Es könnte so schön sein. Die Menschen in den arabischen Ländern entledigen sich nach und nach den alten Regimen. Mehr oder weniger vehement kämpfen sie gegen Diktatoren und für ihre Menschenrechte. Doch anstatt innerhalb kürzester Zeit die jahrzehntelangen Machenschaften mit „echter“ Demokratie auszutauschen, erstarkt eine andere Ideologie, der Islam. So hatte man sich im Westen den arabischen Frühling nicht vorgestellt.

Der Aufbruch in den arabischen Ländern ist historisch. Schon zu Beginn der Bewegung wurden Ängste kommuniziert, die „Islamisten“ könnten die Macht ergreifen. Doch sind in einem Land, in dem 90% der Menschen bekennende Muslime sind, in den Augen des Westens nicht irgendwie alle „Islamisten“?

Viele Jahrzehnte Regime und noch lange kein Ende in Sicht

Die alten Regime haben eine andere Ideologie, die nichts mit dem Islam zu tun hat. Es handelt sich um Unterdrückungssysteme, die es Tyrannen und Mördern einfach machten und den Mächtigen noch mehr Macht und Geld bescherten. Nun erstarken Parteien und Gemeinschaften, die beispielsweise unter Mubarak verboten waren und die westliche Welt bekommt Angst.

Doch die islamischen Parteien sind in Ägypten nach wie vor das kleinere Problem. Das alte Regime ist viel mehr dabei, sich so zu positionieren, dass eine Militärdiktatur dauerhaft verteidigt werden kann. Davor fürchtet man sich im Westen aber offenbar nicht. Offensichtlich ist man aber allergisch gegen eine Religion und fürchtet sich mehr vor Muslimen in der Politik, als vor Generälen.

Es führt kein Weg vorbei am Islam

Auch im Westen wird man lernen müssen, dass Demokratie Volksherrschaft bedeutet. Das Volk hat zum ersten Mal frei gewählt und hat sich zu großen Teilen für einen politischen Islam entschieden. Man kann diese religiöse Weltanschauung nicht einfach unterdrücken. Wie das religionsfeindliche Regime mit Land und Menschen umging, hat dem Volk gelehrt, sich besser auf Kultur und Religion zu verlassen.

Gerne wird die iranische Geschichte herangezogen, um die vermeintliche Zukunft Ägyptens zu prophezeien. Doch Mursi, die Muslimbrüder und andere islamisch geprägte Parteien und Politiker haben aus der Vergangenheit gelernt und sich angepasst. Niemand möchte das Mullah-Regime als historisches und geistiges Vorbild heranziehen.

Zeit zu lernen

Der politische Islam sollte nun Zeit bekommen. Es wird Prozesse der Selbstkorrektur geben, auch unter Druck. Und der Druck wird aus den eigenen Ländern kommen. Das Volk hat das alte Regime verjagt und wird sich nun nicht sofort wieder bevormunden lassen. Sie wissen, dass alles veränderbar ist. Sie haben erfahren, dass sie nur zusammenhalten und geduldig sein müssen und dass sie weder vor dem Militär noch vor den Muslimbrüdern zurückschrecken sollten, wenn sie die Verhältnisse verändern wollen.

Der moderne politische Islam, der nun dank der Revolution erstarkt, sollte eine Chance bekommen. Es wird ein Lernprozess sein für Mursi und andere islamisch geprägte Politiker. Und auch der Westen wird sich an die neuen Machtverhältnisse gewöhnen müssen. Man sollte diese Politiker an der politischen Arbeit messen. Man darf sehr wohl darüber wachen, ob Vereinbarungen und Friedensverträge eingehalten werden. Jedoch sollte man aufhören, feindselig zu sein und ihnen die Chance geben, die ihnen das Volk bei demokratischen Wahlen eingeräumt hat. Ägypten, Libyen, Tunis - sie alle haben nun zum ersten Mal die Möglichkeit, den Weg zu einer eigenen Demokratie zu finden, ohne sich aber am Westen orientieren zu müssen.

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