
- Jerusalem erreichte keines der Kinder - johnnyb / pixelio.de
Das Kapitel der Kreuzzüge wird an sich nicht gern aufgeschlagen. Ungern erinnert sich die Christenheit an diese dunkle Zeit, als fanatische, bewaffnete Pilger mordend und plündernd durchs Heilige Land zogen und die „zivilisierten“ Muslime sich über die stinkenden Barbaren und deren rohen Sitten wunderten. Doch im Zusammenhang mit dem Kinderkreuzzug von 1212 scheint Leugnen die beste Devise.
Der Kinderkreuzzug und der Disput um das Wort Puer
Die Forschung spricht von Fehlübersetzungen, bedeutet doch das lateinische puer nicht nur Kind oder Knabe, sondern auch Knecht. Auch hätte im 13. Jahrhundert eine Bedeutungsverschiebung des Wortes puer stattgefunden, im Zusammenhang mit einer neu entstandenen, freiwilligen Armutsbewegung. Aus dem Kinderkreuzzug wird somit „nur“ ein Kreuzzug der Armen und Ausgestoßenen konstruiert. Wirklich haltbar ist diese künstliche Konstruktion jedoch nicht.
Der Kinderkreuzzug war gar kein Kreuzzug?
Auch wird gelegentlich auch angezweifelt, dass es sich um einen Kreuzzug im eigentlichen Sinne handelt. Die Quellen des Kinderkreuzzugs sprechen von peregrinato (Pilgerfahrt), iter (Weg) oder expeditio (Feldzug), was jedoch gängige zeitgenössische Begriffe für die Kreuzzüge waren, wenn das Ziel Jerusalem war. Hinweise auf das Tragen des Kreuzes (crucisignati) gibt es ebenso. Man könnte dagegen halten, dass die Teilnehmer des Kreuzzuges von 1212 unbewaffnet waren und es keinen Aufruf des Papstes gab, doch wird allgemein in der Forschung die Bezeichnung Kreuzzug als zutreffend betrachtet, da die Ansicht, es hätte in dieser Zeit nur groß angelegte Feldzüge mit dem Segen des Papstes gegeben, falsch ist. Vielmehr war der stetige Strom der buntesten Scharen von Kreuzritter, Wallfahrern, Abenteurern, Frauen, Kindern, Greisen und Versehrten kennzeichnend für diese Zeit. Des Weiteren würde auch niemand dem Zweiten Kreuzzug absprechen, einer gewesen zu sein. Der Aufruf zu diesem kam von keinem geringeren als Bernhard von Clairvaux - der vieles war, jedoch kein Papst.
Der Kinderkreuzzug und die schlechte Quellenlage
Die Ansichten über die Quellen gehen ebenfalls weit auseinander. Es gab keine Augenzeugenberichte oder Quellen aus ernster Hand. Sprechen einige von 50 Quellen, sagen andere, dass nur 20 Quellen aus der Zeit vor 1220 Relevanz besäßen. Der Religionshistoriker und Theologe Ulrich Gäbler spricht sogar von noch weniger verwertbaren Quellen.
Die geringe Anzahl an Quellen ist für die Erforschung des Mittelalters durchaus Normalität und hält Niemanden davon ab, in anderen Bereichen – auf Grundlage einer ähnlich dürftigen oder noch schlechteren Quellenlage – Aussagen zu treffen. Auch hier scheint also offensichtlich der Versuch durch, dieses schreckliche Ereignis der christlichen Geschichte zu verdrängen.
Der Kinderkreuzzug bestand den Quellen nach vornehmlich aus Kindern
Dass mit den Jungen und Mädchen auch Erwachsene zogen, sogar Geistliche, mag ja stimmen, doch waren es wohl größtenteils unbewaffnete Kinder aus dem Maasraum, dem Rheinland und auch Böhmen. Chroniken sprechen von zehn bis zwölfjährigen und auch Säuglingen - die jedoch eher auf dem Weg entstanden. Kein geringerer als Innozenz III. sah etwas Großes in diesem Kinderkreuzzug und meinte, dass die Erwachsenen sich schämen müssten, denn „diese Knaben gereichen uns zum Vorwurf.“
Der Kinderkreuzzug unter Stephan aus Cloyes
Der erste Zug wurde von einem Hirtenjungen namens Stephan aus Cloyes angeführt, der mit einem „Himmelsbrief“ ausgestattet vor den König von Frankreich trat. Dieser schickte die jugendliche Meute wieder nach Hause, doch andere Herrscher ließen die Kindergruppe passieren und jubelten ihnen sogar zu. In Marseille angekommen, gerieten sie in die Fänge von Sklavenhändlern und wurden nie wieder gesehen.
Der Kinderkreuzzug unter Nikolaus von Köln
Der deutsche Zug setzte sich unter der Führung des Kölner Jungen Nikolaus in Bewegung. Sie zogen den Rhein aufwärts, doch auf Grund der ungewöhnliche Hitze drehten die ersten schon bei Mainz ab. Viele starben an Hunger, Durst oder der Hitze, noch bevor sie die Alpen überqueren konnten. Der große Teil von ihnen kam in der Einöde ums leben. Diejenigen, die es bis Genua schafften, immerhin noch rund 7.000, wurden ebenfalls in die Sklaverei verkauft. Es gibt Berichte, dass einige in Rom aufgetaucht wären, doch wurden sie dort nicht von ihrem Eid entbunden. Ein trauriger Rest – so die Quellen – zog wieder zurück über die Alpen, vom Elend gezeichnet und geschändet.
Übereinstimmend sprechen die Quellen von Kindern und da niemand anzweifelt, dass dieser Kreuzzug stattgefunden hat, muss man wohl auch akzeptieren, dass die Chroniken und Quellen die Wahrheit sagen. Warum sonst sollte Papst Gregor IX., Zur Erinnerung an den Kinderkreuzzug, die „Kapelle der unschuldigen Kindlein“ errichten lassen?
Quellen:
- Deschner, Karlheinz: Kriminalgeschichte des Christentums. Das 13. und 14. Jahrhundert (Bd. 7), Hamburg 2003.
- Dickson, Gary: The Children's Crusade. Medieval history, modern mythistory, Basingstoke 2008.
- Gäbler, Ulrich: Der “Kinderkreuzzug” von 1212, in Schweizerische Zeitschrift für Geschichte (Bd. 28) 1978.
- Gray, George Zabriskie: The Children's Crusade. An episode of the thirteenth century, Ann Arbor 2005.
- Menzel, Michael: Die Kinderkreuzzüge in geistes- und sozialgeschichtlicher Sicht, in Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters (Bd. 55) 1999.
- Weber, Hartwig: Lexikon Religion, Hamburg 2001.
Suite101-Links:
- Austausch zwischen Orient und Okzident im 12. Jahrhundert
- Die Dynamik der Kreuzzüge
- Die Kreuzzüge als Grundlage für kulturellen Austausch
- Jerusalem und der Kreuzzug
- Der Weg zum ersten Kreuzzug
- Der Kreuzzug Barbarossas - Strapazen einer Reise im Mittelalter
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