Der Schriftsteller Antonio Tabucchi ist tot

Ein literarischer Grenzgänger zwischen Italien und Portugal

Italien erzählt - Fischer
Italien erzählt - Fischer
Der mehrfach preisgekrönte italienische Schriftsteller - ein kritischer Zeitzeuge - ist mit 68 Jahren in Portugal gestorben

Sich erinnern – und dann erzählen. Nach dieser Devise, die sein ganzes Werk durchzieht, hat der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi auch sein zuletzt in deutscher Übersetzung veröffentlichtes Buch konzipiert. Es ist die Erzählung „Tristano stirbt“, in der Tabucchi die Lebenserinnerungen eines Sterbenskranken beschreibt. Der beliebte Autor ist im März 2012 gestorben. Der 1943 in Vecchiano bei Pisa geborene Schriftsteller sprach, wenn er sein Werk reflektierte, „von der Unumkehrbarkeit der Zeit“. Dabei pendeln seine Texte meist zwischen Traum, Fantasie und Wirklichkeit.

Tabucchi leitete das Italienische Kulturinstitut in Lissabon

Antonio Tabucchi hatte eine Gabe, die nicht jedem Schriftsteller gegeben ist: Er schrieb – natürlich – in seiner italienischen Muttersprache, aber er ziselierte seine Texte genauso gut in einer Fremdsprache, in Portugiesisch nämlich. Dies hing stark mit seinem „ersten“ Beruf zusammen: Der Literaturwissenschaftler schloss sein Studium mit einer Dissertation über den Surrealismus in Portugal ab. Als Professor für portugiesische Sprache und Literatur lehrte er in Genua, dann in Siena. Und 1970 heiratete er die Portugiesin Maria José de Lancastre. Mit ihr betreute er die italienische Werkausgabe Fernando Pessoas (1888 bis 1935). Schließlich war er von 1987 bis 1989 Leiter des italienischen Kulturinstituts in Lissabon. Dies alles hat prägend gewirkt.

Mit Marcello Mastroianni meisterhaft verfilmt

Und so kommt es auch nicht von ungefähr, dass sein bisher erfolgreichster, in italienischer Sprache verfasster Roman „Sostiene Pereira“ – Erklärt Pereira – im Lissabon des Jahres 1938 spielt, im Portugal der faschistischen Herrschaft Salazars. Der Held dieses Romans – im gleichnamigen Film 1995 von Marcello Mastroianni meisterhaft gespielt – ist ein alter und bequem gewordenen Journalist, der eigentlich mit Politik nichts zu tun haben will, aber dann doch durch einen jungen Kollegen zu neuem Engagement herausgefordert wird.

Tabucchi warnte vor Silvio Berlusconi

Dass dieses Buch 1994 in Italien auf den Markt kam, als der konservative Populist Silvio Berlusconi erstmals Regierungschef in Rom wurde, ist von der Kritik seinerzeit als Mahnung verstanden worden. In der Tat ist Tabucchi stets auch ein politischer Schriftsteller gewesen – und er ist es noch immer. Dafür spricht beredt die 2006 erschienene Essaysammlung „L’Oca al passo“ mit politischen Betrachtungen zu (Anti-)Terrorismus, Neofaschismus, Rassismus, Revisionismus und den fortwährenden totalitären Tendenzen in Italien. Er ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer stärker zu einem kritischen Zeitzeugen geworden. Dabei zeigten sich auch starke investigative Aspekte, die er mit Elementen des Kriminalromans mischte. Bestes Beispiel dafür ist der Roman „La testa perduta di Damasceno Monteiro“ – Der verschwundene Kopf des Demasceno Monteiro. Auch dieser Roman spielt in Portugal, in Porto und handelt von Mord, Korruption und Erpressung.

Tabucchi, der wechselweise in der Toskana und in Lissabon lebte, ist für sein schriftstellerisches Werk mehrfach ausgezeichnet worden, so mit dem Premio Campiello (1994), dem österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur (1997) und dem Premio Salento (2003)

Antonio Tabucchi: Tristano stirbt. Hanser 2005. Gebunden, 240 Seiten. Euro 19,90.

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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