
- Potentielle Musikinstrumente des Gemüseorchesters - Dieter Schütz/pixelio.de
In der Gemüseabteilung eines Supermarkts spielen sich bizarre Szenen ab: Ein Mann klopft Kürbisse mit Karotten ab, eine Frau reibt prüfend Salatblätter aneinander, während ihre Kollegin Lauchstangen nach Länge sortiert. Nahrungsmitteltester? Chefköche? Nein, hier forschen die Musiker des Gemüseorchesters nach neuen Instrumenten für das abendliche Konzert.
Abstrakte Tonwelten durch Gemüse-Instrumente
1998 wurde das wohl ungewöhnlichste Orchester der Welt in Wien gegründet. Das Interesse an experimenteller Musik hatte die damaligen Studenten zusammengeführt und aus der geplanten „Spaßaktion“ entstand eine 12jährige Arbeit. Die Gruppe ist interdisziplinär – Musiker, Maler, Designer, Installationskünstler – und profitiert von den verschiedenen Ansätzen seiner dreizehn Mitglieder. Das Erfinden immer neuer Instrumente und Klänge steht dabei im Mittelpunkt: Das Orchester bläst auf geschnitzten Möhren, trommelt Kürbisse, klatscht mit Auberginen, lässt Sellerie durch die Luft schwirren, raschelt mit Petersilie und Salat. „Wir zeigen den Menschen, dass es möglich ist, Musik mit ungewöhnlichen Dingen zu produzieren. Alles, was uns täglich umgibt, hat seine eigene Melodie und diese Melodie wollen wir finden“, erklärt Jürgen Berlakovich vom Gemüseorchester in einem Interview mit dem US-Sender CBS.
Instrumente müssen für jedes Konzert neu hergestellt werden
Der Einkauf ist erledigt, die Gemüsefans schreiten zur Tat. Mit Bohrer, Küchenmesser und Gurkenschaber ausgestattet entstehen solche genialen Instrumente wie das Gurkophone oder die Paprikatröte. Das bislang aufwändigste Instrument des Orchesters, die Karottenflöte, entsteht in knappen dreißig Minuten, wohingegen die Lauchgeige keine weitere Arbeit benötigt. Die ausgehöhlten oder abgeschnittenen Gemüsereste, die bei der Produktion anfallen, werden zu einer Suppe für das Publikum verarbeitet. 70 Kilogramm Gemüse verbraucht das Orchester an einem Abend. Sehr wasserhaltige Instrumente wie Gurken, verlieren, natürlich, durch die Hitze der Scheinwerfer ihre Tonqualität schneller als, ganz klar, die eher tonstabilen Karotten und müssen während des Konzerts ausgetauscht werden.
Die neue Musikrichtung „Vegetable Style“
Das Orchester beschreibt seinen Musikstil als „vegetable style“, der von experimenteller zeitgenössischer Musik beeinflusst ist. Ihr Ziel ist es, die Geräusche und Klänge der uns umgebenden Welt zu erforschen. Die Kompositionen werden teilweise in klassischer Weise notiert, sind aber immer offen für Improvisation und in ihrem Klang abhängig von der Qualität der Gemüseprodukte. „Man kann nicht auf einer verdorbenen Gurke oder einem zu kleinen Kürbis spielen“, erklärt das Orchester. Auch plastikverpackte Gemüse aus dem Supermarkt sind verpönt.
Kritik am Gemüseorchester
Bei aller gemüsigen Herrlichkeit wird aber auch Kritik laut am verschwenderischen Umgang mit Nahrungsmitteln in einer Zeit, wo in manchen Ländern der Erde Hungersnöte herrschen. Dazu meint das Gemüseorchester auf seiner Internetseite: „Wenn Ihr wirklich besorgt seid über die Verteilung von Reichtum auf dieser Welt, dann ändert euer Leben und versucht die Politik zu ändern. (…) Unsere Instrumente verursachen weniger Probleme als herkömmliche Instrumente…ihre Produktion verbraucht weniger Energie und Rohstoffe und sie sind biologisch abbaubar.“
Das Wiener Gemüseorchester veröffentlichte bisher drei CDs: „Gemise“ in 1999, „Automate“, die sich speziell elektronischer Musik widmete, in 2003 und „Onionoise“ in 2010.
Quelle: Internetseite des Vegetable Orchestras
Bildnachweis: Dieter Schütz/pixelio.de
