
- Die Totenmaske von Jan Palach - Wolfgang Weitzdörfer
Der 16. Januar 1969 sollte in die Prager Geschichte eingehen als ein Tag, an dem ein junger Mann seine Überzeugungen über sein Leben stellen sollte. Der 21-jährige Student Jan Palach überschüttete sich selbst auf dem Wenzelsplatz mit Benzin und zündete dieses daraufhin an. Drei Tage später verstarb er in einem Krankenhaus an seinen schweren Brandverletzungen.
Eine menschliche Fackel als Protestreaktion gegen die Eindämmung der Reformpolitik in der Tschechoslowakei
Jan Palach bezeichnete sich selbst als Fackel, die als Protest gegen die Eindämmung der Reformpolitik in der Tschechoslowakei brannte, die Folge der militärischen Interventionen der Truppen des Warschauer Pakts im Jahr 1968 war. Palach war Teil einer Gruppe, in der sich Freiwillige zusammengefunden hatten, die bereit waren, sich selbst anzuzünden, einer nach dem anderen, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt würden.
Diese Forderungen waren zum einen die sofortige und absolute Abschaffung der Zensur und zum anderen das Verbot der Zeitschrift "Zprávy", eine Publikation der Sowjetunion, in der aktive Propaganda gegen die Reformen betrieben wurde.
Die unmittelbaren Reaktionen in der tschechoslowakischen Bevölkerung
Der Selbstmord wirkte auf die tschechoslowakische Öffentlichkeit wie ein Schock. Die Trauerfeier wurde zu einem Ereignis auf nationaler Ebene, zahlreiche Redner versprachen dort, ihren Verantwortungen nachzukommen. Große Teile der Öffentlichkeit fühlten sich schuldig an Palachs Tod, da sie die Reformbewegungen nicht mit größerem Enthusiasmus mitgetragen hatten und anstelle dessen in einer gewissen Resignation versunken waren, so dass es zu dieser drastischen Tat hatte kommen müssen.
Die Art von Palachs Selbstmord war dabei klar inspiriert von den buddhistischen Mönchen, die sich in Vietnam als Protest gegen den Krieg auf den Straßen von Saigon selbst verbrannt hatten. Dabei kann das mahnende Symbol der "Fackel" als äußeres Charakteristikum, als internes das der "Reinigung" interpretiert werden.
Auch der Wenzelsplatz war von Palach nicht zufällig gewählt worden: Benannt nach dem im frühen 10. Jahrhundert ermordeten Herrscher Wenzel von Böhmen, der später zum tschechischen Nationalheiligen wurde, war er vor allem aufgrund seiner zentralen Lage der Ausgangspunkt nahezu aller tschechoslowakischen Revolutionen. Der Tod Palachs fügt sich gut in die Reihe der tschechischen Märtyrer ein, die für die Wahrheit zu sterben bereit waren, auch wenn Palach streng genommen kein Märtyrer war - er setzte seinem Leben schließlich selbst ein Ende, auch wenn er für eine Sache starb.
Die Reaktionen von Seiten der Staatsmacht
Was die tschechoslowakische Staatsführung natürlich am wenigsten gebrauchen konnte, war ein Mythos, ein "edler Held", der sich selbst für das Wohl seiner Mitmenschen opfert. In der Konsequenz wurde im Radio und Fernsehen kaum über den Fall Palach berichtet - und wenn doch, dann wurde der Selbstmord als Verzweiflungstat oder als spontane, irrationale Handlung eines Geisteskranken dargestellt. Dennoch verbreiteten sich die "echten" Neuigkeiten unter der Hand schnell, so dass sich 50.000 Menschen bei Palachs Begräbnis einfanden, darunter Künstler, Universitätsprofessoren, Freunde und Mitstudenten.
In der Folge wurden verschiedene Anläufe von der Regierung unternommen, um die Erinnerung an Palach auszulöschen - so wurde sein Grab 1973 von Prag in seine Heimatstadt Melník verlegt, um Pilgerreisen zu verhindern.
Was hat die Tat Jan Palachs für Nachwirkungen auf die Bevölkerung und die Reformbewegung gehabt?
Palachs Selbstverbrennung wurde zunächst als ein Symbol und Wendepunkt in der tschechoslowakischen Reformbewegung betrachtet, jedoch wurden die Mittel keineswegs von allen - am wenigsten übrigens von Palach selbst - für die Allgemeinheit befürwortet. So wurden bereits bei Palachs Trauerfeier Stimmen von Reformpolitikern und einflussreichen Schriftstellern laut, die die zentrale Botschaft aus Palachs Abschiedsbrief an die Menge weitergaben: Es sei wichtig lebendig für die Reformen zu kämpfen und dass weitere Todesfälle dieser Art kontraproduktive Auswirkungen haben würden. Jedoch konnten diese Worte nicht verhindern, dass in den folgenden Wochen und Monaten in Ungarn, Italien und der Tschechoslowakei noch weitere Selbstverbrennungen stattfanden. Von diesen sind jedoch nur noch zwei namentlich bekannt: der Student Jan Zajíc und der Kommunist Evzen Plocek.
Der Versuch eines Fazits: Hat sich Palachs Selbstverbrennung "gelohnt"?
Auch wenn diese Frage zynisch anmuten mag, muss man sie doch stellen. Jan Palach gab sein Leben für die Freiheit seiner Mitmenschen aber schaffte es trotz der Größe seiner Tat nicht, sein Ziel zu erreichen. Er vermochte es nicht, die tschechische Bevölkerung zu einer stärkeren Teilnahme an den Reformbewegungen zu animieren und auch die aufgestellten Forderungen an die Regierung wurden von dieser nicht erfüllt.
Dennoch wurde Palach nicht vergessen: zum 20. Todestag, im Jahr 1989, fanden Demonstrationen einiger Organisationen am Wenzelsplatz statt, dort sollten Blumen niedergelegt werden, doch zahlreiche Menschen wurden bei diesem Versuch verhaftet. In der Folge fanden noch weitere Demonstrationen in der später so benannten "Palach-Woche" vom 16. bis 20. Januar 1989 statt.
Nach dem Ende der sowjetischen Herrschaft in der Tschechoslowakei wurden Jan Palach schließlich auch offizielle Ehren zuteil. Der Platz vor der Karls-Universität in Prag wurde nach ihm benannt, 1990 wurde sein Sarg wieder nach Prag zurück überführt und im Jahr 2000 wurde ein Denkmal für Jan Palach und Jan Zajíc in Prag enthüllt.
