Welcher ist der höchste Berg Europas? Eine klare Frage, ohne eindeutige Antwort. Während im englisch- und französischsprachigen Raum der Elbrus im Kaukasus als höchster Berg angesehen wird, gilt in den meisten anderen Ländern der Mont Blanc zwischen Frankreich und Italien als höchster Punkt des europäischen Kontinents. Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Auffassungen?

Europa und die Suche nach der östlichen Grenze

In japanischen und südamerikanischen Schulen wird Europa üblicherweise nicht als eigener Kontinent angesehen. Hier ist der Kontinent Eurasien der größte der fünf Erdteile. Der Grund liegt auf der Hand: Die Definition Europas als eigener Kontinent basiert nicht auf geografischen Standpunkten, sondern auf einer historisch-kulturellen Sichtweise. Europa und Asien sind geografisch nicht durch einen Ozean oder ein Meer getrennt. Die Grenzziehung zwischen den Erdteilen ist daher willkürlich.

Die geografischen Grenzen Europas scheinen eindeutig bestimmt: Im Süden das Mittelmeer, im Westen der Atlantische Ozean, im Norden das Nordpolarmeer und im Osten der Bosporus und der Ural, sowohl der Fluss als auch das Gebirge. Darin sind sich alle einig. Doch ist wirklich alles klar definiert? Nein. Der Grenzverlauf in der Kaukasus-Region ist seit der Antike mit großen Diskussionen verbunden. Während im antiken Griechenland, unter anderem bei Herodot, der Kaukasus selbst als Grenze zwischen den Kontinenten angesehen wurde, wechselte diese Sichtweise mit den Völkerwanderungen der Spätantike und des frühen Mittelalters. Ab diesem Zeitpunkt, bis über das Mittelalter hinaus, galt der Fluss Don (griechisch: Tanais) als östliche Grenze Europas.

Strahlenbergs neue Grenzziehung

Philip Johan von Strahlenberg wollte diesem Wirrwarr ein Ende setzen. Der schwedische Offizier und Kartograf, der in Stralsund geboren wurde, veröffentlichte 1730 sein Buch Russia, Sibiria and Great Tartary (Russia observed). Dieses Buch basierte auf anthropologische Forschungen, die Strahlenberg in russischer Kriegsgefangenschaft in Sibirien durchführte. Er untersuchte hier die Lebensweise und die Eigenheiten verschiedener Völker. Die bis heute erhaltene Brisanz des Buches ist jedoch in den Karten zu suchen, in denen die Grenze zwischen Europa und Asien neu gezogen wurde.

Strahlenberg wurde zuvor vom russischen Zarenhaus mit einer Neubestimmung des Grenzverlaufs zwischen Europa und Asien beauftragt. Zusammen mit Johan Anton von Matérn fertigte er neue Karten an, um den andauernden Streit um die Grenzfestlegung zwischen Kaukasus und Don ein Ende zu setzen. Strahlenberg und Matérn zogen die Grenze in der Manytschniederung, die sich nördlich des Kaukasus befindet. Wassili Tatischtschew, der Geograph Peters des Großen, sollte später behaupteten, dass Strahlenberg und Matérn mit dieser Grenzziehung einen Vorschlag seinerseits umgesetzt hätten. Die neue Grenze Europas wurde vom russischen Zarenhaus 1730 offiziell anerkannt und später von der Wissenschaft sowie der Internationalen Geografischen Union übernommen.

Kaukasus - asiatisch oder europäisch?

In englisch- und französischsprachigen Ländern wird die Grenze Europas hingegen, wie bereits in der Antike, im Kaukasus selbst gezogen. Die Flüsse Kura und Rioni, die sich in der Tiefebene zwischen dem Großen und dem Kleinen Kaukasus befinden, bilden nach dieser Definition die innereurasische Grenze. Ganz nebenbei würde die georgische Hauptstadt Tiflis, ähnlich wie Istanbul, nach dieser Sichtweise auf zwei Kontinenten liegen.

Höchster Berg Europas: Mehr als nur Prestige

Die Diskussion um die Grenzziehung zwischen Europa und Asien in dieser Region hätte sich wohl nicht so lange gehalten, wenn im Kaukasus nicht mehrere Berge den Mont Blanc deutlich übersteigen würden - allen voran der Mount Elbrus, der mit 5641 Metern höchster Berg Europas wäre. Hierbei geht es nicht nur um das Prestige bestimmter Regionen und Länder: Es geht auch um die Zugehörigkeit zu den Seven Summits, den jeweils höchsten Bergen der sieben Kontinente. Diese gelten bei Bergsteigern als besondere Herausforderung. Der amerikanische Bergsteiger Richard Bass, der als Erster auf die Idee kam, die Seven Summits zu besteigen, zählte - genau wie der Südtiroler Rheinhold Messner - den Elbrus als höchsten Berg Europas zu diesen sieben Gipfeln.