Es wurde an anderer Stelle die Frage nach einer möglichen Renaissance des Schriftstellers Hans Fallada aufgeworfen. Der Name von Hans Fallada (1893-1947) wird in der Regel mit seinen Romanen über das Leben der Kleinbürger, Angestellten, Arbeiter, einfachen und kleinen Leute assoziiert. Die augenblickliche, schon einige Zeit anhaltende Präsenz Hans Falladas in den Buchhandlungen unserer Zeit ist vor allem dem Kriminalroman "Jeder stirbt für sich allein", der sich schon durch seinen geheimnisvollen, ja schweren und melancholischen Titel von den Schilderungen über den Kleinen Mann abhebt.
Der Kriminalroman "Jeder stirbt für sich allein"
Darüber hinaus unterscheidet sich der jüngst im Aufbau-Verlag neu aufgelegte Kriminalroman "Jeder stirbt für sich allein" auch in anderer Hinsicht vom gewohnten Ton der übrigen Romane Hans Falladas. Ein Grund mag die Hintergrundgeschichte seiner Genesis sein, die in die unmittelbare Nachkriegszeit, im Herbst 1946, und damit in die letzten Lebensmonate Falladas fällt, in denen er durch seine Alkohol-und Rauschmittelsucht körperlich geschwächt ist und dennoch in einer unglaublichen Energieleistung im Zeitraum von wenigen vier Wochen den Roman zusammenzimmert. Doch insbesondere dieser Roman weiß zu faszinieren. Das mag zum einen an der Odyssee des vollumfänglichen Skripts liegen, das erst über den Umweg von beachtlichen Verlegererfolgen in Frankreich, Großbritannien, USA und Israel wieder entdeckt wurde und dem nun die Neuauflage zu verdanken ist. Zum anderen ist die Wertschätzung, die "Jeder stirbt für sich allein" entgegen gebracht wird zu überragenden Anteilen dem Stoff zu verdanken.
Die "normalen" Leute im Nationalsozialismus
Dem Plot liegt das Schicksal des Ehepaars Elise und Otto Hampel, die in der Vorlage, der Prozessakte, Anna und Otto Quangel heißen, zugrunde. Obwohl das Ehepaar aus dem Berliner Arbeiterviertel Wedding, das Elises Bruder im Krieg in Frankreich verloren hat und aus diesem Schicksalsschlag heraus den Widerstand gegen Hitler und den Nationalsozialismus aufnimmt, im Mittelpunkt des Plots, an dessen Ende das Ehepaar vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wird. Doch die Spanne zwischen diesen Eckpunkten wird durch eine Handlung ausgefüllt, die viele unterschiedliche Gesichter, ein ganzes Spektrum von Charakteren in ihrer Disparatheit streift. Geschildert werden teilweise Vertreter des Nationalsozialismus wie der Gestapokommissar Escherisch, im überwiegenden Maße Menschen wie Kluge und Emmerich, die im Nationalsozialismus in den letzten Kriegsjahren leben und sich durchschlagen. Es sind überwiegend die kleinen Leute, denen Fallada sich mit sehr viel Liebe fürs Detail zuwendet, Sonderlinge, Freaks und Durchschnittsbürger gleichermaßen. Sie werden in ihrem alltäglichen Leben unter dem nationalsozialistischen Regime geschildert.
Illusionsloses Handeln: Jeder stirbt und handelt für sich allein
"Jeder stirbt für sich allein" erzählt nicht von Ideologie oder Politik. Der Titel des Romans weist den atmosphärischen Weg durch die Handlung. Im Endeffekt handelt jeder für sich, allein für sich. Der Widerstand ist motiviert aus einem persönlichen Schicksalsschlag, die Menschen in Berlin handeln zu ihrem eigenen, nächsten Vorteil, es geht um Eigentum, das eigene Wohl und ein einigermaßen erträgliches Leben. Das Ehepaar Hampel repräsentiert den ursprünglichen Widerstand, das Ende ist tragisch, aber nicht anders abzusehen, in ihrer Verzweiflung und Aussichtslosigkeit beschuldigen sich die Ehepartner noch gegenseitig, an ihrem persönlichen Ende, ihrem Tod durch das Urteil des Volksgerichtshof ändert es nichts mehr. Fallada schildert ohne Pathos, desillusionierend die Atmosphäre in der Bevölkerung Berlins. Mit unglaublichen Authentizität malt Fallada das gewöhnliche, alltägliche Leben der normalen Menschen unter dem Nationalsozialismus aus. Es ist das Treiben im Strom, in dem Einzelne sich zum Widerstand entschließen.
Was lehrt "Jeder stirbt für sich allein"?
Was bleibt von "Jeder stirbt für sich allein"? Es ist der kleine Mann, in dem was er tut, in seinem Handeln, in dem was sie oder er vielleicht tun soll oder muss. Hier setzt der Reflex des Lesers selbst ein: was hätte man selbst in dieser Situation getan? Die Auseinandersetzung mit dieser Frage wird vom Roman im Ergebnis ohne eine Ausweichmöglichkeit fokussiert. Wie hätte man sich in der Lage der Hampels verhalten? Die Offenheit ihrer Handlungen konfrontiert jeden mit sich selbst: hätte man diesen Mut der Verzweiflung selbst aufgebracht? Im Ergebnis wird jeder sich allein mit der Frage überlassen. Es gibt keine eigentliche Moral dieser Geschichte. Es bleibt nur diese Frage für jeden selbst.
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Weiterführende Literaturhinweise und -empfehlungen zu Hans Fallada (Auswahl):
- Hans Fallada: Kleiner Mann - was nun? 396 Seiten, Aufbau Verlag Taschenbuch (ISBN: 978-3-7466-2676-5 )
- Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein. 704 Seiten. Aufbau Verlag gebunden (ISBN: 978-3-351-03349-1 )
