
- Kleinsasserhof: Im Reich der Sinne - Kleinsasserhof
Manch einem stockt der Atem, wenn er diesen Raum betritt. Denn hier ist kein Fleckchen ohne Bedeutung, keine Lücke, wo das Auge sich ins Leere flüchten kann. Kunst und viel Kitsch, Ikonen und Skulpturen, Poster, Gemälde, Köpfe, Porträts von Kampfhund und Kälbchen, Pop Art, Land Art, Leonardo. Es ist, als ob ein Weltreisender auf der Suche nach Erlösung die vielen Stadien seiner Odyssee dokumentiert hätte. Eine Auswahl von Jesusabbildungen, mal mit offenem Herzen, mal mit Dornenkrone, Buddha, Che Guevara, Engel, ein Abendmahl schwuler Jünger, ein blinkendes leuchtendrotes Kunststoffherz, Hirschgeweih und Elchkopf, weibliche Torsi und eine Lilienlampe mit Vulva und Penis zugleich.
Ein Gesamtkunstwerk für Augen und Gaumen
Versprochen wird ein skurriles Restaurant, doch der Gast findet sich in einem Gesamtkunstwerk. Im Kleinsasserhof werden die Sinne zuerst zerrüttet, verwirrt, gereizt, herausgefordert. Dann beginnen die Augen sich ein System zuzulegen, Stück für Stück, Bild für Bild, Figur für Figur Fingerzeige auf Frömmigkeit, Sinnlichkeit, Sinnsuche und Nostalgie. Mal bunt, mal schrill, mal symbolisch, mal konkret, verschlüsselt oder verkappt. Lampen und Leuchter aus verschiedenen Epochen.
Es war bei einem Ziehharmonika-Kongress, sagt die Wirtin Walli, es wimmerte und piepte in jedem Winkel des Kärntner Gehöfts, als ihr und ihrem Mann wieder einmal klar wurde: „Das war‘s nicht“. Zuvor hatten sie es schon mit einer Hundepension versucht, immer nebenbei die ererbte Landwirtschaft betrieben mit den 15 Hektar Wald und 13 Hektar Wiesen, meist Steilflächen hoch über dem Drautal. Damals kamen sie auf den Restaurant- und Hotelbetrieb mit 30 Betten.
Sie wolle ein Paradies gestalten, sagt die Wirtin nicht ganz unbescheiden. Dazu müsse man „Dinge zulassen“. Ebenso bestimmt wie hintersinnig klingt das, eine Mischung aus Schalk und Sturheit nistet in ihren Augenwinkeln. Jetzt kommen viele Künstler, viele wollen etwas beisteuern, es reisen aber auch Geschäftsleute aus München, Salzburg oder Wien an.
Überraschung beim Aperitif
Aber halt, war man nicht zum Essen gekommen? Zuerst beschleicht einen ja das Gefühl, dass, wer solcherart künstliches Kraut und Rüben zusammenträgt wohl auch beim Kochen wahllos in die Gewürzgläser langt. Doch nein, schon der Aperitif flößt neue Offenbarung ein, Prosecco mit Holundersaft. Dann ein wunderbar zarter Mozarella mit dezentem Balsamico. Der Käse aus heimischer Produktion schmilzt auf der Zunge und erfüllt all die Sehnsucht, die einen schon beim Zerkauen herber Mozarella-Tomaten-Platten überkommen haben mag. Da verwirklicht sich heimische Küche, verfeinert durch ausgesuchte internationale Beigaben. Bei der Auswahl vom Lamm schließlich kippt die Überzeugung in Begeisterung. Und erst das Bauernbrot – da kaut man keine Beilage, sondern eine Kategorie für sich.
Und ab ins Gästebett
Alles in allem: Ein Sturm für und auf die Sinne, den man so leicht nicht vergisst. Sicher, man sollte als Journalist nicht so hingerissen sein. Aber wer an der Drau entlangfährt, sich Spittal nähert und mindestens einen Abend Zeit hat, kann es selbst nachprüfen. Und wer nach Menü und Wein den gewundenen Weg ins Tal scheut, kann sich in einem der rustikal-hölzernen Gästezimmer einmieten oder noch ein paar Tage länger bleiben, um zu wandern oder einfach nur die Seele baumeln zu lassen.
