was „reisen“, „auf dem Weg sein“ bedeutet.

Wenn Bilbo und Bastian ihr „Abenteuer“ beginnen, brechen die jungen Leser mit ihnen auf und fühlen ihr Zaudern, ihre Ängste, ihre Fragen. In dieser Empathie wird ein Kind auch mit sich selbst konfrontiert. Es fragt sich vielleicht: „Würde ich ebenso handeln wie Bilbo?“, „Wenn ja, warum?“, „Wenn nein, warum nicht?“, „Gefällt mir das Gelesene?“. Mögliche Spannungsfelder werden während des Lesens unterschwellig oder bewusst bearbeitet. So kann sich eine „Quasi-Kommunikation“ zwischen Leserin/Leser und Heldenfigur entwickeln, gerade so, wie Bastian und der Romanheld Atreju einander in der „Unendlichen Geschichte“ begegnen.

Das Kind geht gestärkt aus dem Leseerlebnis hervor

Wie der Held einer Geschichte sein Abenteuer durchlebt und, wie Campbell es ausdrückt, daraus „als ein anderer hervorgeht als er vorher war“, so erfährt ein Kind durch die lesende Begleitung des Helden ebenfalls Veränderung: Hat es mit Bastian die Reise durch Phantásien überstanden, mit Bilbo den Zwergenschatz gerettet oder mit Ronja Räubertochter Frieden in die Welt gebracht, so konnte es auch für sich selbst neue Einsichten und Bedeutungen finden und Zusammenhänge erkennen. Gerade wenn junge Leseratten sehr für eine Heldenfigur schwärmen, wird diese vieles repräsentieren, an dem das Kind gerade selbst bewusst oder unbewusst „arbeitet“. Daher kann jede im Lesen gefundene Antwort auf eigene Fragen das Selbstbewusstsein des Kindes stärken.

Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten. S. Fischer Verlag 1999 (Ersterscheinung des Originals 1949). Taschenbuch, 490 Seiten. Euro 13,90.

Dr. Claudia Duwe - Studium der Medienwissenschaften, Promotion zum Dr. phil. an der Universität Siegen. Hauptberuflich in der PR/Kommunikation für ...

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