Der jüdische Friedhof in Borgholzhausen

Erinnerungsstätte an das jüdische Leben im Altkreis Halle

Von etwa 1750 bis heute reicht die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Borgholzhausen. Sie wird hier im Überblick vorgestellt.

Der jüdische Friedhof der Stadt Borgholzhausen ist heute der letzte und in der engeren Region einer der bedeutendsten Erinnerungsort an das jüdische Leben und den Antisemitismus des NS-Regimes gleichermaßen. Auf der Suche nach den Überresten jüdischen Lebens in Borgholzhausen führt der Weg ein gutes Stück aus dem engeren Kreis der Kernstadt hinaus. Etwas abseits vom Hauptverkehrsweg gelegen, etwa auf halbem Wege zum Bahnhof, findet sich der zentrale Ort des Erinnerns.[1] Hier auf der Nollheide liegt der jüdische Friedhof der Gemeinden Versmold und Borgholzhausen. Die Anlage ist um das Jahr 1750 angelegt worden und gilt damit nach Preußisch-Oldendorf als der zweitälteste jüdische Friedhof in ganz Minden-Ravensberg.

Eine schlichte Begräbnisstätte

Die Anlage, sie wird heute vom Ordnungsamt der Stadt Borgholzhausen betreut, ist von Buchen und Eichen licht bestanden und der Boden im Herbst weithin von Blättern bedeckt, so dass einzelne Grabstellen kaum noch erkennbar sind. So erscheint der jüdische Friedhof, anders als auf christlichen Begräbnisstätten üblich, außerordentlich schlicht. Es werden keine Familiengrabstätten abgeteilt, irgendwelcher Zierrat fehlt, und selbst auf Blumenschmuck wird verzichtet. Das Gedenken an die Verstorbenen wird nicht weiter materialisiert, es soll sich im Herzen der Trauernden vollziehen. „In dieses Bild des schlichten Totengedenkens fügt sich auch der jüdische Brauch, beim Besuch des Grabes ein kleines Steinchen zum Gedenken auf dem Grabstein niederzulegen“.[2]

Die Anlage im Überblick

127 Grabsteine sind auf dem 2069 qm großen Gelände zu finden, das in drei Gräberfeldern angeordnet ist. Rechter Hand des Eingangs stehen die ältesten Grabsteine, etwa 20 Stück, die teilweise schon tief im Boden versunken, quasi mit ihm verbunden sind. Ein zweites Gräberfeld erstreckt sich entlang der Ostseite, 21 teilweise stark verwitterte Steine, deren Inschriften kaum noch zu erkennen sind. Das jüngste Gräberfeld im westlichen Bereich der Anlage ist mit 86 Grabsteinen, die fünf Reihen tief in Nord-Süd-Richtung aufgereiht sind, am dichtesten besetzt. Auf den überwiegend aus Sandstein gefertigten Grabsteinen sind die hebräischen Inschriften auf der Ost- und die deutschen auf der Westseite angebracht. Eine deutsche Inschrift taucht erstmals 1858 auf dem Grabstein für Frau Billa Meierson auf. In späteren Jahren gab es nur noch deutsche Inschriften, so daß die Anpassung der jüdischen Sepulkralkultur an die christliche sehr gut erkennbar ist.

Letzter Grabstein datiert von 1937

Einige Grabsteine werfen drängende Fragen auf. Zunächst einmal bricht die Gräberreihe mit Regine Spiegel aus Versmold im Jahre 1937 ab. Sie war übrigens eine Tante von Paul Spiegel, dem späteren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Nach Regine Spiegels Tod gab es auf dem Friedhof an der Nollheide keine jüdischen Bestattungen mehr. Das „Haus des Lebens“, wie der Begräbnisplatz im Hebräischen auch bezeichnet wird, lag nunmehr verwaist und es begann das „Ende des Sterbens“, das für uns heute zugleich auch „das Ende des Lebens“ der jüdischen Bevölkerung markiert. Deutlich wird, „dass kein Leben mehr existiert, wenn der natürliche Tod ausbleibt“,[3] und hier auf dem jüdischen Friedhof in Borgholzhausen sollte der Tod seither ausgesperrt sein. Jüdisches Leben starb von nun an im organisierten Massenmord, der Tod vollendete sich in Konzentrations- und Vernichtungslagern, in Auschwitz etwa, in Treblinka, Bergen-Belsen, Dachau oder Neuengamme.

Der Friedhof seit 1945

Der Friedhof selbst ist im Dritten Reich offenbar einmal geschändet worden; einer Aktennotiz von 1947 folgend, musste er nach Kriegsende von ehemaligen SA-Mitglieder wieder instand gesetzt werden.[4] Nur noch ein einziges Mal, im Jahre 1948 nämlich, also nur drei Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches, wurden „die Grabsteine ... von unbekannten Tätern beschädigt und zum Teil umgeworfen“.[5] Die Täter konnten nicht ermittelt werden, das Amt übernahm die entstehenden Kosten. Von da an kümmerten sich regelmäßig ein Gärtner bzw. die Mitarbeiter des städtischen Bauhofes im Auftrag der Stadt um die Anlage. Seit 1986 ist der Friedhof in die Denkmalliste der Stadt eingetragen. Seitdem liegt er, Borgholzhausens letzte Erinnerung an die jüdische Gemeinde, die für mehr als 200 Jahre zur Stadt gehörte und ein gutes Stück ihrer Geschichte geprägt hat, weitgehend verlassen, nur selten in seiner Ruhe gestört.

[1] Dazu Käthe u. Horst Uthe, Um Deine Erziehung in den historischen Gebieten zu vergrößern. Ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Familien in Versmold, MS. Versmold 1988.

[2] Hermann Stratmann / Günter Birkmann, Jüdische Friedhöfe in Westfalen und Lippe, Düsseldorf 1987, S. 9.

[3] Rolf Westheider, „Juden waren etwas anderes“. Einleitende Anmerkungen zu dem Versuch, etwas Untergründiges darstellbar zu machen, in: Volker Beckmann, Jüdische Bürger im Amt Versmold. Deutsch-jüdische Geschichte im westlichen Ravensberger Land. Im Auftrag der Stadt Versmold herausgegeben und eingeleitet von Rolf Westheider, Bielefeld 1998, S. 16.

Siehe auch: Richard Sautmann, Blüte und Niedergang der jüdischen Gemeinde von Borgholzhausen, Borgholzhausen 2002

[4] Stadtarchiv Borgholzhausen, Best. B, 62/4/2, Amt an Kreisverwaltung, 5.3.1947.

[5] Ebenda, Notiz d. Amtsdirektors, 12.10.1948.

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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