Der Horrorfilm am Ende?

Die Krise eines Genres: Rettung aus Süd/Ost

Während Hollywood mangelnde Einfälle mit Blut und Innereien zu überdecken versucht, geben andere Länder neue Impulse: frischer Wind aus Süd-Südost.

Die traditionellen Heimstätten gepflegten Grusels, die USA und Großbritannien, schwächeln seit Jahrzehnten vor sich hin. Anstatt mit Qualität bemüht man sich durch Quantität, die jugendlichen Völkerscharen ins Lichtspielhaus zu locken: Saw und Hostel sind vornehmliche Vertreter der neuen Mitleids-Taktik, die sich völlig ohne Übernatürliches auf Folter und Furcht vor der Bestie Mensch konzentriert. Erzählerisch ist hier nichts Neues zu erwarten, Innovation bleibt den Abteilungen für Kunstblut überlassen.

Asiaten gruseln besser

Klammheimlich strömen daher andere Kräfte auf den Markt, um die gespenstische Leere zu füllen: asiatische Horrorthriller, unter Experten schon seit Jahrzehnten ein Geheimtipp, reüssieren im Westen und zaubern ein Lächeln auf die angstverzerrten Gesichter der Fans. „Ring“, „Pulse“, „Dark Water“, „Grudge“... vor allem der japanische Horrorfilm ist eine sprudelnde Quelle unheimlicher Ideen. Dabei besinnen sich die Autoren auf die lange Tradition der Geistererzählungen, die in Japan, China oder Korea dank der Tradition der Ahnenverehrung immer schon sehr lebendig waren. Allen voran stürmt der Autor Koji Suzuki die Spitzen der Charts: seine vierteilige Romanreihe „Ring“, die geschickt Gespenster, Seuchen, Flüche und Technik miteinander verband, ist einer der größten globalen Schlager aller Zeiten.

Jenseits der Slasher-Formel

Was den japanischen Horrorfilm u.a. so erfolgreich macht, ist dass er außerhalb der traditionellen (westlichen) Erzählung arbeitet. Während angloamerikanische Werke häufig nach immer denselben Mustern operieren, die vom Zuschauer schnell intuitiv erwartet werden, wirken asiatische Filme häufig wie abstrakte Theaterstücke: man weiß, dass irgendwo ein System dahinter stecken muss, aber man begreift es nicht. Und da man es nicht begreift, kann man die Ereignisse kaum vorhersehen, was den Zuschauer viel stärker in die Situation der Protagonisten einbindet als ein Slasher-Film nach Muster X. Asia-Horror ist verstörend, paradox, psychologisch brutal. Vielfach zu paradox für westliche Augen. Connaisseurs genießen zwar die ultrabrutalen Werke Takashi Miikes („Audition", „Visitor Q"), doch wie beim abstrakten Theaterstück ist auch dieser Genuss mit Maß zu nehmen: von Zeit zu Zeit aufregende Abwechslung, doch kein Ersatz für die tägliche Soap.

Freud und Leid des US-Remakes

Wichtiger Faktor für die amerikanische Filmindustrie ist daher das Remake, in dem die originellen Ideen übernommen und in traditionellere Erzählmuster eingearbeitet werden, um ein Massenpublikum zu erreichen. Hier scheiden sich natürlich die Geister: Hardcore-Fans verdammen die Glattbügelung der ungenormten asiatischen Erzählkünste, andere loben die Frischzellenkur eines liebgewonnenen Genres. Die Ergebnisse sind unterschiedlich. Vielfach sind Adaptionen kaum mehr als Nacherzählungen mit amerikanischen Schauspielern („The Grudge“) oder uneffektive B-Pictures, gedreht in Billiglohnländern, die eine packende Story bis zur Unkenntlichkeit verwursten („The Pulse“). In seltenen Fällen aber ergibt sich aus der Verbindung westlichen Know-Hows mit japanischer Krassheit ein Meilenstein des Genres, der besser, klüger und nahhaltiger ist als das Original („The Ring“).

Die Reconquista des Horrorfilms

„The Ring“ belebte das gute alte Geistermärchen zu neuer Größe, und löste eine Welle böser Geistermädchen aus, die allerorts aus den Brunnen schossen. Diese alte europäische Erzähltradition hat nun auch im Süden Europas und Amerikas ein Echo gefunden: spanische und mexikanische Horrorfilmer besinnen sich der Schauerromantik und zaubern mit visueller Pracht Unheimliches auf die Leinwand. Heimlich, still und leise haben die Hispanos das Genre erobert, mit kleinen verstörenden Werken wie „The Nameless“, „The Baby’s Room“ oder „The Devil’s Backbone“.

Guillermo del Toro – Peter Jackson en espagnol

Und die Spanier streben nach mehr: wie Paul Verhoeven, Roland Emmerich oder John Woo gehört auch Guillermo del Toro zur internationalen Brigade des Planeten Hollywood, mit der die Traumfabrik ihre Reihen regelmäßig auffüllt. Auch wenn sein „Hell Boy“ wenig mehr als ein schlechter Scherz war, der weder der Comicvorlage noch dem Genre gerecht wurde, der mexikanische Stier hat Talent. Dies hat er bereits mit dem Oscarprämierten „Pan’s Labyrinth“ bewiesen, nun nimmt er sich eines der größten Meister der Horrorliteratur an: H.P. Lovecraft. „At the Mountains of Madness“ geht gerade in Produktion, und die Fans dürfen gespannt sein, ob dies die erste adäquate Verfilmung eines Lovecraft-Werkes wird. Als Produzent zeichnet del Toro währenddessen für „The Orphanage“ verantwortlich, das bald in die deutschen Kinos kommt und bereits begeisterte Kritiken ernten konnte.

Das Böse steht noch einmal auf

Wir Fans wissen es seit George Romeros Zombie-Filmen: Totgeglaubte leben länger. Der Horrorfilm mag im Westen (wieder mal) in der Krise stecken, doch in unserem globalen Dorf, wen juckt das? Nachbarschaftshilfe leisten gern die Kollegen aus fremder Herren Länder, die mit geringeren Budgets und weniger Marketing im Rücken sich auf den Kern ihrer Kunst konzentrieren müssen: gute Storys und packende Bilder. Hollywood wird immer das Mekka der erfolghungrigen Massen sein, und so wird auch der Horrorfilm sein Wiedergängerdasein niemals aufgeben, sondern wie in jeder guten Slasher-Reihe immer wieder auferstehen, um uns das Fürchten zu lehren.

Stephan Greitemeier, Stephan Greitemeier

Stephan Greitemeier - Geboren am 19.08. 1978 in Essen. Schulzeit in Gelsenkirchen, Wehrdienst beim Wachbatallion BMVg in Siegburg und Bonn. Praktikum bei den ...

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