
- Martin Suter: Der Koch - Diogenes Verlag
Die Möglichkeiten von außergewöhnlichen Sinneserfahrungen und die grundsätzlichen Fragen des Lebens – von Alzheimer, Alter und Business über Farbspiele, Kochen und Kunst, Liebe und Sex bis Verrat, Verlust und Zeitlöcher der Erinnerung – reicht das Interesse des Schweizer Bestseller-Vielschreibers Martin Suter. Fast gleichzeitig erschienen sein Roman „Der Koch“ und der Kinofilm „Giulias Verschwinden“, für den er das Drehbuch verfasst hatte.
Ayurvedische Rezepte mit molekularer Kochkunst
In dem Buch „Der Koch“ geht es erwartungsgemäß ums Essen, um gastronomische Events und speziell um molekulare Küchenexperimente am Beispiel alter ayurvedischer Rezepte. Man erhält eine Menge Informationen über Kochkunst, über die Möglichkeiten der erotischen Sinnesanregung allein durch die Auswahl von Zutaten und deren Verwandlung in andere wohlschmeckende Konsistenzen.
Martin Suter "kocht" Unterhaltsames
Martin Suter, der sich in jedem Roman intensiv in ein Thema hineingräbt und es gut schafft, nebenbei für die Leser anstrengungsfrei eine Menge Sachwissen zu bieten, hat sich diesmal ziemlich viel vorgenommen. Denn das Buch handelt außerdem von Mechanismen, die zu Finanzkrisen führen können, weiterhin von den internationalen Korruptionskreisläufen und politischen Absurditäten der globalen modernen Welt. Außerdem schafft er es noch, recht schonungslos die Doppelmoral des Schweizer Staates zu entblößen, der einerseits tamilischen Flüchtlingen aus Sri Lanka Asyl, Arbeit und Arbeitslosengeld gewährt, aber andererseits nicht verhindert, dass geschäftstüchtige Bürger ganz legal Waffengeschäfte rund um den Globus tätigen, die Bürgerkriege und Unterdrückung durch totalitäre Regimes bevorteilen.
Sex-Koch für "Love Food"
Die Story: Der 33jährige tamilische Asylbewerber Maravan, ein leidenschaftlicher und begnadeter Koch, wird fristlos aus seinem Tellerwäscher-Job in einem Züricher Sternelokal entlassen. Weil er seine Familie in Sri Lanka unterstützen muss und von den Milizen der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), die von den Diaspora-Tamilen Gelder eintreiben, erpresst wird, braucht er dringend Geld. Deshalb lässt er sich von der ebenfalls gekündigten Kellnerin Andrea überreden, einen illegalen Catering-Service unter dem Label „Love Food“ zu betreiben. Fortan bezeichnet der gläubige Hindu sich selbst sarkastisch als „Sex-Koch“. In der Tat entwickelt sich das Geschäft in eine zweifelhafte Richtung, vor allem wegen der finanzmoralisch skrupellosen gut betuchten Klientel aus Wirtschaft und Politik. Maravan, Andrea und deren äthiopische Freundin Makeda, die als Edel-Prostituierte eine große Familie in ihrer Heimat finanziert, nehmen schließlich die Wiederherstellung der moralischen Gerechtigkeit selbst in die Hand…
"Giulias Verschwinden" mit Bruno Ganz und Corinna Harfouch
Man merkt dem Buch „Der Koch“ an, dass Martin Suter etwa zur gleichen Zeit an dem Drehbuch für den Schweizer Kinohit „Giulias Verschwinden“ von Christoph Schaub mit Bruno Ganz und Corinna Harfouch gearbeitet hat. Suter ist ein Meister der Dialoge, sein Roman spannend aufgebaut, professionell geschrieben – aber geht nicht genügend in die Tiefe, sondern hat einen Touch von Agitprop. Natürlich verdient das ernste Thema der Tamilenproblematik Aufmerksamkeit, aber ein Roman ist zunächst ein Roman, in dem die fiktionale Ebene nicht von den "Bildungs"-Elementen überdeckt sein sollte.
Ayurveda und Molekularküche zusammenführen
Sicher, Suters Eingebung, über Gourmetfragen und ayurvedische Kochkünste, Love-Menus und andere Rezepte der modischen Molekularküche Leser einzufangen und zur Betroffenheit zu nötigen, ist originell und trägt auch durch den Roman. Bedauerlicherweise meinte er es aber zu gut, packte zuviel Information in die ansonsten locker-flockige Story und seine normalerweise überschäumende Kreativität (darin vergleichbar mit dem Engländer Alan Bennett oder dem Neuseeländer Anthony McCarten) ließ ihn gegen Romanende offenbar im Stich, denn das halbe Happy-End ist enttäuschend.
Ein Love-Menu in zehn Gängen
Diesen schalen Geschmack kann auch nicht das angehängte Kapitel mit „Maravans Rezepten“ ausgleichen, darunter eine Anleitung für das zehngänge „Love Menu“ für zwei Personen, das in einem Dessert aus phallusförmigem „Gelierten Spargel-Ghee“ und „Glasierten Kichererbsen-Ingwer-Pfeffermüschelchen“ gipfelt. Nette, zeitgemäße Idee, denn molekulares Kochen ist in der Gourmetwelt der letzte Schrei, damit kann selbst die beliebte französische Küche in sieben Gängen nicht mehr konkurrieren.
"Giulias Verschwinden" - Weltpremiere beim Festival du Film Locarno
Vielleicht hat Suter einfach die Genres vertauscht – denn viele Dialoge, die er für den beim Festival du Film Locarno mit dem Publikumspreis ausgezeichneten Film „Giulias Verschwinden“ schrieb, haben philosophischen Tiefgang. Die gemächliche Kameraführung bei trotzdem schnellen Schnitten, die lange Introduktionsphase mit vorbereitenden Szenen für eine Geburtstagsparty, eine ermüdende Busfahrt und ein in diesem Fall unzeitgemäßes bewusstes In-die-Länge-Ziehen unterstreicht und betont noch die Bedeutungsschwere der gesprochenen Sätze.
Kann man das Altern überlisten?
Was ist Alter? Wie erlebt man es mit 50, mit 60, mit 80 Jahren? Wie verändert sich das Leben, das Empfinden für die verbleibende Lebenszeit, die zuvor unverrückbaren Werte sowie die gewohnte Mentalität? Was bleibt? Welche Normen ließen sich über Bord werfen, welche nicht? Lässt der Alterungsprozess sich durch taktische Schachzüge – Fotoalben wegwerfen, Geburtstage nicht feiern, Begegnungen nicht wiederholen – aufhalten?
Lieber "Giulias Verschwinden" gucken als "Der Koch" lesen
„Giulias Verschwinden“, ein handwerklich und schauspielerisch rundum gelungener nachdenklicher Film, der trotzdem beschwingt und leichtfüßig eine fröhliche Wirkung entfaltet, entschädigt die Fans von Martin Suter ein wenig für den nicht ganz misslungenen, aber auch nicht richtig wohlgeratenen Roman „Der Koch“.
Martin Suter: Der Koch. Roman. Diogenes Verlag 2010. Gebunden, Leinen. 320 Seiten. 21,90 Euro.
Martin Suter: Der Koch. Ungekürzt gelesen von Heikko Deutschmann. Diogenes Hörbuch 2010. 6 CDs, Spieldauer 437 Minuten. 29,90 Euro.
Giulias Verschwinden. Ein Spielfilm von Christoph Schaub, geschrieben von Martin Suter. Mit Bruno Ganz und Corinna Harfouch u. a. T & C Film Produktion Zürich 2009/10.
